BESCHNEIDUNG

Anmerkungen zum Geschehen in der christlichen Welt

BESCHNEIDUNG

Beitragvon Cemper » 04.07.2012, 14:11

Das Landgericht Köln hat unlängst die Beschneidung als Körperverletzung definiert und sie nur dann als rechtlich unbedenklich beurteilt, wenn sie von einem mündigen Individuum in freier Entscheidung gewollt wird. Das heißt praktisch, dass Muslime und Juden ihre Söhne entgegen ihrer religiösen Tradition in Deutschland nicht mehr beschneiden lassen können bzw. Beschneider sich strafbar machen. Es gibt hier ein rechtliches Spannungsverhältnis zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und der Ausübung der Religion (zu der auch die Beschneidung gehört) und dem Elternrecht auf Erziehung der Kinder (zu dem auch die religiöse Erziehung und die stellvertretende Entscheidung für die Beschneidung gehören) sowie dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit (die den unbeschnittenen natürlichen Geburtszustand einschließt). Juden und Muslime protestieren gegen das Urteil. Nichtjüdische und nichtmuslimische Deutsche sehen das Urteil unterschiedlich.

Um die Dimensionen grob anzudeuten: Christen werden durch die Taufe in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen. Für Muslime ist die Beschneidung Zeichen der Religionszugehörigkeit. Juden sehen die Beschneidung als Ausdruck des Bundes mit Gott bzw. als Erinnerung daran.

Was meint "das Forum"? Soll in Deutschland das Grundrecht der Religionsfreiheit und das Grundrecht der Eltern auf Erziehung der Kinder Vorrang haben vor dem Grundrecht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit? Im Falle einer Verneinung würde in Deutschland - anders als in anderen Ländern - die Fortsetzung einer drei- oder viertausend Jahre alten jüdischen und einer nicht so alten, aber auch alten islamischen Tradition "per Rechtsbeschluss" unterbunden.
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Corinna » 04.07.2012, 15:02

Darf ich es einmal kurz machen?

Nur ganz persönlich für mich als Mutter und der damit verbundenen Kenntnis über die Verfahrensweise bei Beschneidungen?

Für mich ist das ohne medizinische Notwendigkeit Körperverletzung.
Ohne Vollpfosten hätten wir nichts zu lachen. Also nimm dir Zeit und danke dem nächsten Pfosten dafür.
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Gaby » 04.07.2012, 15:16

http://www.pflegewiki.de/wiki/Zirkumzision

Wenn man obigen Link liest, scheint mir die religiöse Freiheit zweitrangig.
Für mich ist es ohne medizinische Indikation ebenfalls Körperverletzung.
Wenn die religiöse Freiheit über allem steht, müssten zum Beispiel Zwangsverheiratungen in Deutschland auch erlaubt sein. Sind sie aber nicht ... seit dem 1. Juli 2011 ist in Deutschland die Zwangsheirat im neuen § 237 StGB unter Strafe gestellt. Und das wurde auch Zeit ...
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Bert » 04.07.2012, 16:07

Wenn die Beschneidung als reine Optik gewertet werden kann und nicht als Beschädigung des Leibes mit negativen körperlichen Folgen (z.B. Verringerung von Lustempfinden), dann hätten wir es mit einer harmlosen Angelegenheit zu tun etwa wie Haare oder Fingernägel schneiden und es wäre nicht opportun, von einer Körperverletzung zu reden. Ich habe allerdings in der Frage keine persönlichen Erfahrungen und muss mich da zurückhalten. Es müßten sich Fachleute dazu äussern, und wie ich Internet-Veröffentlichungen entnehmen kann, gibt es unter diesen keine einheitliche Beurteilung. Da wäre es doch allemal vernünftiger, irreparable körperliche Eingriffe beim Kind zu unterlassen, mit der Massgabe, dass dieser Mensch über die Durchführung eines solchen 'Rituals' an seinem Körper selbst entscheiden soll oder kann, sobald er dazu in der Lage ist.

Offen gestanden, ich tu mich schwer, nachzuvollziehen, dass eine Beschneidung am Geschlechtsteil religiös begründet werden kann. Aber das ist ein anderes Thema.

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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Cerebron » 04.07.2012, 16:19

Die Religion kann man wechseln, amputierte Körperteile bekommt man nicht so einfach zurück. Ich halte es deshalb für sinnvoll, mit religiös motivierten Amputationen zumindest so lange zu warten, bis der zu Amputierende selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden darf.
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon a cappella » 04.07.2012, 17:17

Die Vorhaut als "Körperteil" anzusehen, scheint mir zwar nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig.
Wenn schon Beschneidung, dann hoffentlich medizinisch ordentlich. Und natürlich nur bei Jungen.
Was Hygiene anbelangt ist eine Beschneidung eher ein Vorteil. Wenn man auch davon ausgehen kann, dass das in unserer Gesellschaft nicht das Hauptthema sein wird. (sein sollte?)
Das Lustempfinden ist durch eine Beschneidung nicht beeinträchtigt.
Was "besser" oder "schlechter" ist, wird man kaum herausbekommen können, da kein Mann den "anderen Zustand" kennt.

Und woher weiß das a cappella?
Ihr dürft dreimal raten. 8)

FG, a c.
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon orig.gabi » 04.07.2012, 18:24

Dass das Lustempfinden nicht beeinträchtigt wird, ist so wohl nicht ganz richtig.

Ich kenne einige wenige Männer persönlich, die sich als (junge) Erwachsene - und zwar nachdem sie in Sachen Erotik
nicht mehr unerfahren waren - haben beschneiden lassen, z.T., um einer Partnerin muslimischen Glaubens zu gefallen.
Zwei bereuen diesen Schritt ganz deutlich, eben weil sich das Empfinden ihrer Ansicht doch deutlich verändert hat,
jedoch nicht zum eigenen Vorteil.

In den USA gab es vor Jahren regelrechte Klagewellen von erwachsenen Männern gegen ihre Eltern und gegen Ärzte, weil diese diese Männer als Kinder ohne jeglichen medizinischen Grund beschneiden ließen, bzw. deren Beschneidung vornahmen.
Als einer der Klage - Gründe wurde genau diese angeblich verminderte Sensibilität des betroffenen Körperteils genannt.

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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Peter B aus E » 04.07.2012, 18:59

Cemper hat geschrieben:Das Landgericht Köln hat unlängst die Beschneidung als Körperverletzung definiert und sie nur dann als rechtlich unbedenklich beurteilt, wenn sie von einem mündigen Individuum in freier Entscheidung gewollt wird. Das heißt praktisch, dass Muslime und Juden ihre Söhne entgegen ihrer religiösen Tradition in Deutschland nicht mehr beschneiden lassen können bzw. Beschneider sich strafbar machen. Es gibt hier ein rechtliches Spannungsverhältnis zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und der Ausübung der Religion (zu der auch die Beschneidung gehört) und dem Elternrecht auf Erziehung der Kinder (zu dem auch die religiöse Erziehung und die stellvertretende Entscheidung für die Beschneidung gehören) sowie dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit (die den unbeschnittenen natürlichen Geburtszustand einschließt). Juden und Muslime protestieren gegen das Urteil. Nichtjüdische und nichtmuslimische Deutsche sehen das Urteil unterschiedlich.

Um die Dimensionen grob anzudeuten: Christen werden durch die Taufe in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen. Für Muslime ist die Beschneidung Zeichen der Religionszugehörigkeit. Juden sehen die Beschneidung als Ausdruck des Bundes mit Gott bzw. als Erinnerung daran.

Was meint "das Forum"? Soll in Deutschland das Grundrecht der Religionsfreiheit und das Grundrecht der Eltern auf Erziehung der Kinder Vorrang haben vor dem Grundrecht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit? Im Falle einer Verneinung würde in Deutschland - anders als in anderen Ländern - die Fortsetzung einer drei- oder viertausend Jahre alten jüdischen und einer nicht so alten, aber auch alten islamischen Tradition "per Rechtsbeschluss" unterbunden.


Man sollte nicht vernachlässigen,was eben diesem Urteil voraus lief.
Eltern hatten einen völlig gesunden Jungen aus religiösen Gründen beschneiden lassen.
Infolge deren es zu starken Komplikationen kam.

LG,Peter B.
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Gaby » 04.07.2012, 19:10

http://mannhaft.blogspot.de/2011/10/bes ... _7733.html

>>Ben Rabbi Nathan zur Frage, ob ein Jude beschnitten sein muss:

„- Jude ist, wer mütterlicherseits von Juden abstammt.- Die Beschneidung ist als ein Bündniszeichen zwischen Gott und den Juden sehr wichtig. Sie allein entscheidet nicht über die Zugehörigkeit zum Judentum.- Bei nicht beschnittenen Erwachsenen wird eine symbolische Beschneidung vorgenommen. Für jüdische Eltern, die ihren Sohn nicht beschneiden lassen möchten, die aber dennoch eine Feier zur Einführung des Jungen in die Religion wünschen, bieten progressive Rabbis eine alternative Zeremonie namens "Brit Shalom" an.“ <<

>>Im Koran wird die Beschneidung nicht erwähnt. Stattdessen wird in der Sunna des Propheten Ibrahim (Abraham) wie folgt überliefert:

„Es gibt 5 Dinge, die zur natürlichen Hygiene gehören: Die Entfernung des Schamhaares, die Beschneidung, das Kürzen des Schnurrbartes, die Entfernung des Achselhaars und das Schneiden der Fingernägel."

Ein Zeitpunkt der Beschneidung ist nicht genannt. Bei erwachsenen Konvertiten kann die Beschneidung aufgeschoben bzw. ganz darauf verzichtet werden. [46 Fragen zum Islam]<<


>>Wie oben schon dargelegt, ist die Beschneidung nach den Regeln beider Religionen grundsätzlich religionsbestätigend, nicht -begründend.<<

Wie dieser Artikel aufzeigt kann es durchaus zu Komplikationen nach so einem Eingriff kommen.
Ist die Zirkumzision laut Arzt medizinisch indiziert ist es zum Wohle eines Kindes, aber religiöse Gründe sollten da keine Rolle spielen finde ich. Wie zu lesen gibt es in den betreffenden Religionen diesbezüglich sogar verschiedene Sichtweisen ... warum soll man also zulassen, dass mit diesem Eingriff gegen unser Grundgesetz verstoßen wird?
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Bert » 04.07.2012, 19:25

Ich stelle noch einen Link ein auf Uni-Protokolle und einen dort veröffentlichten Aufsatz zur Sache. Auf den Abschnitt 'Folgen der Beschneidung' weise ich besonders hin.
Ich kann verstehen, dass da nicht jeder Mann dabei sein möchte, beim Beschnittensein!
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Gaby » 04.07.2012, 19:26

Dem Artikel im Stern zu dem Urteil kann ich zustimmen:

http://www.stern.de/panorama/ende-einer ... 46270.html

Zitat: "Es wird, nachdem die reflexhafte Empörung abgeklungen ist, hoffentlich eine Diskussion darüber in Gang setzen, wie viel religiös motivierte Gewalt gegen Kinder eine Gesellschaft zu tolerieren bereit ist", kommentierte er.

und

"Das Gericht hat sich - anders als viele Politiker - nicht von der Sorge abschrecken lassen, als antisemitisch und religionsfeindlich kritisiert zu werden", sagte Putzke der "Financial Times Deutschland" (FTD)

Ein Gericht hat nun mal das Gesetz zu vertreten und nichts anderes ... ich hoffe, daran denken sämtliche Richter in Deutschland und lassen sich nicht von der Politik oder sonst irgendjemanden in ihren Urteilen beeinflussen.
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Corinna » 04.07.2012, 19:47

Cerebron hat geschrieben:Die Religion kann man wechseln, amputierte Körperteile bekommt man nicht so einfach zurück. Ich halte es deshalb für sinnvoll, mit religiös motivierten Amputationen zumindest so lange zu warten, bis der zu Amputierende selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden darf.




Die Rate der dann erfolgten Beschneidungen dürfte dann gegen Null tendieren. :mrgreen:
Ohne Vollpfosten hätten wir nichts zu lachen. Also nimm dir Zeit und danke dem nächsten Pfosten dafür.
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Bert » 04.07.2012, 20:15

Das meine ich auch. So nehme ich auch an, dass die Beschneidung kaum so durchsetzbar wäre, würde sie nicht im Kindesalter unternommen. :cry:
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Re: BESCHNEIDUNG

Beitragvon Corinna » 04.07.2012, 20:31

Bert hat geschrieben:Das meine ich auch. So nehme ich auch an, dass die Beschneidung kaum so durchsetzbar wäre, würde sie nicht im Kindesalter unternommen. :cry:



Psychologen haben bisher immer davor gewarnt Beschneidungen bei älteren Jungen durchzuführen. Erhebliche Traumatisierungen wären die Folge.
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