Zwischen Angst und Hoffnung

Erlebnisse, die man mit anderen teilen möchte

Zwischen Angst und Hoffnung

Beitragvon Esperanza » 07.01.2007, 13:46

Das Auf und Ab deines Gesundheitszustandes sollte uns inzwischen vertraut sein. Aber wir wollen mit aller verbliebenen Kraft, dass es immer aufwärts geht, dass wir Besserung sehen. Wenn unser Wollen nicht reicht und es dir wieder einmal schlechter geht, schmelzen die Hoffnungswerte schell dahin. Und die Angst, mein alter Feind, klammert sich wieder an mir fest. Fast schon vertraut.

Von einer anhaltend stabilen Phase aus eine neue Perspektive entwicklen können, neue Kraft und Hoffnung zu schöpfen - bisher ein Wunschtraum.

Du bist so müde, schrecklich müde. Kleinste Aktionen sind bereits große Anstrengungen. Gegen die tiefe Erschöpfung und Kraftlosigkeit hilft auch der Schlaf nicht, bringt keine Erholung für den überforderten Körper und die verwundete Seele.

Du veränderst dich, täglich etwas, fast unmerklich. Aber unübersehbar. Ich beobachte dich manchmal heimlich, wenn du schläfst. Die Krankheit hat dich gezeichnet und mir zerreisst es das Herz, dir nicht helfen zu können.

Unsere Beziehung zueinander verändert sich, zwangsläufig. Wir vermeiden jede noch so kleine Auseinandersetzung. Jeder gibt sofort nach, stellt den Wunsch des Anderen in den Vordergrund. Ein Umgang wie mit Samthandschuhen. Einerseits, weil uns beiden die Kraft für Konflikte fehlt. Andererseits, weil wir Angst haben, kostbare gemeinsame Zeit mit unwichtigem Streit zu vergeuden.

Und trotzdem geht der Alltag weiter. Irgendwie. Das Leben will bewältigt werden, origanisiert, geplant, geordnet. Fast unbewusst, einfach nur funktionierend.

Wir hängen unerfüllbaren Wunschträumen nach, den Dingen, die wir immer so sehr gernossen haben: Ein gemeinsamer Spaziergang in klarer Winterluft. Der Besuch in unserem Lieblingsrestaurant. Ein Wochenendurlaub in einem schönen Hotel. Die Urlaubsreise. Ein gemeinsamer Abend mit unseren Freunden, gutem Wein, noch besseren Gesprächen und Gelächter. Der Kabarettabend, für den wir die Karten besorgt haben, als unsere Welt noch in Ordnung war.

Was davon werden wir noch erleben dürfen? Wir sind bescheiden geworden. Ganz klein. Demütig. Und dankbar für das Wenige.

Gott, war es das, was wir lernen sollten?
Esperanza
 
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Beitragvon Esperanza » 04.02.2007, 08:27

Einer dieser Versandhauskataloge ist ins Haus geflattert. Ich blättere gelangweilt darin, bis mir einige schöne Kleidungsstücke auffallen "Schau mal, das wäre doch etwas für dich, oder?"

Du blickst nur kurz hin "Das ist doch Sommermode, noch haben wir Winter."

"Na und? Wenn dir etwas gefällt, kannst du es doch jetzt schon kaufen. Ob du im Frühjahr durch die Geschäfte laufen kannst, oder dir das zu enstrengend wird? Kauf per Internet, da hast du es bequemer."

Erst jetzt sehe ich die Tränen in deinen Augen "Meinst du wirklich, dass ich noch Sommergarderobe brauche? Sieh mich doch an. Wenn es so weitergeht, bin ich im Sommer vielleicht nicht mehr da."

Ich möchte schreien vor innerem Schmerz. Und ich möchte dir widersprechen, dir Kraft geben, Mut machen. Dich davon überzeugen, dass wir noch viele gute Jahre vor uns haben. Aber ich kann das nicht. Ich kann dich nur in die Arme nehmen und festhalten.

Von meiner Kraft, meiner Energie, möchte ich dir etwas abgeben - wie eine Bluttransfusion. Es ist nicht möglich, so sehr ich es mir wünsche.

Ich muss tatenlos zusehen, wie die Krankheit dich immer stärker beherrscht. Es ist so wenig, was ich für dich tun kann. Ich bin hilflos. Und ich habe Angst.

Gott, wo bist du?
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Beitragvon Esperanza » 25.02.2007, 20:32

Das Telefon: Der Prof. möchte ein Gespräch mit uns führen. Nein, nicht wie jeden Tag üblich am Krankenbett, sondern in Ruhe. In seinem Büro. Abends.

Liebe Gott bitte, was will er von uns? Was will, was muß er uns sagen? Eine neue Hiobsbotschaft? Mir ist schlecht, ich habe weiche Knie. Du auch? Komm, wir gehen jetzt ins Büro. Gemeinsam schaffen wir alles. Halt meine kalte, zittrige Hand fest. Wo sind meine Taschentücher?

Wir sind bisher recht zufrieden. Die Therapie beginnt langsam zu wirken. Wir wollen vorsichtig sein mit der Beurteilung, aber wir sehen deutlich erste positive Anzeichen. Auch wenn der Patient davon noch nichts spürt - erfahrungsgemäß dauert es einige Tage, bis die positiven Veränderungen zur fühlbaren Besserung des Zustandes führen. Sie werden in einigen Tagen weniger Schmerzen haben und wieder Appetit bekommen. Geniessen sie diese kurze Phase. Mit dem nächsten Zyklus der Chemotherapie wird es ihnen dann wieder schlechter gehen. Schöpfen sie zwischendurch neue Kraft und neuen Mut.

Du liegst wieder in deinem Klinikbett, von dem kurzen Ausflug völlig erschöpft. Aber du lächelst, seit Tagen das erste Mal. Scheinbar zusammenhanglos fragst du mich, ob die ersten Tulpen im Garten zu sehen sind. Ja, die ersten Spitzen sind zu sehen, noch zaghaft, aber täglich etwas mehr. "Das ist gut, dann blühen sie, wenn ich wieder nach Hause komme. Vielleicht kann ich ja doch in der Sonne auf der Terrasse sitzen und den Frühling geniessen. Und über den Sommer mache ich mir dann später Gedanken. Ich plane nur noch in Wochenschritten. Aber ich plane wieder! Hast du den Versandhauskatalog noch?"

Danke Gott, bis hierher. Und bleib bitte bei uns!
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Beitragvon Esperanza » 28.02.2007, 20:09

Immer wieder das Telefon. Ich habe den Klingelton geändert, auf eine angenehmere Melodie. Wie lächerlich... Es schellt und ich spüre wieder, dass dieses Schellen drängend ist.

Sie sollten kommen. Wir haben leider neue Probleme feststellen müssen.

Es ist fast schon Routine, bittere Routine: Die Akten in den Schrank legen, begonnene Dateien sichern, das Telefon auf das Sekretariat umstellen - alberne Handgriffe, Alltägliches. Auf dem Gang die besorgt-mitfühlenden Blicke der Anderen. Die Mitarbeiter fragen schon nichts mehr. Tiefgarage, anschnallen, los. Immer wieder die gleiche Strecke. Immer wieder zu schnell. Immer wieder im Kopf dieses Hämmern, in der Seele die Angst. Immer wieder ein endlos langer Flur, Neonröhren, Plastikstühle.

Die jungen Ärzte stehen gelangweilt herum, diskutieren, ob Abfahrtslauf oder Snowboard "geiler" sind - welche Sorgen!

Ja, wir waren sehr zufrieden mit dem Erreichten - das war gestern. Heute müssen wir feststellen, dass die Krankheit sich einen neuen Weg gesucht hat. Wir haben folgende Alternativen ... Weitere Eingriffe werden sich nicht vermeiden lassen. Sie sind mit Risiken verbunden. Ich ziehe noch ein paar Kollegen hinzu; wir tun unser Bestes, versprechen können wir leider nur wenig.

Du hast nur einen Bruchteil mitbekommen, die Schmerzmittel wirken und versetzen dich in Halbschlaf. Gut so. Aber deine Hand drückt meine fester als vorher, viel fester. Du ahnst mehr als du weisst. Wir schweigen. Was sollten wir auch reden? Endlich schläfst du. Etwas Ruhe wird dir gut tun. Morgen geht es weiter mit den anstrengenden Untersuchungen. Ich gehe ganz leise hinaus.

Gott????
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Beitragvon Esperanza » 01.03.2007, 05:23

Die Stunden vergehen so langsam. Schlaflos. Tausend Gedanken wirbeln durch den Kopf, die Denkmaschine ist nicht abzustellen. Telefonate mir der Familie, Freunden. Alle sind besorgt, alle hoffen mit uns, beten für uns. Wir sind nicht allein, das tröstet. Wie ein weiches Kissen für die wundgescheuerte Seele.

Ich suche Unterlagen und stoße auf unsere Fotoalben. Urlaubsbilder. Noch vor wenigen Monaten zeigten sie einen gesunden Menschen, braungebrannt, ins Leben lachend. Sonnenschein, blauer Himmel. Unsere Welt war in Ordnung. Nicht perfekt, aber heil.

Wie geht es dir? Wie war deine Nacht? Haben die Medikamente dir schmerzfreien Schlaf gebracht? Vor der Fahrt ins Büro werde ich schnell einen Besuch bei dir machen. Nur ganz kurz deine Hand halten, dir Mut machen, Kraft geben.

Gott, die Nacht ist vorbei. Lass es endlich hell werden und dann hilf uns durch diesen Tag.
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Beitragvon Esperanza » 02.03.2007, 11:04

Ja, sie können jetzt auf die Intensivstation kommen. Die OP ist soweit gut verlaufen, wir haben das gesetzte Ziel erreicht. Die Erholung wird noch ein paar Tage dauern, aber bisher sehen alle Werte recht gut aus. Ich gebe das Telefon mal weiter...

Deine Stimme, sehr dünn und schwach, zittrig, die Worte verschwommen, verworren. "Die haben mich an lauter Schläuche und Kabel gehängt. Ich habe keine Schmerzen, ich bin nur müde und habe Durst. Wann kommst du? Welchen Tag haben wir heute?"

Und ich sitze da mit einem Berg zerknüllter Taschentücher, unfähig zu sinnvollen Handlungen. Stundelang habe ich gewartet und gebetet, und viele haben es mit mir...

Wieder haben wir ein Stück des Weges geschafft. Es war steil. Und gefährlich.

Gott, lass uns etwas ausruhen. Nur etwas. Und danach lass uns bitte ein Stück auf ebener Strecke gehen können.
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Beitragvon Esperanza » 13.03.2007, 11:52

Es riecht nach Frühling. Endlich wieder Vogelgezwitscher, die ersten Knospen, milde Luft und Sonnenschein.

Eine gute Zeit, zum gesund werden. Eine gute Zeit für die Hoffnung und den Glauben. Für die Liebe sowieso. Ob es auch eine gute Zeit für Wunder ist, müssen wir IHM überlassen. Aber Glaube, Liebe und Hoffnung sind unser Teil, unsere Aufgaben.

Wir haben eine kurze Spazierfahrt gemacht und ein paar Minuten in der Sonne gesessen. Endlich hast du etwas anderes gesehen, als Krankenhäuser und Ärzte. Es hat dich unendlich angestrengt, aber es hat dich auch glücklich gemacht. Wie wenig doch notwendig ist, um ein Menschenherz zu erfreuen.

Gott, danke für diesen einen guten Tag. Und bitte, lass uns noch mehrere davon erleben.
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Beitragvon Esperanza » 30.03.2007, 13:59

Der vorerst letzte Zyklus der Chemotherapie ist absolviert. Die Medikamente haben dich verändert - von den dünner gewordenen Haaren über erheblichen Gewichtsverlust bis zu Veränderungen der Sehschärfe, zitternden Händen und Taubheitsgefühlen der Haut: Es ist ein hoher Preis zu zahlen, für die Hoffnung darauf, die Krebszellen zu zerstören. Zu hoch? Wir wissen es noch nicht.

In einigen Wochen soll eine neuerliche Chemotherapie vorgenommen werden - diesmal hochdosiert. Stammzellen sind zu transplantieren - die Einzelheiten erklären uns die Ärzte und ich bin beeindruckt vom heutigen Stand der Medizintechnik. Die kommende Dosierung soll 8-10 mal stärker sein, als die bisherige. Ich darf noch nicht daran denken, was die Mittel mit dir anstellen werden!

Wir geben den Patienten für einige Wochen in gute Hände. Passen sie aufeinander auf. Jede Infektion kann bedrohlich sein. Und füttern sie den Patienten mit seinen Leibgerichten, in kleinen Portionen - es dürfen gern ein paar Kalorien mehr sein. Alle Produkte mit dem Zusatz "light" sollten sie vermeiden. Wir empfehlen zum Nachmittag Kuchen und Kakao mit Sahne! Schaffen sie sich eine Wohlfühl-Oase. Sie sollten auch psychisch neue Kräfte tanken. Tun sie, was immer ihnen gut tut.

Du bist so klein geworden, so schmal und schwach. Aber die Aussicht auf ein paar Wochen im eigenen Zuhause läßt dich strahlen. Wir werden es uns gut gehen lassen - und den bevorstehenden Horror einfach verdrängen. 'Kakao' haben sie gesagt - Wenn's daran liegt, den sollst du bekommen, versprochen! Komm, ich kann das Krankenzimmer nicht mehr sehen, wir fahren nach Hause. Kakao trinken.

Gott, bist du auch weiter für uns da?
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