Wenn ich einmal tot bin

Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Sonia » 04.08.2016, 07:15

Wie findet ihr denn sowas:
Auf Immerwiedersehen!

Ganz toll?
Ganz schlimm?
Egal?

Gruß Sonia
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Cerebron » 04.08.2016, 09:26

solange sich die digitalen Wiedergänger nicht aufdrängen und jemand anderes für ihren Strom zu bezahlen hat: Was soll's?

Im Grunde stellt sich das Problem seit Einführung der Schrift: Das Geschriebene bleibt, auch wenn sich der Autor längst weiterentwickelt haben mag. Wer am Autor persönlich interessiert ist, der darf nicht das geschriebene Wort für den Autor setzen, sondern muss ihn kennenlernen. Wer nur wissen will, was der Autor einmal zu einem Thema geäußert hat, dem reicht das Geschriebene aber vielleicht aus. Anders gesagt: Ein digitales Simulacrum bringt den Verstorbenen den Lebenden kaum näher.

Hier ein einfach computerimplementierbares Verfahren zum Erzeugen eines digitalen Wiedergängers:

1. Zusammentragen eines Korpus aller maschinenlesbaren Äußerungen der zu simulierenden Person.

2. Einlesen eines benutzergewählten Stichworts.

3. Erstellen einer Liste aller Fundstellen des Stichworts im Korpus

4. Ausgeben des, laut Liste, wahrscheinlichsten Wortes X, das im Korpus auf das Stichwort folgt.

5. Erstellen einer Liste aller Fundstellen der Kombination Stichwort+X

6. Ausgeben des, laut Liste, wahrscheinlichsten Wortes Y, das auf X folgt.

7. Ersetze Stichwort durch X und X durch Y.

8. Wiederhole die Schritte 5 bis 8.

Man erhält ein munteres Geplapper, in dem genau die Worte in der Reihenfolge auftreten, wie sie im Korpus verzeichnet sind. Aus dem Geplapper mag man dann versuchen, einen Sinn zu extrahieren - ganz wie im richtigen Leben.

Eine Demo gibt's auch, z.B. hier.

Gruß,
C.E.
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Sonia » 05.08.2016, 15:11

Werter Cerebron,

ich denke nicht, dass sich das Problem seit Einführung der Schrift stellt.
Es wird niemand widersprechen, wenn Sie sagen, um einen Autoren kennenzulernen, reicht es nicht, sein Werk zu studieren.

Das Problem hier ist m. E., dass die Freunde digitaler Wiedergänger tatsächlich meinen, diese könnten so "lebendig" erhalten bleiben. Das kann man als albern abtun, aber ich finde die Vorstellung etwas bedrohlich, weil gewissermaßen der Boden dafür schon geebnet ist.

Letztens las ich eine Rezension eines Buches, das mich interessierte. Es ist ein Briefwechsel zwischen den Schriftstellern Paul Auster und John Coetzee. Der Rezensent bemängelte sinngemäß, die Briefe seien zu brav, weshalb er vermutete, die Briefe wären bereits mit der Absicht geschrieben worden, sie später zu veröffentlichen. Ich habe das Buch noch nicht gelesen und ich finde es auch nicht so wichtig, mit welchen Absichten die beiden den Briefwechsel aufgenommen haben, aber der Gedanke ist, meine ich, bezeichnend.
Man kommuniziert zunehmend potenziell öffentlich. Und hat damit kein Gegenüber mehr, mit dem man für die Dauer des Austauschs einen privaten, nichtöffentlichen Raum teilt.

Gestern erzählte mir jemand, seine Schwiegermutter verhalte sich im Netz unerträglich grell und überdreht, während sie im wahren Leben eine ganz normale, rücksichtsvolle Person sei.

Es heißt ja, jemand sei erst dann wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. Die Erinnerungen sind immer die Angelegenheit der Hinterbliebenen gewesen, zumal alle Erinnerungen eine höchst individuelle und flexible Sache sind. Klar kann man sagen ich möchte so und so in Erinnerung bleiben oder man bemüht sich um einen Platz in den Geschichtsbüchern, damit länger etwas übrigbleibt. Aber wer meine Oma für mich war/ist, ist doch das Ergebnis unserer individuellen Zweierbeziehung und meines individuellen Erinnerungsprozesses.
Wenn man allerdings diese Wiedergänger-Vorstellung weiterdenkt, kommt es immer mehr dazu, dass man sein Leben stets in Hinsicht auf das digitale Leben nach dem Tod lebt. Schließlich ist dann nicht mehr der Enkel selbst für seine Erinnerungen an Oma verantwortlich, sondern sie selbst muss sie ihm liefern.

Die Vorstellung, man könnte tolle Persönlichkeiten im Nachhinein live erleben, ist natürlich verlockend, und zu Dokumentationszwecken wäre das ein unglaublicher Fortschritt. Stets könnte man einen ausgewiesenen Experten nach seiner Meinung fragen, die Trefferquote überstiege womöglich jedes heutige Horoskop.
Hätte man schon immer Leute digitalisiert und könnte sich tatsächlich realistisch, also in ihrem Sinne, mit ihnen unterhalten, könnte man allen Leute zu allen Zeiten auf den Zahn fühlen. Man könnte zum Beispiel Herrn Bach fragen, ob er Antisemit war. Zwar könnte man ihn toterweise leider nicht zur Rechenschaft ziehen, aber man könnte zur Strafe sein Weihnachtsoratorium diskreditieren. (Wofür freilich eh keine Zeit mehr wäre, Musik und sowas...)

Wenn Gespräche so wunderbar von Computerprogrammen geführt werden können, sollte es bald ein Leichtes sein, von ihm auch Musik komponieren, Bücher schreiben und Bilder malen zu lassen. À la Bach, à la Murakami, à la Richter. Leider wird es keine Werke à la Sonia geben. Wenn ich für die Erinnerungen der Nachwelt ausreichend digitale Spuren hinterlassen will, muss ich mich ranhalten, da kann ich nicht auch noch Bilder malen oder Bücher schreiben. Vielleicht reichts noch für ein kleines Programm "Fragen Sie Frau Sonia". 8)

Beste Grüße (echte :) )
Sonia
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Cerebron » 05.08.2016, 21:03

Werte Sonia!

Sie haben mich ertappt. Mein Einwand, die geplanten digitalen Wiedergänger würfen das gleiche Problem auf wie die Erfindung der Schrift ist nur mit grobem Salz zu nehmen - ungefähr so, als hätte ich behauptet, seit Berta Benzens Fahrt nach Pforzheim stellten sich im Kraftfahrzeugverkehr doch immer die gleichen Fragen.

Haben Sie schon einmal von [url=psych.fullerton.edu/mbirnbaum/psych101/Eliza.htm]ELIZA[/url] gehört? Das ist ein Computerprogramm aus den 60er Jahren. Es verarbeitet geschriebene Eingaben und liefert Ausgaben, die einem Psychiater nachempfunden sind, also hauptsächlich Fragen. Das Programm ist pfiffig gemacht. Es durchsucht die Eingabe nach Stichwörtern und füllt damit (und mit einem halbwegs ordentlichen Wörterbuch) "vorgestanzte" Sätze als Antworten. Man merkt recht schnell, dass das Programm kein Verständnis vom Inhalt des Geschriebenen hat, ungefähr so, wie man sich der Erkenntnis nicht verschließen kann, die Zugansagen seien gar nicht "echt" gesprochen ("Aufgleis EINS fährtein I C E SIEBEN hundert drei unzwanzig ...").

Benutzer besagten Computerprogramms haben damals nicht einsehen wollen, dass ELIZA nichts weiter als ein für damalige Verhältnisse komplexes Reiz-Reaktions-Schema gleichsam mechanisch abarbeitet. Ihnen galt ELIZA als verständig, und ihre "Gespräche" mit dem Programm wollten sie vertraulich behandelt wissen. Davon ließen manche Personen auch dann nicht ab, als man ihnen die Funktionsweise des Computers und des Programms detailliert erklärte. Zumindest wird es so kolportiert, und bin ich geneigt, die Erzählung für wahr zu halten.

Die Computerprogramme, mit denen die Wiedergänger erzeugt werden, sind natürlich etwas komplexer als ELIZA oder die in meinem letzten Posting vorgestellten Markov-Ketten. Beispielsweise wäre es sinnvoll, wenn die Programme Sentiment-Analysen durchführten, um zu bewerten, welche "Stimmung" den jeweiligen Sätzen des Korpus zugrunde liegt. Das könnte man runterbrechen bis auf einzelne Worte, damit der Wiedergänger die Schablone "Verweis auf andere Person" je nach Stimmungsparameter einmal mit "Diese Person ..." und ein anderes Mal mit "X, den ich sehr schätze, ..." füllen kann. Auf diese Weise wirken Vokabular und Ausdrucksfähigkeit des Wiedergängers größer, als sie sind.

Trotzdem bleibe ich dabei: Die das Interesse an derartigen Wiedergängern wird schnell erlahmen, denn der Wiedergänger kann keinen eigenen Gedanken entwickeln. Er "betrachtet" seinen Korpus, also die Beobachtungen der zu simulierenden Person, wie eine Wundertüte, aus der er wahllos (d.h. unter Hilfestellung seiner Programmierer) Bröckchen herauszieht und dem Benutzer präsentiert. Das ist erfahrungsgemäß rasch ermüdend. Falls sie es nicht glauben, kommen Sie mal in unseren Bezirk und erleben Sie, wie hier "stichwortgetriebene Predigten" abgerissen werden:

Predigtgrundlage: "Jesus ..."
Predigt: "Liebe Geschwister! Jesus! Unser Seelenbräutigam! Wie schön ist es doch, dieses Ziel zu haben! blablalba Und im Textwort heißt es dazu:"
Predigtgrundlage: "... sagte ..."
Predigt: "Liebe Geschwister! Was sagen wir? Tun wir es dem Heiland gleich, oder blablabla"


Ich überspitze. Aber es ist nun einmal so, dass man ohne Verständnis vom Thema nur sehr wenige Gedanken über das Thema erzeugen kann. Dementsprechend wird bald Ernüchterung über die Qualitäten solcher Wiedergänger einkehren. Sie mögen interessanter sein als bloße Filmaufnahmen der zu simulierenden Person, weil für die Wiedergänger die Filme neu geschnitten werden. Aber es wird nicht sehr lange dauern, bis man der ständigen Wiederholungen kleinster Wiedergabebausteine überdrüssig wird. Letztlich wird man den Wiedergänger behandeln wie einen zu oft gesehenen Film: Ganz nett, sollte aber erst in ein paar Jahren wieder ins Programm genommen werden.

Sie sorgen sich, es könnte Personen geben, die mit dem Simuliert-Sein des Wiedergängers nicht umgehen können und die Simulation für die Person setzen. Das wird wohl passieren. Diese Empfänglichkeit zeigt sich meiner Meinung nach schon bei Personen, die ihr unmittelbares Gegenüber ignorieren, nur um auf ihrem Smartphone herumzuwischen. Solche Menschen blenden eine ganze Realität zugunsten einer Textwiedergabe aus. Hier liegt noch ein weites Betätigungsfeld für Psychologen.

Beste Wünsche,
C.E.
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Sonia » 08.08.2016, 22:12

Werter Cerebron,

wenn ich da so an Hotlines von Telefonanbietern o.ä. denke, kann es mir gar nicht schnell genug gehen, dass die echten Menschen durch kompetente und freundliche digitale Gesprächspartner ersetzt werden... :wink:

Ansonsten ja, an ELIZA hatte ich gedacht, wenn ich auch ihren Namen nicht mehr wusste.
Aber. Man neigt dazu, die Leute, die Eliza hartnäckig für real gehalten haben und die, die stichwortgetriebene Predigten (für echt) halten, zu verachten und anzunehmen, man selbst sei gegen solche Illusionen immun. Ich jedenfalls bilde mir gern ein, für Simulationen nicht empfänglich zu sein.
Ich fürchte allerdings, nicht nur "könnte es Personen geben", sondern man wird sich dem nicht entziehen können, oder mindestens wird man sich ihnen (den Personen, die ja nicht iregendwelche fernen Exoten sind) nicht entziehen können.
Betätigungsfeld für Psychologen? Meinen Sie? Nicht, wenn es normal ist, Realität wegzuwischen.

Sie schreiben: "Aber es ist nun einmal so, dass man ohne Verständnis vom Thema nur sehr wenige Gedanken über das Thema erzeugen kann. Dementsprechend wird bald Ernüchterung über die Qualitäten solcher Wiedergänger einkehren." Dem ersten Satz stimme ich zu. Was den zweiten angeht: Ihr Wort in Gottes Ohr. Für Ernüchterung muss man Erwartungen und Hoffnungen haben. Ich habe mal von jemandem gelesen, der keine Fotos von fernen oder verstorbenen Personen hat, weil er sagt, die Erinnerung reduziere sich nach kurzer Zeit auf diese Fotos. Ich glaube, es stimmt, dass das "Bild", das ich von Personen im Kopf habe, oft von bestimmten Fotos stammt. Allerdings vermute ich, dass mein Gedächtnis auch ohne Foto Szenen "einfrieren" würde. Ob ohne Fotos Erinnerungen lebendiger sind, weil die Eindrücke der anderen Sinne mehr beteiligt bleiben, kann ich nicht beurteilen, aber ich kann mir vorstellen, dass ein digitaler Wiedergänger so übermächtig wäre, dass er unweigerlich alle ohnehin fragilen eigenen Erinnerungen an diese Person überlagern würde.

Überdrüssig wird man dessen nur, wenn man dem etwas entgegenzusetzen hat; wenn das nicht schon das Beste ist, was man bekommen kann; wenn man weiß, wie es sein kann.
Ich muss nicht in Ihren Bezirk kommen, um "stichwortgetriebene Predigten" zu erleiden. In den Genuss bin ich bisher noch überall gekommen. 8) Aber, wie gesagt, ich bilde mir ein, ich wäre dafür wenig empfänglich. Z. B. weil es auch andere Predigten gibt. Und weil es in meinem Umfeld immer Menschen gab, denen Dinge wichtig sind, die nicht umsonst zu haben sind, und von denen ich etwas gelernt habe. Hoffentlich. Und hoffentlich trügt mich mein Gefühl, dass "Verständnis vom Thema" (egal von welchem) und "Gedanken über das Thema" (egal über welches) immer mehr als Marotten gelten. Manchmal als liebenswerte Marotten, manchmal aber auch als Betätigungsfeld für Psychologen.

Schöne Woche noch
Sonia
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Sonia » 09.08.2016, 07:28

...ein Zusatz noch zu den "stichwortgetriebenen Predigten".
Vor Jahren hat man sich vorgenommen, diese durch "gehaltvolle" Predigten zu ersetzen. Das gelingt nur begrenzt, aber Toleranz ist nötig und die sollte man, meine ich, in unserem Kontext auch erwarten können. Des Weiteren soll Geduld nötig sein, heißt es.
Und dann kommen Monatsplakate. Und dann kommen Predigtzitate. Wie soll man bei dieser Stichwortverpestung noch einen klaren Gedanken fassen? Glauben Sie, das ist nur Warteschleifenmusik ("Für Elise" :mrgreen:), bis die Leitung frei ist?

Freundliche Grüße
Sonia
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Cerebron » 12.08.2016, 08:56

Werte Sonia,

was die digitalen Wiedergänger angeht bin ich im Grunde zuversichtlich. ich kann mir sogar vorstellen, dass sie ein nützliches Werkzeug sein können, beispielsweise, um einen Einstieg in ein Thema zu finden. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Wiedergänger von Euklid zur Hand. Wenn Sie jetzt eine die Geometrie beftreffende Frage hätten, könnten Sie den Wiedergänger befragen, und er würde aus seinem reichen Fundus schöpfend Ihnen Rede und Antwort stehen. Wenn zusätzlich zu den gegebenen Antworten auch die entsprechenden Fundstellen in den "Elementen" mitgeliefert würden, dann dann wäre es Ihnen ein Leichtes, dort die für Sie interessanten Passagen zu finden und durchzuarbeiten. Stellen Sie sich einmal vor, wie sich die Ausbildung von Ärzten und Juristen erleichtern ließe. Jeder Student hätte einen ständig verfügbaren gleichsam privaten Lehrer, mit dem er die für ihn geeignetsten Primärquellen finden und gedanklich vorstrukturieren könnte. Der Wiedergänger wäre im Grunde eine erheblich verbesserte Suchmaschinen-Benutzerschnittstelle.

Die technischen Schwierigkeiten bleiben aber enorm. Menschliche Sprache ist sehr kompliziert und gehorcht nur unklar formulierbaren Regeln. Deshalb erwarte ich, dass die Bedienung (Interaktion will ich es nicht nennen, denn der Wiedergänger agiert nicht) eines Wiedergängers aufgrund seiner auffällig künstlichen Fehlleistungen schnell an Reiz verliert, jedenfalls dann, wenn man an den Ausgaben des Wiedergängers inhaltlich interessiert ist. Als Ersatz für einen Morgenmagazin-Moderator kann ich mir einen Wiedergänger aber ohne Weiteres vorstellen; seichtes Plätschern mit noch erkennbarem Themenbezug sollte schon mit heutiger Technologie machbar sein - vor allem wenn man die Haltung des Publikums bedenkt, das häufig nur eine nicht störende Geräuschkulisse haben möchte und den Plauderton einem weißen Rauschen vorzieht.

Sie befürchten, durch digitale Wiedergänger könnte die Erinnerung an geliebte Verstorbene verfälscht werden. Würde sie denn wirklich verfälscht? Die Erinnerung wird sich unentrinnbar wandeln, egal ob mit oder ohne Wiedergänger. Vielleicht hält der Wiedergänger Erinnerungen lebendig, die ohne seine Nutzung vergessen würden. Ein "Verfälschen" sehe ich darin aber nicht.

Und eines vergessen Sie bitte nicht: Eine "Opa-App" allein ist zunächst einmal gar nicht wirkmächtig. Es bedarf des Benutzers, der sie startet und mir Reizen versorgt, auf die die App antworten kann. Wenn aber die Ausgaben des digitalen Opas zwangsläufig als künstlich erkennbar sind, dann verliert die App ihren Reiz. Sie knnen doch sicher diese Science Fiction-Filme, in denen tiefgekühlte Menschen aufgeweckt werden, um ein Problem in der Zukunft zu lösen. Ich habe mich immer gefragt, warum es für die aufweckenden zukünftigen Menschen nicht einfacher ist, einen lebenden Experten zu finden. Wer will denn überhaupt die Auferstehung der Toten so sehr, dass er sie veranlassen (und bezahlen) würde? Die Lösungen der SciFi-Filme sind durch die Bank enttäuschend: Entweder werden die Tiefgekühlten versehentlich aufgeweckt, oder es gibt in der gesamten Zukunft niemanden mehr, der das dann aktuelle Problem lösen könnte (und das, obwohl es zumindest Experten gibt, die etwas so kompliziertes wie das Auferwecken einer tiefegekühlten Leiche zustande bringen). Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Und digitale Wiedergänger könnten nicht einmal neue Ideen entwickeln; sie sind ja gerade darauf angelegt, ein getreues Abbild einer bestimmten Person einer bestimmten Zeit darzustellen.

Von daher: Gut gemachte digitale Wiedergänger halte ich für wünschenswert; ihre Begrenztheit wird nicht verkannt werden können, so dass der Umgang mit ihnen - genau wie mit jedem anderen Wiedergabemedium - erlernt werden muss und kann.

Gruß,
C.E.

P.S.: Zum Thema Stichwortverpestung: Kennen Sie/Erinnern Sie sich noch an Joffes Philippika wider Powerpoint?
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Sonia » 15.08.2016, 09:33

Werter Cerebron,

ja, zur Dokumentation wären die Wiedergänger toll. Perfekt wären sie etwa für Wissenssendungen aller Art. Stellen Sie sich vor, Sie hätten nicht nur WAS-IST-WAS-Bücher gehabt, sondern hätten einen echten Wikinger beobachten und ein Interview mit Madame Curie oder Heinz Sielmann aktivieren können!
Ich bezweifle allerdings, dass sich damit Ausbildung in anderen Bereichen als in Geschichtswissenschaft wirklich revolutionieren ließe.
Privatlehrer? Je weiter die künstlichen Gesprächspartner weg wären, desto weniger könnten sie Rede und Antwort stehen. Ich vermute, dass unser "Erfahrungshorizont" sich dermaßen unterscheidet von dem Euklids oder Platons oder auch hunderte Jahre jüngerer Persönlichkeiten, dass wir nichtmal in der Lage wären, ihnen unsere Fragen so "verständlich" zu stellen, dass Antworten möglich wären und wir einen Erkenntnisgewinn davon hätten. Wie gesagt: über das Dokumentarische hinaus.

Ich befürchte sicher keine Invasion digitaler Wiedergänger. Science Fiction-Filme mit aufgetauten Leichen und sonstigen Untoten finde ich einschläfernd. Soweit ich informiert bin, besteht das "ernsthafte" Interesse am Einfrieren und späteren Auftauen von Menschen allerdings nicht seitens derer, die sie wiedererwecken wollen, sondern seitens der Eingefrorenen, die viel Geld für die Hoffnung ausgeben, eines Tages in einer zukünftigen Welt unbeschadet aufgetaut zu werden und weiterzuleben.

Die Erinnerung an geliebte oder persönlich bekannte Verstorbene ist meiner Meinung nach ein völlig anderes Feld.
Haben Sie Geschwister? Haben Sie sich mal detailliert mit ihnen über Erinnerungen an nahestehende Menschen unterhalten? Es ist hochinteressant, wie unterschiedlich derselbe Mensch in der Erinnerung zweier Personen ist, die gleichzeitig in derselben Umgebung waren. Wessen Version "stimmt"?
Jeder "erzählt" sich ununterbrochen seine Geschichte, und darin werden Erfahrungen und Begegnungen höchst individuell eingebaut und gestaltet. Natürlich wandeln sich Erinnerungen - sie sind das Produkt des Erinnernden. Es gibt keine Instanz, die entscheiden könnte, ob ich mich "richtig" erinnere und deshalb einen Verstorbenen zu Recht bewundere, liebe, oder verabscheue.
Ich glaube, dass jeder selbst für die Richtigkeit seiner Geschichte die höchste und einzige Instanz ist, ist so sehr Teil des Menschseins, dass es sehr wohl Schaden anrichten würde, wenn mit digitalen Wiedergängern bestimmt werden könnte, ob Opa wirklich so war, wie man meint.
Ich glaube nicht, der künstliche Opa würde die Erinnerungen "verfälschen", sondern ich glaube, er würde sie ersetzen. Dass er dafür Erinnerungen lebendig halten könnte, die, wie Sie schreiben, "ohne seine Nutzung vergessen würden", ist möglich, aber was haben Sie von den Fakten, wenn Sie sie eintauschen müssen gegen "Ihre" Geschichte, gegen "Ihren" Opa. Das müssten Sie nämlich.

Joffes interessante Powerpoint-Betrachtung kannte ich nicht. Das finde ich sehr zutreffend.
Es war ja mal so, dass Stichworte Erinnerungshilfen waren, um später Zusammenhänge oder Gedankengänge rekonstruieren zu können.
Bei Powerpoint-artigen Präsentationen sind Stichworte anscheinend häufig nichtmal im Kopf derjenigen, die sie verfassen, eine anschauliche Verkürzung von etwas Größerem. (Geschweige denn können sie im Kopf der Leser/Hörer anschaulich Größeres evozieren.)
Wenn man mit den Informationen aus einer PP arbeiten muss und die Autoren auf Nachfrage nicht sagen können, was ihre Stichworte "be-inhalten", und das offenbar nicht daran liegt, dass sie keine Zeit oder keine Lust haben, die zugrundeliegenden Überlegungen zu erläutern, sondern daran, dass es keine solchen gibt, dann kann einem schonmal angst und bange werden... :?

Eine schöne Woche wünscht
Sonia
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Bonbon » 16.02.2018, 12:27

Ich finde es befremdlich, muss ich sagen. Ob man da jemals den Eindruck verwischen kann, dass das unecht ist?
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon orig.gabi » 18.02.2018, 14:25

Meine Güte, wo war man denn bevor man da war? Ich habe jetzt seit neun Monaten einen Enkel. Der bereichert unser Leben sehr. Enkel zwei (von einem meiner anderen Kinder), ist unterwegs.
Wo waren diese Kinder vorher? Wo waren wir alle? Mich beunruhigt der Tod überhaupt nicht mehr. Man landet dort, wo man vor dem Leben war. Über eine sehr, sehr lange Zeit.
Das ist nicht nur so dahingesagt. Ich bekam vor einiger Zeit eine sehr ungünstige medizinische Diagnose, die sich letztendlich allerdings nicht voll bestätigt hat. Aber ich kann nur sagen, ich bin gelassen. Das Einzige was ich fürchte, ist die Möglichkeit der Wiedergeburt ...
Gott ist Liebe, und wer in der Liebe ist,
der bleibt in Gott und Gott in ihm.
1.Johannes, 4,16
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Gaby » 10.10.2018, 07:35

Hallo Namensvetterin ;-)

Zwar schon länger her dieser Post, aber ich darf sagen, ich sehe der Zukunft auch gelassen entgegen ... aber warum fürchtest Du Dich eventuell wiedergeboren zu werden? Findest Du dieses Leben so schrecklich?
Ich hätte nichts dagegen ... hätte dann ja auch die Chance einiges anders zu machen von dem ich heute meine, es wäre besser gewesen ich hätte vielleicht andere Entscheidungen getroffen. Ich lebe nach wie vor gerne auf dieser Welt. Ich liebe die Natur, ich liebe mein soziales Umfeld ... zumindest das würde ja in einem neuen Leben nicht viel anders sein. Ich kann zwar an den äußeren Umständen nicht viel ändern, aber wie ich letztlich damit umgehe bleibt ja mir selbst überlassen. Wie war die Redewendung noch? Neues Spiel ... neues Glück ... mich schreckt der Gedanke an die Wiedergeburt nicht :-)
Denn in alledem liegt der Anfang des Reiches Gottes, das entstehen soll an der Stelle, an der du stehst. Nicht irgendwo, sondern in dir selbst. (Jörg Zink)
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Re: Wenn ich einmal tot bin

Beitragvon Heidewolf » 21.10.2018, 11:41

Hallo orig.gabi.
Herzlichen Glückwunsch zum Enkel. Ja, das ist ein sehr schönes Gefühl. Bin jetzt auch selber nach vielen Jahren 2x Opa geworden.
Und, weil ich bei Umzug und Renovierung etwas geholfen habe, sind die Kiddies jetzt auch schon ganz schön vertraut mit mir.
Da kommt schon noch einmal erfrischendes Lebenswertgefühl auf.

Die Überschrift läßt ja noch anderes vermuten.

Ich habe jetzt den Vortrag von Anselm Grün auf dem IKT 2014 auf nacworld gefunden. Das habe ich jetzt durchgelesen. Vom Hören behält man ja nicht so viel.

Er sagte dort zum Tod. Man sollte sich jeden Tag bewusst machen, das man sterben muss. Dann geht man in das Reich Gottes. Und in dieser Erkenntnis sollte man sein Leben ausrichten.

Trivial und doch sehr bedeutsam.

Kann da eine Maschine helfen? Kann dann durchaus auch in Gehirnwäsche ausarten, meine ich.

Ich wünsche allen einen sonnigen Herbst. :D :D :D
Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. (Matthäus 23,8-12)
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