Christentum und Realität

Anmerkungen zum Geschehen in der christlichen Welt

Christentum und Realität

Beitragvon Klaus Binding » 06.06.2013, 17:04

Christus sagte: schlägt dir jemand auf die eine Wange, halte ihm die andere hin... er sagte nicht: geh zur Polizei und mache eine Anzeige wegen Körperverletzung ! Wie ernst nehmen wir Christi Worte im Alltag ?? Paulus sagt in Bezug auf Streitigkeiten in der Gemeinde: Warum lasst iht euch nicht Unrecht antun ?? Hinnehmen( in stiller Stärke) oder weltliches Recht ? Was "ziemt" dem Christen-Menschen ?
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Cemper » 06.06.2013, 17:38

Für neuap. Christen gilt:

10. Glaubensartikel:
Ich glaube, dass ich der weltlichen Obrigkeit zum Gehorsam verpflichtet bin, soweit nicht göttliche Gesetze dem entgegenstehen.


Das heißt - so verstehe ich es jedenfalls - auch, dass der neuap. Christ als Staatsbürger sich im Rahmen des geltenden Rechts "bewegt". Er kann sich so oder so verhalten - also auch "die andere Backe" ...

Ansonsten würde ich die Frage nicht in christlicher, sondern in moralischer und demokratischer Sicht betrachten. Die Geltung von Recht ist ja in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht in einer Glaubensperspektive zu betrachten, sondern in einer demokratischen. Vereinfacht gesagt: Keine Demokratie ohne Recht, aber auch kein Recht ohne Demokratie. Vielleicht ist - beispielsweise - die Lektüre dieses Aufsatzes sinnvoll: Klick

HC
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Bert » 06.06.2013, 17:42

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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Klaus Binding » 06.06.2013, 17:54

@ cemper ... und wenn die Obrigkeit Menschenrechte mit Füßen tritt... außerdem ist der Hinweis auf die Obrigkeit eine faule Ausrede -nur die individuelle Gewissensfrage entscheidet!
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon orig.gabi » 06.06.2013, 17:55

Vermutlich wird diese Bibelaussage heute nicht in ihrem ursprünglichen Kontext verstanden -sie sollte vermutlich keinesfalls
zu einer absolut friedlich - devoten Haltung auffordern.

Der Schlag auf die Wange mit dem Handrücken war zu Jesu Zeiten ein ausdrückliches Mittel der Erniedrigung, der ausschließlich ranghohen Personen
gegenüber ihnen Untergebenen erlaubt war.

Wie kam es wohl an, wenn ein Geringer nicht vor dem, der a.G. seiner Stellung und seines Standes befugt war, ihn nach Laune zu demütigen und zu
schlagen, auf die Knie fiel sondern ihm aufrecht auch noch seine andere Wange hinhielt?

Vermutlich wurde das als eine außerordentliche Provokation verstanden, die noch mehr Gewalt versursachte.
Der, der Demut nach seiner Vorstellung erwartete, wurde durch eine absolut nicht erwartete, selbstbewusste Demutsgeste irritiert.
Und häufig wohl erzürnt, was sich in neuerlichen Gewalttaten entladen haben dürfte ...

Es ging m.E. nicht um Gewaltlosigkeit und Frieden, sondern um ein aufrechtes Rückgrat des vor Gott freien Menschen und die Bekenntnis zu Gott,
der immer wiedersagt: Niemand steht über Dir als allein ich, Dein Gott. Ich bin bei Dir und Du fällst am Ende immer in meine Hand.Darauf vertraue.
Gott ist Liebe, und wer in der Liebe ist,
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Cemper » 06.06.2013, 18:05

Bert hat geschrieben:Klick


Nun ja. Und was heißt das für die ca. 500 Millionen Bürger der EU? Oder für die ca. 320 Millionen Bürger der USA? Oder für die Weltbevölkerung? Was heißt das für die "Konstruktion" der politischen Institutionen und die Rechtsentwicklung? Wer kann "das" wie umsetzen? Welche politischen Strategien sind da möglich?

Klaus Binding hat geschrieben:@ cemper ... und wenn die Obrigkeit Menschenrechte mit Füßen tritt... außerdem ist der Hinweis auf die Obrigkeit eine faule Ausrede -nur die individuelle Gewissensfrage entscheidet!
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Ja - aber was heißt das denn konkret? Sehen Sie - in der Nazi-Zeit galt der Satz: "Recht ist, was dem deutschen Volke nutzt." Da wurde auch mit dem Gewissen argumentiert. Die alternative Position war: "Es nutzt dem deutschen Volk, wenn das Recht herrscht." - Aber die Frage ist eben: Was ist denn Recht? (Am Rande: Art. 10 Glaubensbekenntnis der NAK ist kurios. Ich meine, dass Stammapostel Dr. Leber die Neuap. Kirche auf der Ebene Lehre / Katechismus revolutioniert hat und dass man ihm dafür dankbar sein kann und muss. Eine andere Frage ist natürlich, was weltweit und besonders in Deutschland und der Schweiz auf gemeindlicher Ebene und in den Köpfen passiert. Hier kann man nichts anderes tun als den Dingen ihren Lauf lassen - Menschen kann man nicht ändern. Jedenfalls nicht "mal so eben". Das braucht Zeit - Generationen. - Art. 10 Glaubensbekenntnis NAK hätte bei der Überarbeitung entfernt werden sollen. Der Artikel wirkt - jedenfalls auf mich - so: Wir passen uns schon an. Andererseits: Wer weiß, wie die Situation neuap. Kirchen weltweit ist. Gibt es da evtl. Bedrängnisse, die einen solchen Artikel sinnvoll machen?
Zuletzt geändert von Cemper am 07.06.2013, 09:18, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Klaus Binding » 07.06.2013, 09:17

@ cemper, für Christen keine so wichtige Frage, es geht nicht um Recht, es geht um Liebe. Recht kann man verdrehen... Und, das Gewissen ist nicht relativierbar, es ist ein "Christus-Geschenk", dass es vor Christi gar nicht gab. In der griechischen Tragödie taucht der Begriff zum ersten Mal auf. Es ist das Christus-Ich in unserem Ich.
liebe Grüße aus Niedersachsen, K.B.
@org.gabi woher weißt du, dass zu Christi Zeiten mit dem Handrücken ins Gesicht geschlagen wurde ? Das hab ich noch nie gehört, in alten Übersetzungen wird die Ohrfeige auch als Backenstreich übersetzt, was eher auf die Handinnenfläche hinweist... l.G.
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Cemper » 07.06.2013, 09:31

Werter Klaus, ich habe meinen Eintrag gerade - zeitgleich mit Ihrer Antwort - etwas erweitert.

Ja, es geht um Liebe. Und Recht kann man verdrehen. Ich muss Ihnen aber sagen, dass ich die Gegenüberstellung nicht ganz verstehe. Ich weiß nicht, was Sie konkret meinen. Es ist doch nicht so, dass Liebe die verlässliche und Recht die schwankende Kategorie ist. Da lieben sich zwei Menschen. Sie heiraten. Nach einigen Jahren wirft sie ihm das Geschirr hinterher. Die beiden treffen sich dann im Familiengericht. Das dort zur Anwendung kommende Recht schafft mehr Ordnung als das Werfen mit Geschirr.

Ihren Hinweis zur Nichtrelativierbarkeit des Gewissens verstehe ich auch nicht. Meinen Sie, dass Menschen vor dem Jahre Null unserer Zeitrechnung kein Gewissen hatten? Meinen Sie, dass erst das christlich geprägte Gewissen das "richtige" Gewissen ist?
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Klaus Binding » 07.06.2013, 09:52

@ lieber cemper, Liebe ist in der Tat die "verlässliche" Variante, natürlich Liebe im tiefsten Sinn, Emotionen sind vergänglich und verdrehbar wie das Recht. Liebe ist eben weit mehr als Emotonalität, mehr als ein spontanes Gefühl, es ist eine Fähigkeit, zu der man/frau sich entwickeln kann, wenn man/frau es nur will! Das "richtige" Gewissen muss nicht zwangsläufig christlich sein. Es lebt in der Wahrheit des göttlich Guten- es ist nicht zu relativieren. Und es ist so, dass der Begriff des Gewissens, das Befragen des inneren Wortes, das IMMER wahr ist, erst seit Christus in der Welt existiert. Das Wort gibt es in alten Schriften nicht, auch nicht im AT. Natürlich sind wir nicht frei von Verirrungen.... Gewissen ist das was Paulus als "Christus in mir" bezeichnet, und er war sich da sehr sicher. Wer wäre noch unsicher hinsichtlich moralischer Entscheidungen, wenn Christus selbst in ihm spräche ?? Wie gesagt muss sich das (in Freiheit) entwickeln, wir müssen aktiv daran arbeiten, nicht ganz einfach :-)
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Bert » 07.06.2013, 10:37

Cemper hat geschrieben: Nun ja. Und was heißt das für die ca. 500 Millionen Bürger der EU? Oder für die ca. 320 Millionen Bürger der USA? Oder für die Weltbevölkerung? Was heißt das für die "Konstruktion" der politischen Institutionen und die Rechtsentwicklung? Wer kann "das" wie umsetzen? Welche politischen Strategien sind da möglich?


Ich kann diese Fragen nicht beantworten. :(
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon orig.gabi » 07.06.2013, 12:43

Klaus Binding hat geschrieben:
@org.gabi woher weißt du, dass zu Christi Zeiten mit dem Handrücken ins Gesicht geschlagen wurde ?


Mit dem Handrücken Untergebene als Geste der Demütigung auf die Wange zu schlagen, gehörte zu Zeiten Jesu zu den Rechten römischer Bürger.
Das hat mir vor Jahren einmal ein sehr an der römischen Geschichte interessierter Lateinlehrer erzählt.
Allerdings ohne jeglichen biblischen Zusammenhang.

Wenn der berücksichtigt wird, wird es interessant.

Ich kannte diesen Link bis heute Mittag nicht, bin da nicht involviert.
Es gibt allerdings etliche , die Gleiches aussagen.
Es ging mir nur darum zu beweisen, dass das Schlagen mit dem Handrücken ... usw.

http://www.die-bergpredigt.de/2012/04/2 ... ergeltung/
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Klaus Binding » 07.06.2013, 14:28

@ org.gabi Danke für deinen Hinweis, ich war einfach neugierig... es passt allerdings nicht zu Christus seine Aufforderung zur Gewaltlosigkeit auf weltliche, römische Verhältnisse zu beziehen, das wäre eine banale Spitzfindigkeit. Gewalt erzeugt immer Gewalt. Mit dem Hinhalten der anderen Wange bewirkt man etwas im Gegenüber, drängt den Hass zurück, weicht aber auch nicht zur Seite... es ist das Prinzip des passiven Widerstandes. Ganz schön im Film "Gandhi" zu sehen, als der Mahatma mir Charly Andrews auf dem Bürgersteig von drei jungen Rassisten bedroht wird.
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon orig.gabi » 07.06.2013, 15:49

Klaus Binding hat geschrieben:@ org.gabi Danke für deinen Hinweis, ich war einfach neugierig... es passt allerdings nicht zu Christus seine Aufforderung zur Gewaltlosigkeit auf weltliche, römische Verhältnisse zu beziehen, das wäre eine banale Spitzfindigkeit. Gewalt erzeugt immer Gewalt. Mit dem Hinhalten der anderen Wange bewirkt man etwas im Gegenüber, drängt den Hass zurück, weicht aber auch nicht zur Seite... es ist das Prinzip des passiven Widerstandes. Ganz schön im Film "Gandhi" zu sehen, als der Mahatma mir Charly Andrews auf dem Bürgersteig von drei jungen Rassisten bedroht wird.
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Diese Bibelstelle, die Aufforderung des Jesus Christus," wenn einer ...auch die andere Wange hinzuhalten", wird tatsächlich oft mit Gandhis Verhalten in einen Zusammenhang gesetzt.
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Re: Christentum und Realität

Beitragvon Klaus Binding » 07.06.2013, 17:46

Liebe Gabi, vielleicht hat Gandhi den Christus viel besser verstanden als wir....
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