Karfreitag

Karfreitag

Beitragvon Sonia » 24.03.2016, 11:01

Hier wurde ein interessanter Artikel zu Karfreitag eingestellt.

Drei Passagen finde ich besonders bedenkenswert:
Klar, man kann sich aufregen, dass öffentliche Tanzveranstaltungen verboten sind, aber das ist irgendwie doch kleinkariert. Zumal die Debatte um das Tanzverbot in den vergangenen Jahren fast das Einzige war, was man vom Karfreitag überhaupt noch mitbekommen hat.
Wenn ich mich recht entsinne, mündet die Karfreitagsfrage tatsächlich regelmäßig in die Debatte darum, ob Karfreitag ein Grund sein darf, Nichtgläubigen eine Beschränkung aufzuerlegen. War das nicht auch im Forum schon Thema?

Warum hilft Gott nicht? Darauf lassen sich viele Antworten geben, von "Weil er nicht will" bis "Weil es ihn nicht gibt". Die Antwort, die der christliche Karfreitag gibt, ist im Religionsvergleich außergewöhnlich und eben auch ein bisschen "töricht", denn sie lautet: Weil Gott nicht der große Zampano ist, der vom Himmel aus die Dinge regelt, sondern sich in so einem Fall dazugesellt: mitleidet, mitfriert, mitstirbt.
Wie ich es verstanden habe, ist genau dieses "Törichte" der Sinn der Sache: Dass Gott Mensch wurde, obwohl er es nicht musste. Dass er sich das "antut", obwohl er es hätte anders machen können. Damit der Mensch nicht allein sein muss mit dem ganzen Schlamassel und in dem Bewusstsein, dass Gott gut reden hat und nicht weiß wie es ist, dem "Menschsein" ausgeliefert zu sein.

Der Karfreitag könnte ein Feiertag sein, an dem wir uns diese brutale Realität der Menschheit ganz ohne verschönerndes Brimborium vor Augen führen. Ein Tag im Jahr, an dem wir kollektiv nicht die Augen vor dem Elend verschließen, sondern es uns ganz bewusst vergegenwärtigen. Ein Tag, an dem wir nichts beschönigen, sondern hinschauen, wie das Blut fließt, auch wenn es uns erschreckt und Angst macht. Nicht, um uns schuldig zu fühlen. Sondern um uns der Wirklichkeit zu stellen. Ein Tag, an dem wir nicht behaupten, schnelle Lösungen zu haben, wenn uns nur mal jemand machen ließe. Sondern ein Tag, an dem wir es aushalten, keine Lösung zu haben.
Das halte ich für einen guten Gedanken, der m. E. auch von Christen nicht als Banalisierung des Karfreitags betrachtet werden müsste, zumal es meiner Beobachtung nach auch unter Christen üblich ist, den Karfreitag nicht auszuhalten, sondern sogleich zum österlichen Happy End vorzublättern.

Beste Grüße
Sonia
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Re: Karfreitag

Beitragvon Holytux » 24.03.2016, 12:11

Danke Sonia,

Sondern ein Tag, an dem wir es aushalten, keine Lösung zu haben.


Ja.
Aber auch ein Tag, der uns - trotz "Glaubensbekenntnissen" - das "Warum?" schuldig bleibt. So wie ER die Antwort dem sterbenden Jesus nicht gab.
Vielleicht musste Jesus sterben, damit die Menschen nie vergessen, sich erinnern, wie damals vor 2000 Jahren jemand unschuldig starb - gottverlassen... (?)
So, und da ist jetzt zunächst mal NICHTS - kein Ostern weit und breit, nichts!
Da ist die Rätselhaftigkeit "Karsamstag". Stillstand. Schweigen. Hoffnungslosigkeit, die uns ratlos nach Emmaus aufbrechen lässt.
Hoffentlich gibt es Ostern für uns - für die arme Menschheit.
Hoffentlich.
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Re: Karfreitag

Beitragvon Holytux » 24.03.2016, 19:58

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Re: Karfreitag

Beitragvon Sonia » 24.03.2016, 21:37

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Re: Karfreitag

Beitragvon Cerebron » 25.03.2016, 16:47

auch

oder, gefasster: nun
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Re: Karfreitag

Beitragvon Holytux » 26.03.2016, 12:08

"...Es gibt im Evangelium eine Szene, die auf erregende Art das Schweigen des Karsamstags vorwegnimmt und so zugleich noch einmal wie ein Portrait unserer geschichtlichen Stunde erscheint. Christus schläft in einem Boot, das vom Sturm gepeitscht am Versinken ist. Der Prophet Elias hatte einst die Baalspriester, die vergebens lautstark zu ihrem Gott um Feuer für das Opfer schrien, verhöhnt, ihr Gott schlafe wohl, und man müsse vielleicht noch lauter rufen, um ihn aufzuwecken. Aber schläft Gott nicht wirklich? Trifft der Hohn des Propheten nicht zuletzt die Gläubigen des Gottes Israels, die mit ihm in einem versinkenden Boot fahren? Gott schläft, während seine Sache am Versinken ist - ist das nicht die Erfahrung unseres eigenen Lebens? Scheint die Kirche, scheint der Glaube nicht wie ein versinkendes kleines Schiff, das vergebens gegen Wind und Wellen kämpft, während Gott abwesend ist?

Die Jünger rütteln und schreien in äußerster Verzweiflung den Herrn wach - er aber scheint erstaunt und schilt sie kleingläubig. Nun, geht es uns anders? Wenn der Sturm vorüber sein wird, werden wir erkennen, wie töricht unser Kleinglaube war. Und dennoch, Herr, wir können nicht anders, als dich, den schweigenden, schlafenden Gott rütteln, zu dir schreien: Wach auf - siehst du denn nicht, dass wir versinken? Wach auf, lass die Dunkelheit des Karsamstags nicht endlos sein, lass einen Strahl von Ostern auch in unsere Tage fallen, geh mit uns, wenn wir hoffnungslos nach Emmaus wandern, dass unser Herz uns brennend werde von deiner Nähe. Der du Israels Wege verborgen geleitet hast, um endlich Mensch mit uns Menschen zu sein: Lass uns nicht im Dunkel, lass dein Wort in der Geschwätzigkeit dieser Tage nicht untergehen, Herr, hilf uns, denn ohne dich müssten wir zugrunde gehen. Amen."

Joseph Ratzinger, Meditationen zur Karwoche, Kyrios-Verlag, Freising 1969
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