Chemotherapie

Erlebnisse, die man mit anderen teilen möchte

Chemotherapie

Beitragvon Esperanza » 10.12.2006, 12:38

Sie können sich die Therapie gern bei einem anderen Patienten ansehen. Der direkte Kontakt zwischen Betroffenen baut Ängste ab. Sollen wir einen Termin vereinbaren?

Ja, natürlich. Wir wollen einen Einblick bekommen in das, was dir bevorsteht. In unseren Köpfen laufen Horrorfilme - Chemotherapie, das heißt, der Körper wird mit Substanzen überflutet, die ihm nicht zuträglich sind. Den Menschen geht es sehr schlecht. Das, was die Linderung der Krankheit bewirken soll, macht zunächst krank. Man sieht es den Menschen an.

Ein paar Zimmer weiter hat sich ein junger Mann als "Anschauungsobjekt" zur Verfügung gestellt. Er heißt Jens, ist Anfang 30, verheiratet, hat eine kleine Tochter. Mitten in den Vorbereitungen für seine Meisterprüfung hat es ihn erwischt: Krebs. Er lässt uns ausrichten: Nein, er habe kein Problem damit, uns seine "Chemo-life" zu zeigen. Wir können jederzeit kommen, nur samstags nicht, da guckt er Bundesliga. Aha.

Wir stehen vor der Zimmertür. Wollen wir da wiklich rein? Halt meine Hand, ganz fest. Hoffentlich sieht Jens nicht ganz so schlimm aus. Was sagt man bei solchen Gelegenheiten?

Wir sind überrascht. Vor uns keine Jammergestalt, sondern ein großgewachsener junger Mann. Die regelmäßigen Besuche im Fitneß- und Sonnenstudio sieht man ihm an. Einzig irritierend sind die Augen, die ohne Wimpern und Augenbrauen zu groß wirken. Um den Kopf trägt er ein Tuch - wie ein Pirat. In der Halsbeuge der Zugang für die Therapie, den er unter einem Halstuch versteckt. An einem rollbaren Ständer hängen durchsichtige Plastikflaschen, deren Abfluß von einem kleinen Computer gesteuert wird. Die Substanzen sind kristallklar. (Ich hatte mir eine giftgrüne Flüssigkeit vorgestellt...)

Er erzählt von sich, seiner kleinen Familie, seinen Eltern, den Zukunftsplänen. Er lacht, viel und kräftig. Ein netter junger Mann. Den Krebs betrachtet er als kurze, unangenehme Episode, die selbstverständlich mit völliger Heilung endet. Das Grundstück ist gekauft, ein Hochzeitsgeschenk der Eltern, im Frühjahr soll das Häuschen für die Familie gebaut werden. Den kompletten Innenausbau will er in Eigenregie machen. Nicht die Spur eines Zweifels.

Ja, ihm sei ein paar Tage lang etwas übel gewesen. Aber das sei vorüber. Ihn erinnere die Chemotherapie an die Geburt seiner kleinen Tochter, bei der er dabei war. "Mitten drin ist es schrecklich und du denkst, es geht nie vorbei. Aber danach vergisst du es sofort wieder und denkst, dass es doch gar nicht so schlimm war." Er geht spazieren, seinen Rolli mit den Flaschen hat er immer dabei. Manchmal geht er zu schnell, dann piepst warnend der Überwachungscomputer. "Meinen Vogel" nennt er das Gerät.

Wir verabschieden uns. Jens lacht wieder, strahlt uns an. Morgen will er aus dem Haus und im Klinikgarten spazieren gehen - mit seinem Vogel.

Zugegeben, Jens ist ein bißchen unser Vorzeigepatient. Er hat physisch und vor allem psychisch beste Voraussetzungen, die Krankheit zu überwinden. So gut sind die Vorzeichen bei weitem nicht bei jedem Patienten. Aber er konnte ihnen zeigen, dass eine Chemotherapie zumeist doch nicht so schlimm ist, wie viele befürchten. In ein paar Tagen fangen wir bei ihnen an. Sie werden das überstehen. Bis Weihnachten geht es ihnen besser.

Gott, bitte lass es wahr werden.

Der kleine Ausflug hat dich völlig erschöpft. Ich werde gehen und dich schlafen lassen. Beim Verabschieden bekomme ich noch einen Auftrag mit auf den Weg: Besorg mir schon mal ein Kopftuch. Aber ein schönes! Ja, du Hilfs-Pirat, das mache ich.
Esperanza
 
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Beitragvon Esperanza » 22.12.2006, 16:09

Jeder Körper reagiert anders. Jede Krebserkrankung ist anders. Nicht vergessen: Eine Chemotherpie ist wie eine absichtliche Vergiftung des Körpers, der sich naturgemäß dagegen wehrt.

Ja, ja, ja, das weiß ich alles. Aber es macht einen großen Unterschied, darüber zu sprechen oder sehen zu müssen, wie sehr die Therapie dich plagt. Es ist, als wenn alle Organe, alle Nerven und die Seele sich aufbäumen, sich zur Wehr setzen. Das kostet all deine verbliebene Kraft, allen Mut, allen Willen. In den ruhigeren Phasen schläfst du, tief erschöpft.
Dein Leben teilt sich in die Abschnitte: Chemotherapie, Dialyse und Erschöpfung. Ich sitze an deinem Bett, so hilflos.

Und lebe derweil von der Hoffnung, dass es vorüber gehen wird, dass es besser wird, dass die Therapie anschlägt, dass ein Wunder geschieht, dass Gott an all den vielen Gebeten nicht vorüber gehen kann.

Heute kam eine Mitarbeiterin zu mir. "Ich stamme aus der DDR, bin nicht religiös erzogen worden. Ich weiss nicht, ob es Gott gibt. Aber in unserem Ort ist eine kleine Kirche und ich bin hineingegangen und habe ganz fest an euch beide gedacht. Vielleicht hilft's."

Gott bitte, halt einen Moment inne und hör denen zu, die für uns bitten.
Esperanza
 
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