In den Himmel gehen?

Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Cemper » 10.05.2013, 09:52

Tatyana hat geschrieben:Und wer ist dann die Mutter?

Tatyana - vor einiger Zeit hatte ich in einem Gottesdienst der Theologenfakultät Organistendienst. In einer großen alten Kirche stand ich beim Vaterunser-Gebet auf der Orgelempore und schaute über die ganze Gemeinde hinweg nach vorne in den Altarraum, in dem eine ältere Theologieprofessorin stand und sagte: "Wir beten das Vaterunser. - Gott, unsere Mutter und unser Vater im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme ..."

Ich sah, wie ein Ruck durch die schläfrige Gemeinde ging. "Gott, unsere Mutter und unser Vater ..." Das hatte viele christliche Frauen wachgerüttelt. Und Männer auch.
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Tatyana † » 10.05.2013, 10:47

In der christlichen Tradition wird Gott ja in aller Regel als männlich dargestellt, daher ist die Verwunderung nicht unverständlich. (habe ich das richtig in Erinnerung, dass die ursprüngliche jüdische Variante tatsächlich auch männlich und weiblich zugleich ist?)
Außerdem ist Gott als Vater UND Mutter in einer Person ungefähr so gut denkbar wie Gott als Dreieinigkeit.
Und kommen Sie mir nicht wieder mit "Sie sollen Gott doch auch nicht denken, weil es nicht geht". Warum hätte Gott uns Denkfähigkeit gegeben, wenn wir sie nicht einsetzen sollen?
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Kati » 10.05.2013, 12:15

Meine Nachbarin (Ingenieurin und Physikerin) hat mir neulich ihre Sicht der Welt erklärt:

"Ich glaube ja nicht an einen Kirchengott. Aber angesichts der Schöpfung und allem, was darinnen ist, stelle ich mir "Gott" so vor: Er ist in jedem von uns, jeder von uns (den Menschen und Tieren mit einem "Ich"-Bewusstsein) ist Gott. Er schaut durch unsere Augen und fühlt mit unseren Sinnen die verschiedenen Ansichtsmöglichkeiten der Welt. Gott ist neugierig. Genau wie wir. Er nutzt die verschiedensten Daseinsformen. Und die Summe all dessen ist die Schöpfung, sind wir, ist Gott. Wenn wir sterben, dann ist es, als würde ein neuer Tag beginnen - mit neuen Erlebnissen. Die Frage nach Geboten und Verboten oder nach Schuld stellt sich nicht dogmatisch. Wer "schuldig" wird, also sich versündigt, spürt das selbst - indem der Mensch schädigend in die Umwelt eingreift oder seine Mitgeschöpfe verletzt oder tötet, schadet er letztlich sich selbst." (sinngemäße Wiedergabe).

Das ist ein Gottes- und Menschenbild, dem ich mich sehr gut anschließen kann.

Freundliche Grüße
Kati
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon ___ » 10.05.2013, 12:26

Kati hat geschrieben:Meine Nachbarin (Ingenieurin und Physikerin) hat mir neulich ihre Sicht der Welt erklärt:

"Ich glaube ja nicht an einen Kirchengott. Aber angesichts der Schöpfung und allem, was darinnen ist, stelle ich mir "Gott" so vor: Er ist in jedem von uns, jeder von uns (den Menschen und Tieren mit einem "Ich"-Bewusstsein) ist Gott. Er schaut durch unsere Augen und fühlt mit unseren Sinnen die verschiedenen Ansichtsmöglichkeiten der Welt. Gott ist neugierig. Genau wie wir. Er nutzt die verschiedensten Daseinsformen. Und die Summe all dessen ist die Schöpfung, sind wir, ist Gott. Wenn wir sterben, dann ist es, als würde ein neuer Tag beginnen - mit neuen Erlebnissen."

Die Aussage zum Sterben verstehe ich noch nicht. Hat sie gesagt, für wen ein neuer Tag beginnt - für "Gott" oder für "uns"?

Für mich klingt das eigentlich eher nach dem Erneuerungsprozess, dem ein biologischer Körper unterliegt: Einzelne Zellen (=Lebewesen) sterben ab, der Körper (=Gott) bleibt aber derselbe und lebt als solcher weiter.


Kati hat geschrieben:"Die Frage nach Geboten und Verboten oder nach Schuld stellt sich nicht dogmatisch. Wer "schuldig" wird, also sich versündigt, spürt das selbst - indem der Mensch schädigend in die Umwelt eingreift oder seine Mitgeschöpfe verletzt oder tötet, schadet er letztlich sich selbst." (sinngemäße Wiedergabe).

Leider merkt "der Mensch" das (wie ein Trinker) erst immer nach dem nächsten Genozid.


Kati hat geschrieben:Das ist ein Gottes- und Menschenbild, dem ich mich sehr gut anschließen kann.

Ich auch. Leider - bzw. zum Glück - ist es schwer, daraus eine entsprechende Ethik abzuleiten. :wink:
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Kati » 10.05.2013, 12:53

...ich sehe da keine großen Schwierkigkeiten. Die Ethik kann weiterhin unter diesem Satz zusammen gefasst werden:

"Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst" -

Oder auch mit dem kategorischen Imperativ:
"Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu."

Das kann ethischer/ moralischer sein, als ständig darauf zu achten, dass man selbst oder andere nicht gegen irgendwelche gesellschaftlich oder religiös installierte Dogmen verstoßen.
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Cemper » 10.05.2013, 14:22

Tatyana hat geschrieben:Und kommen Sie mir nicht wieder mit "Sie sollen Gott doch auch nicht denken, weil es nicht geht".

Damit bin ich Ihnen noch nicht gekommen. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Die Empfehlung ist aber "nicht ganz falsch". Oder können Sie Gott denken? Meinen Sie, dass Menschen Gott denken können? Ich glaube das nicht; ich glaube aber, dass Menschen Gott danken können.

Warum hätte Gott uns Denkfähigkeit gegeben, wenn wir sie nicht einsetzen sollen?

Die Frage verstehe ich nicht. Gott verbietet doch nicht, dass wir unsere Denkfähigkeit einsetzen. Im Gegenteil - biblisch werden Menschen doch zum Denken aufgefordert. Dabei wird aber - nach meinem Verständnis - davon ausgegangen, dass das Denken zu der Einsicht führt, dass wir Gott nicht denken können, jedenfalls Gott nicht so denken können, wie wir üblicherweise denken, und dass wir uns dann bescheiden - z.B. in der Weise, dass wir anerkennen, dass es etwas gibt, was uns denkend nicht zugänglich und nicht verfügbar ist. Beispiel: "Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen." Im Verfassungsrecht wirkt sich eine solche Sicht in der Präambel aus (in der Anrufung Gottes) und im höchsten Rechtswert: der Menschenwürde. Im Übrigen meine ich, dass wir die Frage nach Gott auch so sehen sollten, wie der Physiker Heisenberg es beschrieben hat (sinngemäß): Die Frage nach Gott ist die Frage nach dem, was wir tun sollen.

Ansonsten - das ist alles so schwierig, dass man hier nur den Anfang eines Anfangs andeuten kann. Ein Beispiel ist einer der bekannten Sätze des Großtheologen Karl Barth: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Tatyana † » 10.05.2013, 18:50

Nein, ich kann Gott nicht denken. Aber ich kann mich in Gedanken für mich einem persönlichen Gottesbild annähern. Es im Laufe der Zeit verändern, verfeinern, abändern, verwerfen, neu zeichnen. Hat sowas von einer Kreisberechnung.

Wie kann ich Gott den HERRN als Gott Muttervater denken?
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Cemper » 10.05.2013, 21:20

Das weiß ich nicht. Ich kann Ihnen nur sagen: Darüber würde ich mir nicht "den Kopf zerbrechen". Wenn Ihnen diese Frage aber wichtig ist, dann sollten Sie "Gott fragen". Vielleicht geht das über einen "inneren Dialog". Man nennt das auch "Gebet".
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Tatyana † » 11.05.2013, 06:20

Die "Antwort" würde dann mehr über mich aussagen als über Gott, fürchte ich.
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Cemper » 11.05.2013, 07:32

Warum fürchten? Wäre das sooo schlimm? :wink:
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Re: In den Himmel gehen?

Beitragvon Tatyana † » 11.05.2013, 07:38

Möglicherweise :wink:
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