Über Johannes 16, 16-23a (Luther ’84) - Ein Versuch

Über Johannes 16, 16-23a (Luther ’84) - Ein Versuch

Beitragvon philipp » 07.09.2015, 12:59

Joh 16, 16-23a hat geschrieben:16 Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. 17 Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? 18 Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. 19 Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. 21 Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. 22 Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. 23 An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.

Über Jesu Gewißheit seines baldigen Wiederkommens und die daraus erwachsende Freude:

Jesus nimmt die Frage der Jünger zum Anlass, ihnen etwas über seine Gewissheit zu sagen, dass er ja bald wiederkommen wird und darum die jetzige Not nur mit den Geburtswehen einer werdenden Mutter zu vergleichen ist, denen nach überstandener Not große Freude folgt. Die Freude der Jünger wird dann so groß sein, dass sie gar keine Frage mehr auf dem Herzen haben. Das ist Ostern wahr geworden und wird noch mehr der Fall sein, wenn er wiederkommen wird.
(Kommentar zu Joh.16,16-23a aus „Die Bibel mit Erklärungen, übersetzt von Hans Bruns“, Brunnen Verlag Giessen ‘93)

Die Szene aus Joh.16, 16-23a entstammt Jesu Abschiedsreden. Bereits zuvor, in Joh. 14,18-24 hat Jesus davon gesprochen, dass er fortgehen würde. Er sagt seinen Jüngern zum wiederholten Mal, dass sie ihn bald nicht sehen werden (Joh.16,16), später werden sie ihn aber wieder sehen. In Joh.14,19 bereits sagt Jesus, dass die Welt ihn nicht sehen würde, seine Jünger aber sollen ihn dann sehen können. Daraufhin zeigen sich die Jünger verwirrt - und sicher nicht nur die.
Jesus versucht, die Jünger schonend auf das vorzubereiten, was wenige Tage später auf sie zukommt. Er sagt ihnen voraus, dass er in den Tod gehen wird; dann sehen sie ihn nicht mehr. Er kündigt seinen Jüngern auch seine Auferstehung an; wenig später aber werden sie, die Jünger, ihn wiedersehen. Die Welt wird ihn aber nicht sehen (Joh.14,19), weil er als der Auferstandene sich seinen Getreuen, nicht aber der Welt zeigen wird.
Möglicherweise sind die Jünger unsicher geworden, sie trauen sich nicht mehr, Jesus direkt anzusprechen, stattdessen rätseln und beratschlagen sie untereinander, was der große Meister mit seinen umständlichen Reden wohl gemeint haben könnte. - „Was redet der da schon wieder?“ - Sie trauen sich jetzt nicht, wie Philippus und Thomas kurz zuvor (Joh.14, 5 ff.), Jesus in die Parade zu fahren: „Zeig uns den Weg! Zeig uns den Vater!“ – frei übersetzt: „Erklär uns bitte mal, wo’s langgeht, wie’s weitergeht und für was das Ganze schlussendlich gut sein soll. Wir verstehen Dich nicht!“
Jesus hat wohl gespürt, dass seine Jünger unsicher geworden sind, sich von ihm etwas abwenden und untereinander tuscheln. Er weiß aber auch, worum es geht und was die Jünger verunsichert; und er wiederholt und bekräftigt seine Aussage. Er kündigt ihnen eine so große Freude an, dass keine weiteren Fragen erforderlich sind.
Mir fällt auf, dass der Erzähler und Autor des Johannesevangeliums die Ankündigung Jesu zweimal wortgleich wiederholt: Er lässt die Ankündigung Jesu von den Jüngern als Frage und dann von Jesus als Bekräftigung seiner Ankündigung wiederholen. Die Jünger fragen, wohin er, Jesus, ‚zum Vater‘ gehen will und was eine kleine Weile bedeutet. Statt diese Fragen zu beantworten, wiederholt Jesus seine Ankündigung und erzählt übergangslos, scheinbar völlig zusammenhanglos von der Niederkunft einer Frau und deren Freude über das neue Leben, das bei der Geburt zur Welt kommt – ein Wechsel, ein Bruch im Text, der m.E. seinesgleichen sucht. - Kurzum, Jesus kündigt seinen Tod an, aber auch seine Auferstehung und die damit verbundene Freude.
Jesus ist sich seines Auftrages und seiner Zukunft sicher; die Jünger ahnen möglicherweise auch bereits, welches Unheil da am Horizont aufzieht, wollen es aber nicht verstehen bzw. wahrhaben, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Sie sind verunsichert, rätseln untereinander und trauen sich nicht nachzufragen, möglicherweise haben sie Angst vor einer unbequemen Antwort. Jesus gibt aber keine weiteren Erklärungen - vielleicht weil er die Jünger nicht ängstigen will. Noch ist es ja nicht soweit. Stattdessen verlangt er Vertrauen in Gottes Allmacht und Güte. Er will seine Freunde und Jünger wiedersehen, er will zu ihnen zurückkehren als der Auferstandene und er sagt ihnen große Freude, die Osterfreude, voraus.
philipp
 
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