14.3.2010 Der Weg Jesu

14.3.2010 Der Weg Jesu

Beitragvon alexander rombach » 27.02.2010, 21:09

Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tag auferstehen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!

Matthäus 16, 21.22
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14.3.2010 - Matthäus 16, 21.22

Beitragvon fg » 11.03.2010, 20:39

Das Bekenntnis des Petrus
(siehe Synopse° in: Mk 8,27-30, Lk 9,18-21, Joh 6,66-69)

13 Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: »Für wen halten die Leute den Menschensohn?« – 14 »Manche halten dich für Johannes den Täufer«, antworteten sie, »manche für Elia und manche für Jeremia oder einen der anderen Propheten.« – 15 »Und ihr«, fragte er, »für wen haltet ihr mich?« 16 Simon Petrus antwortete: »Du bist der Messias5, der Sohn des lebendigen Gottes!« 17 Darauf sagte Jesus zu ihm: »Glücklich bist du zu preisen, Simon, Sohn des Jona; denn nicht menschliche Klugheit6 hat dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Deshalb sage ich dir jetzt: Du bist Petrus7, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und das Totenreich mit seiner ganzen Macht wird8 nicht stärker sein als sie. 19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf der Erde bindest, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf der Erde löst, das wird im Himmel gelöst sein.« 20 Dann schärfte Jesus den Jüngern ein, niemand zu sagen, dass er der Messias sei.

Jesus kündigt zum ersten Mal sein Leiden und Sterben und seine Auferstehung an
(siehe Synopse° in: Mk 8,31-33, Lk 9,22)

21 Danach redete Jesus mit seinen Jüngern zum ersten Mal offen darüber, dass er nach Jerusalem gehen und dort von den Ältesten, den führenden Priestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden müsse; er werde getötet werden und drei Tage danach9 auferstehen. 22 Da nahm ihn Petrus beiseite und versuchte mit aller Macht, ihn davon abzubringen10. »Niemals11, Herr!«, sagte er. »Auf keinen Fall darf12 so etwas mit dir geschehen!« 23 Aber Jesus wandte sich um und sagte zu Petrus: »Geh weg von mir13, Satan! Du willst mich zu Fall bringen. Was du denkst, kommt nicht von Gott, sondern ist menschlich!14«

Anforderungen der Nachfolge
(siehe Synopse° in: Mk 8,34-9,1, Lk 9,23-27, Joh 12,25)

24 Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Wenn jemand mein Jünger sein15 will, muss er sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen16. 25 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. 26 Was17 nützt es einem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, wenn er selbst dabei unheilbar Schaden nimmt18? Oder was kann ein Mensch als Gegenwert für sein Leben19 geben? 27 Denn der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und wird jedem nach seinem Tun vergelten. 28 Ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden nicht sterben20, bis sie den Menschensohn in seiner Königsherrschaft21 kommen sehen.
(NGÜ – Neue Genfer Übersetzung)

5 Od Christus. Ebenso in Vers 20.
6 W nicht Fleisch und Blut.
7 »Fels«.
8 W und die Tore des Totenreichs werden.
9 W und am dritten Tag. Bei dieser »inklusiven« Zählweise wird der Tag, an dem Jesus stirbt, mitgerechnet. Nach der bei uns üblichen Zählung handelt es sich um den zweiten Tag danach.
10 W und begann ihn zurechtzuweisen.
11 Od Gott bewahre dich davor.
12 Od wird.
13 W Geh hinter mich.
14 W Du bist mir ein Anstoß. Denn du denkst nicht die Dinge Gottes, sondern die der Menschen.
15 W Wenn jemand hinter mir hergehen.
16 Od verleugnen und sein Kreuz auf sich nehmen, dann wird er mein Nachfolger sein.
17 W Denn was.
18 W zu gewinnen, aber sein Leben / seine Seele einzubüßen.
19 Od für seine Seele.
20 W werden den Tod nicht schmecken.
21 Od in seinem Reich.

W: Wörtlich; Od: Oder; Aü: Andere übersetzen; AL: andere Lesart
° Synopse = Zusammenschau


meine persönlichen Gedanken zum Bibelwort und für den Gottesdienst

Zunächst möchte ich niemand den folgenden – wie ich finde, wunderbaren – Text vorenthalten: Das Messias­bekenntnis des Petrus (16,13-28)*. Anstelle von „Kirche“ lese ich lieber „Gemeinde“, weil die Gemeinde der Raum ist, in dem ich mich bewege und in dem Gläubigen leben.

„Die Gestalt des Petrus spielt im Matthäusevangelium eine wichtige Rolle. Manche Exegeten meinen, Petrus sei vor allem in der syrischen Kirche die bestimmende Autorität gewesen, und dort sei auch das Matthäusevangelium entstanden. In der katholischen Exegese wurde dieser Text immer wieder herangezogen, um den Primat des Papstes zu begründen. Doch heute rücken auch die katholischen Exegeten von dieser Deutung ab. In der evangelischen Exegese wurde Petrus häufig als Typus für den gläubigen Jünger gesehen. Heute sind sich die Exegeten darüber einig, dass Petrus durchaus nicht nur Typus für jeden Jünger ist, sondern auch als geschichtlich einmalige Gestalt eine Sonderrolle bei der Entstehung der Kirche hatte. Matthäus sieht Petrus als den, der eine ökumenische Brückenfunktion zwischen Judenchristen und Heidenchristen hatte. (Vgl. Luz 2, 469f) Als diese geschichtlich einmalige Gestalt war Petrus aber zugleich ein Urbild jedes Christen. Der Christ ist wie Petrus glaubend und zweifelnd, Jünger Christi und zugleich Christi Widersacher, bekennend und verratend, stark und schwach, liebend und feige. Doch entscheidend ist die Bindung an Christus. Wenn der Jünger sich wie Petrus immer wieder an Christus wendet und Christus als den Messias bekennt, dann ist er wahrhaft Jünger im Sinne Jesu und im Sinne des Matthäusevangeliums.

Jesus fragt seine Jünger, für wen die Leute ihn halten. Die Antwort der Jünger verweist nicht nur auf die damalige Zeit, sondern sie zeigt, dass auch wir heute Jesus nicht immer als den sehen, der er wirklich ist. Auch wir geben in unserem Herzen oft eine Antwort, die hinter dem eigentlichen Christusbekenntnis zurückbleibt, zu dem uns Matthäus einladen möchte. Wir halten Jesus für Johannes den Täufer. Johannes ist der große Asket. Askese gehört sicher zum christlichen Glauben, doch wenn die Askese im Vordergrund steht, übersehen wir Entscheidendes bei Jesus, den man ja den Fresser und Weinsäufer nannte. Wenn Verzicht immer besser als Genießen ist, wenn Askese zur Lebensverneinung wird und zu einer Iatenten Aggressivität gegenüber anderen führt, dann verdunkelt sie uns den Blick auf Jesus. Elija ist der große Prophet, der aber zugleich in sehr rigoroser Weise für den reinen Glauben kämpft und dabei alle Baalspriester tötet. Jesus ist der größte Prophet, unterscheidet sich von Elija aber dadurch, dass er die Andersdenkenden nicht vernichten, sondern gewinnen will. Er predigt nicht gegen sie, sondern lädt sie ein, in das Himmelreich einzutreten. Er gibt jedem die Chance umzukehren und sich von Gottes Liebe zum Festmahl einladen zu lassen. Leider sind in der Kirchengeschichte immer wieder die aggressiven und besserwisserischen Aspekte des Elija aufgebrochen und haben Christen zu unheilvollen Kämpfen gegen Andersgläubige verführt. Jesus ist nicht Elija.

Jeremia ist der leidende Gerechte. Auch Jesus wird den Weg des Leidens gehen. Doch Jeremia erinnert uns an die Gefahr, das Leiden zu verherrlichen und eine masochistische Lebensauffassung zu entwickeln. Für den Masochisten ist Leiden immer besser als Glück. Doch Jesus ist nicht gekommen, damit wir leiden müssen, sondern damit wir selig, glücklich werden. Auf dem Weg zum inneren Frieden und zur Freude wird uns Leiden begegnen. Dann sollen wir nicht fliehen, sondern das Leid auf uns nehmen und durchstehen. So können wir ohne Angst den Weg zum Leben gehen.

Auf die erste Frage Jesu haben alle Jünger geantwortet. Doch auf die Frage: >>Für wen haltet ihr mich!<< antwortet allein Simon Petrus; >>Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!<< (16,16) Der Messias ist der, der sein Volk aus der Gefangenschaft befreit. Jesus ist also wesentlich der, der in die Freiheit führt. Für das Matthäusevangelium ist er vor allem der Sohn Gottes, der gehorsame und liebende Sohn, der seine Sohnschaft durchhält gegenüber allen Versuchungen des Satans. Jesus ist Sohn des lebendigen Gottes. Dieser Ausdruck >>theos zon<< ist in der Missionsverkündigung zu einer wichtig gewordenen Gottesbezeichnung geworden. Er meint den Gott, der im Unterschied zu den toten Götzen lebendig ist und Leben schafft, der in der Geschichte handelt und dessen Handeln etwas in Bewegung bringt. Für mich kommt in diesem Wort zum Ausdruck, dass der Gott Jesu ein Gott des Lebens ist, und dass wir ihm nur dort begegnen, wo wir selbst lebendig sind. Jesus kommt es darauf an, dass wir das Leben finden. Wer nur am korrekten Bekenntnis festhält ohne das zu erfahren, was er bekennt, der hat Gott nicht verstanden. Jesus richtig sehen und durch ihn Gott erkennen heißt frei werden, Sohn werden und lebendig werden.

Jesus preist den Petrus selig. Er hat den Glauben bekannt, der wirklich dem Geheimnis Gottes und dem Geheimnis Jesu entspricht. Zu diesem Glauben will Matthäus alle Christen einladen. Die Verheißung Jesu an Petrus wurde in der Kirchengeschichte sehr kontrovers ausgelegt: >>Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.<< (16,18) Die Ostkirche folgt der Auslegung des Origenes. Der Felsen, auf den Jesus seine Kirche baut, ist der Glaube des Petrus. Wenn die Christen wie Petrus glauben, dann ist die Kirche auf einen Felsen gebaut, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Da können noch so viele dunkle Mächte in ihr und um sie herum aufbrechen: Die Kirche wird daran nicht zugrunde gehen.

Augustinus deutet das Wort anders. Der Fels, auf dem die Kirche gebaut ist, ist Christus. Paulus hat Jesus Christus den Fels genannt. (1 Kor 10,4) Vom Fels Christus (= petra) hat Petrus seinen Namen. Die Deutung des Augustinus hat das Mittelalter geprägt. Daneben gab es die römische Deutung, die das Wort auf Petrus und nach ihm auf das Papsttum deutet. Diese Deutung geht auf Papst Leo den Großen zurück, der den Text aber weniger juristisch als spirituell deutet. Die Kirche ist dann auf den Felsen gebaut, wenn Petrus mit seinem Bekenntnis im Papst als dem Repräsentanten der Kirche lebendig bleibt. Mir persönlich sagt die Deutung des Origenes am meisten. Jesus preist Petrus selig wegen seines Glaubens und wegen seiner Einsicht. Er sieht im Bekenntnis des Petrus eine Offenbarung Gottes: Gott selbst hat dem Petrus diese Einsicht gegeben. An diesem Glauben müssen sich die Christen messen. Es ist aber kein Glaube, der nur durch Worte bekannt wird, sondern durch das Leben, durch ein Leben, das geprägt ist von der Freiheit der Söhne und Töchter Gottes, von der Erfahrung ihrer göttlichen Würde, und von der Erfahrung der Lebendigkeit, die vom Gott Jesu Christi kommt.

Auch Vers 19 ist oft kontrovers gedeutet worden. In der katholischen Exegese wurden die Binde- und Lösegewalt auf die Beichte bezogen. In der Beichte vermag der Priester die Sünden zu vergeben. In der protestantischen Exegese wurde dieses Wort vor allem auf die Predigt gedeutet. Die richtige Predigt löst die Bande, in die Menschen verstrickt sind, sie schließt die Tür zum Himmelreich auf. Matthäus selber zeigt uns, wie wir dieses Wort verstehen sollen: Schon die Schriftgelehrten hatten die Schlüsselgewalt zum Himmelreich, doch ihnen macht Jesus den Vorwurf: >>Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich.<< (Mt 23,13) Petrus und mit ihm die Jünger Jesu sollen die Gebote Gottes so auslegen, dass die Menschen in dieses Reich Go_es eintreten können. Der wahre Petrusdienst, den Matthäus hier vor Augen hat, besteht darin, die Lehre Jesu authentisch zur Geltung zu bringen
und das Gesetz Gottes für die konkrete Situation des Alltags so auszulegen, dass es mit dem Wesen des Menschen übereinstimmt und es ihm so möglich ist, in das Himmelreich zu gelangen.

Es sind zwei Bilder, die Matthäus hier verwendet. Das eine Bild ist das der Schlüsselgewalt. Wer den Schlüssel hat, der schließt das Tor zum Leben auf. Das andere Bild bezieht sich auf das Binden und Lösen. Ursprünglich bedeutet das Binden und Lösen bei den Rabbinen, eine Lehre für erlaubt bzw. für verboten zu erklären. Aber es kann sich auch auf richterliches Tun beziehen. Dann heißt es: bannen und den Bann aufheben, in die Gemeinde aufnehmen und aus ihr ausschließen. Es kann sich aber, wie die Deutung im Johannesevangelium (Joh 20,23) zeigt, auch auf die Sündenvergebung beziehen. Ich möchte die beiden Worte lieber persönlich auslegen. Der Glaube, den Petrus verkündet und für dessen klare Vermittlung die Nachfolger des Petrus sorgen sollen, bindet mich an Christus. In der Bindung an Christus werde ich frei von den Banden, die mich oft genug gefesselt halten. Der wahre Glaube löst mich also von krankmachenden Gottesbildern, von einschränkenden Lebensmustern, aus der Macht der Dämonen, die mich bestimmen möchten. Die Bindung an Christus löst mich von Fesseln der Unfreiheit und Angst, erlöst mich letztlich von der Verstrickung in das eigene Ego.

Auf das klare Christusbekenntnis des Petrus und auf seine Seligpreisung durch Jesus folgt eine Gegenszene, eine Kontrastgeschichte. Matthäus liebt den Kontrast. Er ist ein durchgängiges Stilmittel, das wir in seinem Evangelium immer wieder beobachten können. Jesus erklärt seinen Jüngern, dass er leiden müsse. Petrus nimmt ihn beiseite und macht ihm Vorwürfe; >>Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!<< (16,22) Doch Jesus weist ihn schroff zurück: >>Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. << (16,23) Es ist ein hartes Wort Jesu. Wenn wir Petrus als Typus für den glaubenden Menschen sehen, dann gilt dieses Wort auch uns. Es ist schön, an Jesus zu glauben, der uns in die Freiheit und in die Lebendigkeit führt. Doch offensichtlich kommen wir in seiner Nachfolge nicht um die Frage des Leidens herum. Es geht nicht nur um das richtige Bild von Jesus, der die Erwartungen des Petrus an ihn enttäuscht, sondern auch um das rechte Verständnis des Christseins. Ob wir wollen oder nicht, das Leiden wird uns treffen, spätestens im Tod. Ein Verständnis des christlichen Weges, der das Leiden ausklammert, geht an Jesus vorbei. Natürlich haben wir in der Kirche das Leiden oft genug in den Mittelpunkt gestellt und haben dadurch bei manchen eine masochistische Leidenssucht hervorgerufen. Doch wir dürfen auch nicht ins Gegenteil fallen und dem Leiden aus dem Weg gehen, sonst bauen wir uns Luftschlösser. Jesus möchte uns gerade auch dort begleiten, wo wir von Menschen vieles erleiden, wo wir den Händen der Menschen ausgeliefert sind, wo wir dem Tod begegnen.

Auf den Einwand des Petrus und auf seine scharfe Zurechtweisung durch Jesus bringt Matthäus Jesusworte, die uns in das Geheimnis der Jesusnachfolge einweisen möchten. Es sind Worte, die oft kontrovers diskutiert worden sind und viele Menschen irritiert haben. Wie sind sie zu verstehen? >>Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.<< (16,24) Vor allem das Wort von der Selbstverleugnung ist oft genug missverständlich ausgelegt worden als Selbstverneinung, Selbstverbiegung und Selbstentwertung. Doch das ist nicht damit gemeint. Das griechische Wort >>aparneisthai<< heißt: >>nein sagen, sich weigern<<. Wer Jesus nachfolgt, muss nein sagen zu egozentrischen Tendenzen seiner Seele, die auch das Göttliche noch vereinnahmen möchten. Gerade auf dem Hintergrund der vorigen Szene, in der Petrus das Leiden am liebsten abschaffen möchte, verweist das Wort Jesu auf die Annahme des Lebens, so wie es ist. Wir dürfen Gott nicht für uns vereinnahmen und ihn dazu missbrauchen, immer >>gut drauf<< zu sein, immer glücklich zu sein. Wer Gott erfahren will, braucht Abstand zu seinem Ego. Die Mystiker haben dieses Wort richtig verstanden: Wer Gott in sein Ego zwingen will, der missbraucht Gott, der geht am wirklichen Gott vorbei. Gott ist größer als das Ego. Es geht nicht darum, das Wort Jesu nur asketisch auszulegen, als ob wir alle Leidenschaften abtöten müssten, aber wir brauchen innere Distanz zu der Tendenz in uns, die alles haben, alles vereinnahmen, alles für sich gebrauchen möchte, die immer nur um sich kreist, die auch Gott noch zu sich hinabzieht. Wer auf sein kleines Ich fixiert ist, dem geht es nur um >>angstvolle Selbstbewahrung<< (Drewermann). Wer Christus nachfolgt, dem weitet sich das Herz, der hält sein zerbrechliches Ich Gott hin. Wirkliche Gotteserfahrung ist nur möglich, wenn wir unser Ego loslassen. Wenn Gotteserfahrung dazu dient, das Ego aufzublähen, dann wird der Mensch blind und er gerät in die Irre. Das Wort von der Selbstverleugnung ist also kein asketisches, sondern ein mystisches Wort. Es zeigt Jesus als den Lehrer mystischer Weisheit. Jesus will seine Jünger in eine Spiritualität führen, die Gott Gott sein Iässt und die Wirklichkeit so sieht, wie sie ist, ohne Gott und die Wirklichkeit für sich vereinnahmen zu wollen.“


Dieser Text drückt für mich etwas aus, was ich zwar irgendwie schon wusste, über das ich bisher aber noch nichts gelesen habe und das ich bisher selbst auch noch nicht formuliert habe – in Kurzform: Kreuz und Leid sind für Christen zwei ganz und gar unterschiedliche Dinge!

Jesus erlebte beide Dinge gleichzeitig, sozusagen als Einheit. Als Gottessohn war es für ihn gerade so verkraftbar. Für einen Christen sind Kreuz und Leid nicht gleich zu setzen. Das Kreuz erhalte ich, wenn ich an Jesus Christus, als den – für mich – gekreuzigten Erlöser, glaube und mich auf den Weg zu Gott mache (vgl. Mt 16,24). Leid sind alle er- und bedrückenden Lasten, die ich als Mensch in meinem Leben auf Erden so auszuhalten habe.

Auf dem Weg zu Gott kann es schwer sein, in das Wesen Jesu hinein zu wachsen, im Nächsten Jesus zu sehen, Liebe zu leben, sich Dinge zu verkneifen, die nicht zu Gott führen, wegen seines Glaubens belächelt, verspottet zu werden. Das ist das Kreuz in seiner negativen Ausprägung (vgl. Mt 16,24). Zum Kreuz gehören aber auch
- ein waches Gewissen (- NICHT das anerzogene schlechte Gewissen -),
- die Möglichkeit zu erkennen, was einen näher zu Gott führt,
- die Freude, wenn ich ein neues Stückchen von Christi Wesen an mir entdecke,
- die Kraft aus meiner persönlichen Beziehung zu Gott,
- die Liebesgebote Christi, die mich zum richtigen Handeln anleiten,
- das Ausruhen in Gottes Liebe,
- die Motivation, auf dem Weg zu Gott nicht aufzugeben
- usw.
Das sind einige Beispiele für die positive Seite des Kreuzes (vgl. Mt 16,24). Das Kreuz sind für mich alle Dinge, die mit Gott und meinem Weg zu ihm zu tun haben – das sind alles Dinge, die ich für mein (Über-)leben auf der Erde nicht brauche, wenn ich nicht glaube.

Das Leid in meinem Leben hat nichts mit Gott zu tun. Die Dinge, die in mir Stress, Druck, Sorgen, Belastungen, Krankheiten erzeugen, sind menschengemacht, u.a. durch Gruppenzwänge in meinem Lebensumfeld. Die Quellen dafür können u.a. in der Familie, in der Verwandtschaft, in der Gemeinde, im Freundeskreis, im Amtsträgerkreis, in der Kirchenhierarchie, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, in der Schule, in der Erziehung, durch Konkurrenz in allen Lebensbereichen gefunden werden. Das Leid entsteht durch die Dinge, die auf mich einprasseln, genauso wie, durch dieselben Dinge, die ich an Druck und Zwängen in meiner Umgebung aufbaue, meinem Nächsten überstülpe. Ich stecke nicht nur ein, ich bin auch kräftig am austeilen, um mich zu entlasten, um weiter zu kommen, um auch mal etwas darzustellen (vgl. Mt 16,22.23.25.26). Beides verkrafte ich auf Dauer nicht! Wenn ich mich nicht reflektiere, mein Denken und Tun nicht spiegele, dann werde ich irgendwann krank, wenn nicht körperlich, dann seelisch (vgl. Mt 16,26). Und wenn ich seelisch angeknackst bin, dann stelle ich auf einmal Gott und meinen Glauben sehr schnell auf den Prüfstand: Gott hat schuld! Warum lässt er das zu? Wenn es einen Gott gäbe …
Hier wird Gott in das Leid herunter gezogen (- Es entstehen die sogenannten Kreuzesträger -), anstatt das Kreuz zu benutzen, um das Leid mit Gott anders durchleben zu können.

Das Kreuz Christi erlaubt mir in und für Gott frei zu sein. Es gibt mir alle Möglichkeiten, zu Gott zu kommen. Mein Kreuz gibt mir auch alle Möglichkeiten, zu Gott zu kommen. Es soll keine Last sein, sondern das Überlebenspaket für meinen Glauben, wenn es mir schlecht geht und das Powerpack (Kraftpaket), wenn alles läuft. Wenn mir das Kreuz zu einer Last wird, dann meine ich, es mit meiner eigenen kleinen Kraft tragen zu müssen und habe den Heiligen Geist vergessen. Der Heilige Geist will mein Helfer sein (- nicht nur ein immerwährender Tröster -), er will mein Kreuz gemeinsam mit mir tragen. Und dann wird es (feder-)leicht, das Kreuz Christi, das Joch Christi: „denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“. Das Kreuz Christi macht es möglich, dass mein Kreuz mich so beflügeln kann, dass ich das Leid in meinem Leben mit anderen Augen sehe und durchlebe. - Jetzt soll noch jemand sagen, ich kann mit dem Kreuz(estod) Christ und Karfreitag nichts anfangen.

Ohne den Kreuzestod wäre Jesus nie der Heiland der Welt geworden. Ohne Kreuz, keine Auferstehung und ohne ohne Auferstehung, kein ewiges Leben bei Gott. Ohne Kreuz gibt es kein neues Leben aus Christus, kein Reich Gottes in dieser Welt, in mir. In meinem Kreuz habe ich ein göttliches Überlebenspaket und Powerpack für mich in meinen Glaubensweg zu Gott: „Wenn jemand mein Jünger sein will, muss er sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen“ (Mt 16,24).

Ich wünsche uns allen einen Gottesdienst, der uns das Karfreitagsgeschehen wertvoll macht
fg


*: aus „Jesus – Wege zum Leben“ von Anselm Grün, S.79 – 85, Kreuz-Verlag,
http://www.herdershop24.de/index.php?sh ... ttype=list)
liebe - und dann tue, was du willst: tanze, als sähe dir niemand zu - liebe, als seiest du nie verletzt worden - singe, als höre dir niemand zu - lebe, als sei der Himmel auf Erden
fg
 
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Re: 14.3.2010 Der Weg Jesu

Beitragvon alexander rombach » 13.03.2010, 10:44

Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tag auferstehen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!
Matthäus 16, 21.22

Wer erkennt den Weg Gottes und den Willen Gottes?

Petrus, steht uns in unseren Gefühlen näher als der überlegene, weiter sehende, konsequente Jesus. Wir möchten nicht, dass dem Leid geschieht, den wir lieben und woher sollten wir wissen, welcher Heil bringende Gedanke hinter dem Geschehen stehen soll.

Wir verstehen nochmals Petrus: Den zu verlieren, der ihn liebt, der ihm Göttliches nahebringt, der ihn führt, der ihn Wunder sehen lässt… wie kann so etwas geschehen.

So sehen wir den energischen, spontanen und direkten Petrus, wie er sich „aufschwingt“ und meint Jesus zurecht bringen zu müssen.

Wer erkennt den Weg Gottes und den Willen Gottes? Meister Eckhardt schreibt einmal sinngemäß: „Wir beten immer „Dein Wille geschehe“, wenn er aber geschieht, wehren wir uns dagegen…“
Wir beten „Dein Wille geschehe“, glauben wir dann auch, dass er geschieht?
alexander rombach
 
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Re: 14.3.2010 Der Weg Jesu

Beitragvon maestro » 14.03.2010, 07:22

Mir fällt zu unserem Textwort spontan Psalm 37, 5 ein:
"Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohlmachen."

Liedvorschläge:
M 27 Hier ist der Weg
M 56 Weiß ich den Weg auch nicht
M 75 Wohin soll ich mich wenden (Vers 2: "Du bist's der meinen Wegen ein sich'res Ziel verleihet")
M 135 Herr, sei mir gnädig ("Weise mir Herr, deinen Weg")

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