Verschoben: über Mitleid mit Problemfällen

Beitragvon senderweb » 24.04.2007, 19:24

tar_gawan hat geschrieben:
In den letzten Jahren hat die Kirchenleitung es geschafft, sowohl die Konservativen als auch die Progressiven vor den Kopf zu stoßen und eine tief greifende Unsicherheit zu erzeugen, die sicherlich noch nicht in ihrem vollen Umfang bewusst geworden ist. Da wird einmal ein Vorstoß gemacht "ich bin für Ökumene" (Stammapostel Fehr), "wir wissen nicht ob das Apostelamt heilsnotwendig ist" (derselbe) - kurz darauf wird wieder gesagt, dass Ökumene doch nicht wirklich geht (schon gar keine ökumenischen Gottesdienste) und dass es ohne das Apostelamt in unserer Zeit kein Heil gibt (was schon bei der hochgelobten Uster-Veranstaltung festgeklopft wurde).

Meinetwegen soll die Kirchenleitung lehren und behaupten, was immer sie möchte. Doch erwarte ich eins von ihr: Wahrhaftigkeit. Und die vermisse ich in den letzten Jahren schmerzlich. Dazu fällt mir nur das Wort von den "blinden Blindenführern" ein.

Wenn die Kirchenleitung nicht weiß (oder sich nicht einig ist), was Sache ist, soll sie das zugeben. Davon wird die (NAK-) Welt nicht untergehen. Und das bietet Raum zur Entwicklung.

Liebe Grüße
Thomas


Thomas, das war grandios :!: Dankeschön!
Der Herr kommt. Tut lieber so, als wäret Ihr beschäftigt.
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Beitragvon Mark » 24.04.2007, 21:08

@ matula1 - for you :wink:
Kleine Frage vorab ... sind nicht "letztendlich" alle theologischen Lehrmeinungen -egal welcher Kirche- irgendwo Mutmaßungen ...?

Der Papst sei kurz davor, das Fegefeuer abzuschaffen, hieß es etwa am Wochenende in Medien. Das war auf jeden Fall zu früh gefreut. Auf eine solche Entscheidung werden Gläubige wie Ungläubige sicherlich bis in alle Ewigkeit warten müssen – Von Paul Badde

Vatikan (kath.net/DieWelt)
In den letzten Tagen hat eine Frage die Medien bewegt, die sich in der Tiefe auf folgende Alternative zuspitzt: Gibt es ein Leben nach dem Tod oder nicht? Ja oder nein? Die Kirche beantwortet die Frage mit Ja, wie jeder weiß.

Die moderne Welt weiß es nicht so recht und entlädt ihre Unsicherheit deshalb meist in Ironie und Sarkasmus.

Jeder aber, der für die erste Option votiert, muss sich auch Gedanken über die letzten Dinge und das Jenseits machen dürfen - was von dem anderen Lager seit langem vehement bestritten oder durch und durch lächerlich gemacht wird.

Das ist des „Pudels Kern“ fast all jener überraschend erstaunlich arroganter Kommentare zu der Vorentscheidung des Lehramts, Abschied zu nehmen von einer Vorstellung der Vorhölle. Ignoranz kam der Arroganz dabei oft zu Hilfe.

Der Papst sei kurz davor, das Fegefeuer abzuschaffen, hieß es etwa am Wochenende in etlichen Medien von Amerika bis Asien. Das war auf jeden Fall zu früh gefreut. Auf eine solche Entscheidung werden Gläubige wie Ungläubige sicherlich bis in alle Ewigkeit warten müssen. Grund der Falschmeldung war nur die auch unter Journalisten weit fortgeschrittene Unkenntnis der Begriffe Fegefeuer (Purgatorium) und Vorhölle (Limbus), die jetzt zu ihrer Verwechslung geführt hat.

Tatsächlich war am Freitag die Empfehlung einer internationalen Theologenkommission an die Öffentlichkeit gelangt, die Vorstellung des so genannten „Limbus“ als einen Zwischenraum der Nichterlösung für gestorbene ungetaufte Kinder zu verwerfen.

William Kardinal Levada, der Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation nachgefolgt ist, hatte dem Papst das Papier schon am 19. Januar vorgelegt, der es jetzt approbiert hat. „Die Hoffnung auf Erlösung für Kinder, die ungetauft sterben“ heißt der Text offiziell, mit dem Benedikt XVI. endlich Klarheit in einer Frage schaffen will, die seit langem von Theologen kontrovers diskutiert wird.

Schon vor seiner Wahl zum Papst hatte Kardinal Ratzinger überkommene Vorstellungen einer Vorhölle für ungetaufte gestorbene Kleinkinder verworfen und als rein „theologische Hypothese“ abgelehnt. Die dreißig Mitglieder des Beratungsgremiums, das die Frage Jahre lang im Auftrag des Vatikans erwogen hat, wurden von ihm persönlich eingesetzt. Zur offiziellen Lehre der Kirche hatte der Begriff des „Limbus“ nie gehört. Im verbindlichen Katechismus von 1992 wird er nirgendwo erwähnt. Auch jetzt ist das 41seitige neue Dokument zu dem Fragenkomplex lehramtlich unverbindlich.

Gleichwohl überraschte es in Rom kaum jemanden, wenn es nun in dieser Empfehlung heißt, dass es für die Hoffnung auf das ewige Heil ungetauft gestorbener Kleinkinder gute Gründe gebe. Vorsichtig fügen die Theologen ihrer Einschätzung jedoch noch den Vorbehalt hinzu, dass ihrer Begründung der „andächtigen Hoffnung als einer sicheren Gewißheit“ diene. Traditionellen Vorstellungen der Vorhölle stellten sie freilich das Zeugnis einer „unzulässig einschränkende Sicht der Erlösung“ aus, die mit der Lehre der Kirche nicht ein Einklang zu bringen sei.

Der Ausschluss „unschuldiger Säuglinge“ aus der ewigen Erlösung sei nicht mit der besonderen Liebe Christi für die Kinder und Kleinen vereinbar. Gott sei gnädig und wolle, dass alle Menschen erlöst würden. Einig sind sich alle Berater selbstverständlich aber auch, dass solch ein eifriges Suchen und Erwägen von Antworten zu Detailfragen eines Lebens nach dem Tod natürlich nicht unwichtig oder marginal sein kann.

Gerade im Zusammenhang mit der kirchlichen Position zu den millionenfachen Abtreibungen der letzten Jahrzehnte seien solche Überlegungen natürlich nicht mittelalterlich. Gerade wegen der „vielen ungeborenen Opfer der Kinderabtreibung“ seien Fragen nach dem Limbus zu einer „dringenden pastorale Frage“ geworden, wo es für die Menschen der Moderne zunehmend schwierig werde, „zu akzeptieren, daß Gott gerecht und barmherzig ist, wenn er Kinder, die keine persönliche Sünde begangen haben, von der ewigen Glückseligkeit ausschließt“.

Gewiss war aber das Mittelalter wohl jene Zeit, in der Vorstellungen zu einer Vorhölle die Überlegungen der Theologen und die Phantasie der gemeinen Christenheit am meisten beflügelt hat.

In diesem Bereich der Lehre von den letzten Dingen malten sich die Menschen den „Limbus“ damals lange als einen ungewissen Rand der Hölle aus, wo die dorthin Verdammten zwar keine gerechten Höllenqualen für ihre Sünden litten, aber doch schon sehr gestraft waren, weil sie Gott nicht schauen durften. Seiner Gerechtigkeit zuliebe stellten sie sich diesen Ort deshalb auch noch irgendwie vor als einen Zustand gleichsam natürlicher – und eben nicht himmlischer, endlich erlöster! – Glückseligkeit vor.

Doch eben keineswegs als jene „tiefe, tiefe Ewigkeit“, die selbst nach Nietzsche noch das Ziel aller Lust sein soll. Verständlich ist deshalb freilich auch, dass solche filigranen Differenzierungen der Theologie und Philosophie heute nur noch schwer ihren Weg in die Rechner der Nachrichtigenagenturen finden.

Das Dilemma, dass die Verwerfung des Limbus auch zu einem komplizierten Konflikt mit der kirchlichen Lehre von der Taufe als ordentlichem Königsweg der Erlösung von der Erbsünde führt, gerät dabei fast vollständig aus dem Blick. Mit dem „Fegefeuer“ hat all dies dennoch überhaupt nichts zu tun. Dieses reinigende „Purgatorium“ ist nach § 210 des Kompendiums der Katholischen Kirche „der Zustand jener, die in der Freundschaft Gottes sterben, ihres Heils sicher sind, aber noch der Läuterung bedürfen, um in die himmlische Seligkeit eintreten zu können.“

Diesen schmerzlichen Vorort zum Himmel wird selbstverständlich kein Papst noch irgendeine Kommission je aus der Welt schaffen können.

Paul Badde ist Rom-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ und Herausgeber der Zeitung „Vatican“ –
Laudate omnes gentes, laudate Dominum.
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Beitragvon Matula1 » 25.04.2007, 10:13

Hallo Mark,

danke für den ausführlichen Bericht. Dem möchte ich eigentlich nicht mehr viel hinzu fügen. Man spricht nicht umsonst vom grausamen Mittelalter.

Viele Menschen, auch die heutigen Kirchenfürsten, werden sich eines Tages nochmal verwundert ihre geistigen Augen reiben, wenn sie sehen und erkennen müssen, wer bei Gott in Gnade und wer bei ihm in Ungnade gefallen ist.

Gruss
Matula
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