Kreuzträger

Erlebnisse, die man mit anderen teilen möchte

Kreuzträger

Beitragvon Esperanza » 01.12.2006, 20:11

Kreuzträger - das ist wohl ein speziell "neuapostolischer" Begriff. Du trägst dein Kreuz bewundernswert - jetzt auch im doppelten Sinn. Dein Körper ist von Zeichen, Punkten und Kreuzen übersät, ein besonders dickes in lila soll anzeigen, wohin die stärksten Strahlen gerichtet werden müssen.

Die ersten Behandlungen sind vollzogen. Ob sie erfolgreich waren, wird die Zeit zeigen. Bisher hast du alles problemlos überstanden.

Die Augen der Ärzte verraten Zuversicht. In den letzten Jahren hat sich in der Medizin viel getan, wir verfügen heute über sehr gute Medikamente. Vertrauen sie uns.Du drückst meine Hand, wie zur Bestätigung: Wir schaffen das! Wir beide. Und die Ärzte.

Gott, bitte, sei weiter mit uns!
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Das Telefon.

Beitragvon Esperanza » 01.12.2006, 20:21

Das Telefon. Immer wieder das Telefon. Schon am Klingeln ist zu hören, wie dringend der Anruf ist. Es ist einer der Anrufe, bei dem wieder nur einzelne Wortfetzen an mein Ohr dringen.

Bedauerlicherweise... nein, leider nicht vorhersehbar... beide Nieren ohne Funktion... eine häufige Komplikation... ja, Dialyse... lebensnotwendig... heute noch... sie sollten kommen... Emotionale Unterstützung... ganz wichtig.

Linke Spur, Blinker raus. Blitzt mich doch, mir ist alles egal. Ich kämpfe gegen den Tod. Kann mich eine Radarfalle erschrecken? Was hat der am Telefon überhaupt gesagt? Nierenversagen. Was heißt Nierenversagen? Was passiert jetzt?

Gott, bitte, lass die Ampel grün werden.

Warum wird das Bett, in dem du liegst, jeden Tag ein bißchen größer? Es zerreisst mir die Seele, dich so schwach zu sehen. Du bist müde, unendlich müde, aber du lächelst mich tapfer an. So tapfer, dass dir die Tränen herunterlaufen. Aber ich weine nicht. Ich doch nie. Meine Jacke ist nur nass vom Regen. Du schaust lächelnd zum Fenster, in das die Wintersonne kleine, helle Kringel malt.

Krankenwagen, Blaulicht, Sirene. Ich darf mitfahren. Und kann deine Hand halten und dabei möglichst tapfer und zuversichtlich aussehen. Ich lächle dich an und fürchte, du hast mein Schauspiel längst durchschaut.

Wieder Schläuche, Kabel, Leuchtdioden, Diagramme in grünem Flackerlicht, Pumpgeräusche. Jemand versucht, uns langatmig die Funktionen des Gerätes zu erklären, dann wirst du angeschlossen. Ein komplizierter Vorgang. Das Pumpgeräusch wird lauter. Machen sie sich keine Sorgen, die Maschine reinigt ihr Blut perfekt und sie bekommen es sogar mit ein paar Zusatzstoffen wieder zurück. Versuchen sie, etwas zu schlafen.

Nach vielen Stunden ist es überstanden. Aber schon morgen wird die Behandlung erneut nötig sein, und übermorgen, und ...

Gott, bist du da? Siehst du das? Sag was! Was willst du von uns? Was forderst du?
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Der Strahlen-Kater...

Beitragvon Esperanza » 07.12.2006, 17:34

Bis jetzt hast du alles, jeden Eingriff, jede Behandlung, jede neue niederschmetternde Nachricht mit bewundernswerter Geduld ertragen.

Seit ein paar Tagen bist du anders. Anders als bisher. Niemand kann dir etwas recht machen - die Ärzte, die Schwestern und Pfleger, deine Familie, Freunde und ich, niemand. Jede liebevolle Zuwendung nervt, jeder angebotene Gefallen wird zurückgewiesen.

Die Experten nennen das den "Strahlen-Kater". Es handelt sich um eine Reaktion auf die Strahlentherapie. Die Schwestern ertragen deine Übellaunigkeit mit der heiteren Gelassenheit von Profis, die wissen, dass es vorübergehen wird. Nur ich brauchte ein paar Tage, um die neue Lage zu verstehen. Du fühlst dich tatsächlich wie verkatert. Gut, dass wir darüber geredet haben...

Die Schäden auf der Haut sehen aus, wie ein kleiner Sonnenbrand. Wir hoffen und beten, dass dem "inneren Sonnenbrand" viele der bösartigen Zellen zum Opfer gefallen sind. Dafür nehmen wir die Nebenwirkungen in Kauf. Notfalls auch den "Kater". Du fragst mich, ob der Kater wohl aussieht wie Garfield - nur viel größer.

Hör auf damit, auf onkologischen Stationen darf nicht laut gelacht werden. Oder dort erst recht?
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Beitragvon Esperanza » 08.12.2006, 21:59

Wir legen dann in einer kleinen Operation einen Shunt am Unterarm. Damit wird die Dialyse künftig für sie leichter. Bitte akzeptieren sie, dass sie ihr Leben lang auf die Maschine angewiesen sein werden. Wenn sie das innerlich verarbeitet haben, sinkt das Risiko von Komplikationen. Viele Patienten unterliegen dieser Belastung seit Jahren oder gar Jahrzehnten. Sie sehen: Damit kann man leben - wenn man damit leben muß.

Diese junge Nephrologin ist wirklich beeindruckend. Ruhig, sachlich, immer freundlich. Alle 2 Tage kümmert sie sich um dich. Die Fachleute und eine Maschine halten dich am Leben.

Und nun schon wieder ein operativer Eingriff. Er ist nicht besonders groß und kaum gefährlich, aber er ist eben wieder ein Stück Anspannung. Was musst du noch alles aushalten?

Ich besuche dich täglich. Vom Parkplatz aus kann ich dein Zimmer sehen. Die Krankenschwestern haben hübschen Adventsschmuck in die Fenster gehängt. Sogar einen kleinen künstlichen Tannenbaum mit Beleuchtung haben sie dir ins Zimmer gestellt. Ich weiß, du kannst diese Dinger nicht leiden. Aber echte Pflanzen sind verboten - zu hoch wäre das Infektionsrisiko. Also gut, dann eben Advensstimmung aus Poly-wasauchimmer.

Wir setzen alles daran, dass sie Weihnachten 1-2 Tage nach Hause können. Das wird ihrem Körper nicht schaden, wenn sie ein paar Regeln beachten, aber ihrer Seele sicher gut tun.

Wir schauen uns verwundert an: Weihnachten? Ach ja, stimmt. An uns sind die letzen Wochen vorbeigelaufen, wir haben vieles in unserer Umgebung kaum mehr wahrgenommen.

Weihnachten! Wir werden ein Weihnachtsfest zusammen feiern können. Was für eine Freude! Mist, jetzt weine ich doch tatsächlich. Diesmal vor Freude.

Gott bitte, lass es klappen. Nur 2 Tage. Bitte!
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