Gedanken & Gedichte

Erlebnisse, die man mit anderen teilen möchte

Gedanken & Gedichte

Beitragvon Esperanza » 06.05.2007, 06:03

Wenn ich wüsste ...

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist,
dass ich Dich einschlafen sehe, würde ich Dich besser zudecken.
Und zu Gott beten, er möge Deine Seele schützen.

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist,
dass ich Dich zur Türe rausgehen sehe,
würde ich Dich umarmen und küssen.
Und Dich für einen weiteren Kuss zurückrufen.

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist,
dass ich Deine Stimme höre ich würde jede Geste und jedes Wort
auf Video aufzeichnen.
Damit ich sie Tag für Tag wiedersehen könnte.

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist,
dass ich einen Moment innehalten kann,
um zu sagen "Ich liebe Dich" anstatt davon auszugehen, dass Du weisst,
dass ich Dich liebe.

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist,
dass ich da sein kann, um den Tag mit Dir zu teilen,
weil ich sicher bin, dass es noch manchen Tag geben wird.
So dass ich diesen einen verstreichen lassen kann.

Es gibt sicherlich immer ein "morgen"
Und wir erhalten immer eine 2. Chance
um einfach alles in Ordnung zu bringen.
Es wird immer einen anderen Tag geben,
um zu sagen "ich liebe Dich".
Und es gibt sicher eine weitere Chance.

Um zu sagen: "Kann ich etwas für Dich tun?"

Aber nur für den Fall, dass ich falsch liegen sollte
und es bleibt nur der heutige Tag,
möchte ich Dir sagen, wie sehr ich Dich liebe.

Und ich hoffe, dass wir nie vergessen:

Das "Morgen" ist niemandem versprochen
weder jung noch alt
und heute könnte die letzte Chance sein
die Du hast, um Deine Lieben fest zu halten.

Also, wenn Du auf Morgen wartest
Wieso tust Du's nicht heute?
falls das "Morgen" niemals kommt
wirst Du bestimmt bereuen,

Dass Du Dir keine Zeit genommen hast,
für ein Lächeln, eine Umarmung oder einen Kuss

und Du zu beschäftigt warst, um jemanden etwas zuzugestehen,
was sich im Nachhinein als sein letzter Wunsch herausstellt.

Halte Deine Lieben heute ganz fest
und flüstere ihnen ins Ohr,
sag' ihnen, wie sehr Du sie liebst.

Und dass Du Sie immer lieben wirst.

Nimm Dir die Zeit zu sagen "Es tut mir leid",
"Bitte verzeih' mir", "Danke", oder "Ist in Ordnung".

Und wenn es kein "Morgen" gibt.
musst Du den heutigen Tag nicht bereuen.

(Verfasser unbekannt)
Esperanza
 
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Das gute Ende im Ohr

Beitragvon Esperanza » 04.06.2007, 16:29

Diese Predigt erhielt ich per PN von einem "virtuellen Freund". Mag sie manchem Leser ebenso tröstlich sein, wie uns.

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Predigt des ev. Theologen Oswald Bayer (Tübingen), gehalten am 27. Juni 1999 in der Stadtkirche Altensteig.

Das gute Ende im Ohr
1. Mose 50,20

Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern samt ihrem Vater Jakob ist eine ungewöhnlich spannende Geschichte. Das Schlimmste, das man einer spannenden Geschichte antun kann, ist, gleich zu Ende zu lesen. Damit hat man ihr eben die Spannung genommen und sich selber um das Lesevergüngen gebracht. Wenn als Predigttext nur das pure Ende der Josefsgeschichte vorgesehen ist, wollen wir, wenn ich den Ausgang der Geschichte nun gleich - mit der Verlesung des Predigttextes - verraten muß, zurücklesen, um wieder bei uns heute anzukommen, die wir noch auf dem Wege sind. Denn keiner, keine von uns steht schon am Ende.

Am Ende der Josefsgeschichte spricht Josef zu seinen Brüdern, die nach dem Tode Jakobs, ihres Vaters, fürchten, daß Josef nun endlich an ihnen schreckliche Rache nimmt, das Verbrechen, das sie an ihm begangen haben, auf sie zurückfallen läßt, es ihnen heimzahlt:

"Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen; Gott aber gedachte es gut zu machen, daß er täte, wie jetzt am Tage ist: viele Menschen am Leben zu erhalten."

Sie gedachten in der Tat, es böse mit ihm zu machen: die Brüder mit Josef, ihrem eigenen Bruder, den sie zeurst töten wollten, dann in eine Grube warfen, schließlich nach Ägypten verkauften und ihrem Vater Jakob, in tiefste Verzweiflung stürzten, indem sie ihm Josefs Tod meldeten - ein wildes Tier habe ihn zerrissen - und zum Zeichen dafür ihm Josefs zerrissenes Gewand schickten, das sie in Tierblut getaucht hatten. Aus ihrer Gemeisnchaft ausgestoßen haben sie ihn, verraten und verkauft.

Verkauft und verraten, verletzt, entehrt, der Freiheit beraubt und geötet werden Menschen - Gott sei's geklagt! - bis zum heutigen Tag.

Das Leben ist kein Wellness-Trip, der Lebensweg keine gerade, übersichtliche, helle Strecke, sondern oft krumm, unübersichtlich, ja dunkel - anders jedenfalls, ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte.

Da fällt der Mann, jung, 25 Jahre alt, im Krieg: am 27. Juni 1941; da stirbt, mitten im Leben, die Frau; da wird ein Kind tot geboren, und wir denken: Dieses Leben ist ungelebt geblieben. Da wird einem Menschen der Ruf ruiniert, die Ehre genommen - oder, fast genauso schlimm, die Arbeit. Da muß eine ihr Leben lang mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung leben ... Schnitte ins Leben!

Bei uns selbst und bei andern sehen wir Lebenswege, die einen Knick bekommen haben oder gar abbrechen, abstürzten oder sich hoffnungslos verlieren - so wie Spuren im Sande sich verlieren. Und kein Hahn kräht danach.

Gegen das eigene Wollen und Planen geht es oft. Und du wirst geführt, wohin du nicht willst. Ja, wenn man bei alledem wenigstens noch geführt würde! Umwege könnte man ja in Kauf nehmen. Aber vielleicht merkst du in deinem Leben gar nichts von einer Führung zu einem guten Ziel? Vielleicht sagst du: Es ist doch alles sinnlos, leer. Worauf denn noch warten? Es kommt doch nichts! Oder nichts Rechtes ...

Auch die Weltgeschichte ist uns nicht deutlicher als unsere eigene Lebensgeschichte. Auch dort ist es nicht so, wie Hegel es sah: Nämlich, daß, wer alles im Großen und Ganzen sowie vom Ende her betrachte, sagen müsse, es sei in der Weltgeschichte immer vernünftig zugegangen.

Ist es immer vernünftig zugegangen? Wer kann sich hinstellen und sagen: Es hat so kommen müssen, und nun sind alle Umwege, Abwege, Irrwege, nun sind alle Holzwege gerechtfertigt? Es ist letztlich alles für etwas gut? Nein, mit einem solchen dreisten Optimismus möchte ich es nicht halten.

Sollen wir stattdessen dann denen zustimmen, die ihr Leben und die ganze Weltgeschichte als ein immerfort sich drehendes Glücksrad sehen - mal oben, mal unten, heute reich, morgen arm, heute gesund, morgen krank? "Wie das Leben so spielt", heißt es dann. So zufällig gehe es im Leben eben zu. Bare Willkür, Schicksal. Blind, dunkel.

In solcher Rede vom dunklen und blinden Schicksal steckt durchaus ein gewisses Recht. Auch Josef und seine Brüder hatten inmitten der Verwicklungen, der Irrungen und Wirrungen ihrer Wege keineswegs den Durchblick. Sie wußten nichts von einem glücklichen Ausgang, ja ahnten ihn nicht einmal. Erst im Nachhinein konnten sie aufatmen und sich freuen. Während der langen, bangen, harten Jahre aber tappten sie im Ungewissen. An ein Wiedersehen war nicht zu denken; die unvergebene Schuld bedrohte sie wie eine dunkle Gewitterwolke, aus der jederzeit der Blitz der Rache auf sie niederzucken konnte.
Nicht schon im Voraus, erst im Nachhinein merkten sie, daß nicht etwa ein blindes Schicksal mit ihnen gespielt hatte, sondern daß sie geführt worden waren, geführt, geleitet, daß da einer zielstrebig einen Plan mit ihnen verfolgt hatte - einer, der es gut mit dir meinte, während du dachtest: Er fragt nichts nach mir, gar nichts. Ich bin ihm wohl gleichgültig.

Ja, so ist es: "ER wird zwar eine Weile / mit seinem Trost verziehn/ und tun an seinem Teile, als hätt in seinem Sinn / er deiner sich begeben / und sollt'st du für und für / in Angst und Nöten schweben,/ als frag er nichts nach dir."

"... als frag er nichts nach dir". Wer diese Verborgenheit Gottes nie in seinem Leben erfahren mußte, wer sich Gottes Beistandes in einem zuversichtlichen Glauben immer gewiß war, der sei dafür dankbar. Oft oder meistens aber ist es anders. Dann spüre ich von Gottes Nähe und Macht gar nichts. Dann ist er weit, weit weg, und ich weiß von ihm vielleicht nur noch vom Hörensagen. Und auch dies verblaßt. Statt an der Hand des himmlischen Vaters finde ich mich in einer lähmenden Gleichgültigkeit - allein mit mir und meinesgleichen.

Vielleicht aber gibt es Augenblicke, in denen die Gleichgültigkeit zerreißt und die Klage herausbricht:
Warum fragst du nichts nach mir?
Warum gibst du keine Antwort?
Du hast mich vergessen! Warum?
Du hast mich verlassen! Warum?
Warum läßt du mir dein Angesicht nicht leuchten,
so daß ich mich wieder freuen und meines Weges gewiß sein kann?

Daß wir doch so klagen und Gott in den Ohren liegen könnten! Das wäre schon ein erster Sieg im Kampf gegen das Schicksal, gegen das dunkle und blinde, gleichgültige und kalte ES, das keinen Namen hat, das unerbittlich ist und dem sich auch nicht klagen läßt. Es ist nämlich taub; es hört nicht.
Wer aber klagt, wer auch ins Leere, ins Nichts, ins Sinnlose hinein schreit: Hör mich doch! Hilf mir doch!, der darf gewiß sein, daß es ein Ohr gibt, das auch solches Schreien noch hört, der darf gewiß sein, daß er Gehör und Hilfe findet.

Ist dabei aber nicht der Wunsch der Vater der Erhörung - der Wunsch, es möchte so sein: daß mich jemand hört, der es gut mit mir meint und einen letztlich guten Weg meines Lebens auch zuwege bringt, so daß am Ende auch ich sgaen kann: Das Leben, wie es so spielt, gedachte es böse mit mir zu machen; Gott aber gedachte es gut zu machen, wie jetzt am Tage ist: daß mein Leben und das Leben aller Menschen nicht ins Nichts gefallen, sondern bewahrt und errettet ist - das Leben auch der im Krieg Gefallenen, auch der viel zu früh Gestorbenen, auch der vielen von andern vergessenen, auch der Entehrten und Mißhandelten, ja: das Leben aller seiner Geschöpfe, auch das der zu Tode gequälten Tiere ...

Das Ungewisse, Dunkle und Unerlöste der Geschichte Josefs und seiner Brüder hat sich am Ende so gelöst und gelichtet, daß Gottes zuvor unter dem Gegenteil verborgene Führung an den Tag kam und Josef, in der Kraft Gottes seinen Brüdern vergebend, sagen konnte: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen; Gott aber gedachte es gut zu machen, daß er täte, wie jetzt am Tage ist: viele Menschen am Leben zu erhalten."

Stehen wir heute auch an einem solchen Ende? Gewiß gibt es wohl in jedem Leben Augenblicke, wo wir innehalten, zurückblicken, feiern und unserer Seele zurufen dürfen:

"Lob den Herren, der alles so herrlich regieret ...

Lobe den Herren, der kunstvoll und fein dich bereitet, / der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. / In wieviel Not/ hat nicht der gnädige Gott / über die Flügel gebreitet!

Lobe den Herren, der sichtbar dein Leben gesegnet,/ der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. / Denke daran,/ was der Allmächtige kann,/ der dir mit Liebe begegnet."

So dürfen wir durchaus singen. Es ist nicht unsere Aufgabe, Lob und Klage in ein Gleichgewicht zu bringen oder gar miteinandern zu verrechnen. Wer guten Mutes ist, der singe Loblieder; wer Böses erleiden muß, der klage und bitte. Beides hat seine Zeit.

Das Lob aber darf uns nicht religiös übermütig machen. Wenn wir den loben, "der alles so herrlich regieret", dürfen wir nicht meinen, dies an unserem Lebenslauf und am Gang der Weltgeschichte einfach ablesen, feststellen zu können. Wir müßten, um eine eindeutige Bilanz zu erzielen, dann ja von allem Vorläufigen und immer auch Mehrdeutigen absehen; wir müßten vor allem von Leid und vom Krieg absehen und von den Tränen, die noch nicht getrocknet sind.

Nein, wir sind noch nicht am Ziel; keiner, keine von uns steht schon am Ende. Wir sind noch unterwegs. Und immer wieder kommt es uns so vor, als hätten wir keinen Fortschritt, sondern vielleicht nur Rückschritte gemacht. Wir können es nur glauben, nicht aber einsehen, daß Gott auch auf krummen Wegen gerade schreibt. Doch wir glauben es zu Recht. Denn: "Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont aht, sondern hat ihn für uns dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken" (Röm 8,32)?

Das gute Ende haben wir nicht in der Tasche; wir haben es nur im Ohr und - Gott gebe es! - im Herzen: Wir haben es gehört, weil wir Gottes Namen gehört haben, mit dem er uns segnet - genau so wie er Jakob, Isaak und Abraham gesegnet: sich ihnen zugesprochen, zugesagt, zugeschworen hat: "Ich will mit euch sein!"

Allein kraft dieses Namens, allein kraft dieses Segens, im Namen Gottes also, konnte Josef seinen Brüdern vregeben, wirklich vergeben, und sagen: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen; Gott aber gedachte es gut zu machen, daß er täte, wie jetzt am Tage ist: viele Menschen am Leben zu erhalten", die große Errettung zu vollbringen.

"Ich will mit euch sein!" In dieses Versprechen hat Gott seinen Namen gelegt, in dieses Versprechen hat er sich selbst hineinbegeben; er steht nun im Wort. Allein mit diesem Wort ist uns die Last der Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft genommen. Von dieser doppelten Sorge befreit, dürfen wir in der Gegenwart leben, ganz gegenwärtig sein. Den Plan, den guten Plan, den Gott für uns und für diese ganze Welt hat, müssen wir nicht wissen und einsehen. Es reicht, daß Er ihn weiß und wir, durch sein Versprechen, kraft seines Namens gewiß sind:

"Und ob gleich alle Teufel / hier wollten widerstehn / so wird doch ohne Zweifel / Gott nicht zurücke gehn; / was er sich vorgenommen/ und was er haben will,/ das muß doch endlich kommen / zu seinem Zweck und Ziel."

Amen.
Esperanza
 
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Beitragvon Esperanza » 12.08.2007, 17:06

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief. Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß, blieb sie stehen und sah hinunter.

Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen.

Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: "Wer bist du?"

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.

"Ach die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.

"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.

"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."

"Ja aber...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?"

"Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?"

"Ich..., ich bin traurig", sagte die graue Gestalt.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt."

Die Traurigkeit seufzte tief.

"Ach, weißt du", begann sie zögernd und auch verwundert darüber, dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."

Die Traurigkeit schluckte schwer.

"Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen.
Sie sagen: 'Papperlapapp, das Leben ist heiter.' und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot.
Sie sagen: 'Gelobt sei, was hart macht.' und dann bekommen sie Herzschmerzen.
Sie sagen: 'Man muss sich nur zusammenreißen.' und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen: 'Nur Schwächlinge weinen.' und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.
Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."

"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet..."

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."

Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

"Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt."

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin:

"Aber..., aber – wer bist eigentlich du?"

"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd. "Ich bin die Hoffnung."
Esperanza
 
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