Ein normaler Tag, was sich veränderte und wie es weitergeht.

Erlebnisse, die man mit anderen teilen möchte

Ein normaler Tag, was sich veränderte und wie es weitergeht.

Beitragvon Esperanza » 15.11.2006, 13:15

"Liebes Tagebuch"

- so schreiben die pubertierenden dieser Welt. Aus dem Alter bin ich heraus, wirklich.

Moderne Tagebücher sind elektronisch, moderne Tagebuchautoren haben einen "Nick" und schreiben virtuell.

Wie man vor einem leeren Blatt Papier sitzt ohne eine klare Vorstellung zu haben, was man schreiben möchte, geht es mir vor dem fast leeren Bildschirm. Ich denke nicht an die vielen unbekannten Menschen, die in dieses Forum schauen, stöbern, suchen, an einzelnen Texten hängenbleiben, sich freuen, ärgern, wundern oder miteinander diskutieren. Das macht nervös - zu viel Publikum. Ich tue einfach so, als wäre das hier (m)ein Tagebuch.

Ein Tagebuch schreibt man tageweise - im besten Fall. Nach der Euphorie des Anfangs folgt die Phase, in der man weniger zu berichten hat. Die Beiträge hier werden daher in loser Folge erscheinen - eben wie in einem Tagebuch.

Etwas Geduld noch, liebes Tagebuch, ich muss meine Gedanken sortieren. Es geht gleich los...
Zuletzt geändert von Esperanza am 19.11.2006, 21:58, insgesamt 1-mal geändert.
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Ein ganz normaler Tag

Beitragvon Esperanza » 15.11.2006, 13:48

Den ganzen Tag klingelt das Telefon. Heute ist es hektisch im Büro. Es klingelt und klingelt.

Hallo?

Ja, hier bin ich. Ich komme eben vom Arzt.

Ja und, was sagt er?

Ich habe Krebs!

Wie, Krebs? Was für einen Krebs? Erzähl keinen Mist!

Nein, kein Mist. Die Diagnose ist eindeutig. Kannst du sofort nach Hause kommen? Ich habe Angst.

Stille. Leere. Weltuntergang.

Ich funktioniere mechanisch. Was ist zu regeln? Wen muss ich benachrichtigen? Die Sekretärin kommt. "Sie sehen schrecklich aus. Wollen sie zum Arzt?" Die Heimfahrt dauert endlos. Ich stehe im Stau, auch das noch.

Gedankenfetzen. Gott, hörst du mich? Ich brauche dich, jetzt. Krebs - das ist ein Todesurteil. Chemotherapie. Bestrahlungen. Schrecklich so was. Die armen Menschen. Die meisten sterben trotz Behandlung. Krebs haben immer nur die Anderen. Aber wir doch nicht! Wir nicht!

Lieber Gott, bitte. Lass es ein Irrtum sein. Bitte!

An der roten Ampel stehend spüre ich, dass mich jemand aus dem Nachbarauto ansieht. Ich muss mich zusammenreissen. Gehen Tränenflecken in der Reinigung raus?
Zuletzt geändert von Esperanza am 19.11.2006, 21:59, insgesamt 2-mal geändert.
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Tag 2

Beitragvon Esperanza » 15.11.2006, 14:09

Du bist so ruhig, gelassen, ernst.

Bleib ruhig, wir können es doch nicht ändern.

Ich will nicht ruhig bleiben. Ich will schreien. Laut. Hemmungslos. Ist mir doch egal, was Andere denken. Dies ist mein Schmerz, meine Angst, meine Wut, meine Verzweiflung.

Aber ich bin tapfer, weil du es bist. Ich weine nicht, aber mir laufen ständig Tränen über das Gesicht. Ich weine nicht. Ich doch nicht!

In schwierigen Situationen muss man überlegt handeln, strukturiert vorgehen. Also bitte, wir sind Erwachsene. Lass uns analysieren wo wir stehen, was wir wollen, was zu tun ist.

Ich hol schon mal einen Schreibblock. Tränen machen Flecken auf Schreibpapier. Wusstest du das?

Überschrift: Situationsanalyse
Ziel:
Weg:
Voraussetzungen:
Hindernisse:
Unterstützung:
Aufgaben:

Der Block ist vollgeschrieben. Das haben wir gut gemacht. Statt uns von Emotionen durchschütteln zu lassen. Nüchtern, überlegt. Wie es sich für Erwachsene gehört.

Gott, ich habe solche Angst! Sie frisst mich von innen auf. Draußen scheint die Sonne, ein herrlicher Herbsttag. Trotz unserer Sorgen. Da draußen geht das Leben normal weiter, als wäre nichts geschehen. Dabei ist doch unsere kleine, heile Welt vor ein paar Stunden untergegangen.
Zuletzt geändert von Esperanza am 19.11.2006, 22:00, insgesamt 2-mal geändert.
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Klinik

Beitragvon Esperanza » 15.11.2006, 14:32

Der Professor kommt gleich. Haben sie die Diagnosen dabei? Das Wartezimmer ist gleich links.

Es riecht, wie es in allen Krankenhäusern riecht. Die Eingangshalle sieht aus, wie die eines Hotels. Viel Holz, Leder, Edelstahl. Schick, wirklich. Hintergrundgeräusche. "Dr. Müller, bitte die 123 anrufen, Dr. Müller bitte."

Die Menschen im Warteraum sehen ganz normal aus. Sind die alle schwer krank? Man sieht ihnen nichts an. Dir sieht man auch nichts an. Krebskranke sehen blass und abgemagert aus, oder? Mit viel zu großen Augen. Ohne Haare. Du siehst aus wie immer, nur ein bißchen müde.

Wir haben kaum geschlafen letzte Nacht. Stundenlang haben wir im Internet geforscht und uns in Windeseile die wichtigsten Informationen angelesen. Wenn nur die Buchstaben nicht immer verschwimmen würden. Mit Tränen in den Augen ist man blind. Den Rest der Nacht haben wir gemeinsam geweint. Und gebetet.

Sie können jetzt reingehen, die Ärzte sind schon da.

Drück meine Hand nicht so fest, es tut weh. Komm, wir gehen da jetzt rein. Wisch dir kurz die Tränen ab, was sollen die denn von uns denken?

Der Professor ist ein reizender Mensch. Anfang 50, graue Schläfen. Hat einen guten Ruf, publiziert in Fachzeitschriften. Sein Stab darum herum - Nachwuchskarrieristen, sehr nett, sehr bemüht. Schauen die uns schon ganz mitleidig an? Einzelzimmer mit Chefarztbehandlung - die Kasse klingelt. Egal, alles egal. Das sind jetzt unsere Lebensretter.

Ich schaukle sie da schon durch. Aber sie müssen wissen, dass der Heilungsplan mehrstufig und langwierig ist. Wir werden Haltepunkte vereinbaren und dann jeweils über den nächsten Schritt sprechen. Wir sehen solche Dignosen hier täglich. Die erste Operation wird schwierig und ich kann ihnen nichts versprechen. Aber sie sind bei mir in guten Händen.

Gott, segne die Hände der Ärzte. Und segne uns.
Zuletzt geändert von Esperanza am 19.11.2006, 22:02, insgesamt 3-mal geändert.
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Betgemeinde

Beitragvon Esperanza » 15.11.2006, 14:50

Telefonate und @mail - Freunde, Bekannte, Familie.

Krebs.

Immer die gleiche Reaktion: Fassungslosigkeit.

Vielleicht ist die Diagnose falsch.
Die medizinische Entwicklung macht doch heute so große Fortschritte.
In dieser Klink seid ihr in guten Händen.
Ich komme sofort zu euch, wenn ihr mich braucht.
Wir denken an euch.
Wir beten für euch.

In kurzer Zeit hat sich eine Betgemeinde zusammengefunden - über Konfessionsgrenzen hinweg. Unbekannte Menschen beten für uns. Der Gedanke daran fühlt sich an, wie ein warmes, weiches Kissen. Wir sind dafür sehr dankbar.

Dir geht es schlechter. Täglich ein bißchen. Die Schmerzen sind fast unerträglich, trotz der Medikamente. Die Nächte sind so lang, so schlaflos.

Aber wir weinen nicht mehr. Irgendwann ist der Tränenvorrat erschöpft.

Du wartest auf die Operation. Ohne Angst. Du wünschst dir nur, dass die Schmerzen endlich nachlassen.

Gott, warum lässt du das zu? Ein tiefer Keil wird da eingetrieben, wo viel Liebe ist. Warum? Sag was!

Zuletzt geändert von Esperanza am 15.11.2006, 16:47, insgesamt 1-mal geändert.
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Bis hierher...

Beitragvon Esperanza » 15.11.2006, 16:33

Du warst bisher der gelassenere Teil von uns beiden. Jetzt, nach ein paar Tagen, reagiert deine Seele - angstvoll und planlos.

Du fragst mich immer wieder. Geht die Operation gut aus? Werde ich weiterleben?

Was soll ich dir sagen? Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr.

Darf ich dir zeigen, wie groß meine Angst ist?
Muß ich jetzt nicht doppelt stark sein?
Sollte ich dir nicht besser etwas vorspielen?
Wie grausam kann Ehrlichkeit sein?

Bis vor ein paar Tagen hatte ich zwei Tragpfeiler in meinem Leben: Dich und meinen Gott. Meinen lieben Gott. Durch einige Höhen und Tiefen des Lebens sind wir schon gegangen. Aber jetzt ist es anders, existenziell. Und ich ahne, dass die Brücke meines Lebens mit nur einem Pfeiler nicht mehr tragen wird.

Ich wollte doch mit dir alt werden. Ich kann dich noch nicht allein lassen. Wir wollten im Sonnenschein auf einer Bank sitzen und voll Freude auf unser Leben zurückblicken. Wir wollten gemeinsam sterben. Später, viel später. Wenn wir alt sind und müde. Aber jetzt noch nicht. Jetzt noch nicht. Was auch immer geschieht, wir werden uns wiedersehen. Liebe stirbt nicht. Nie.

Gott, warum schweigst du?

Wir schauen uns um in der Welt. Warum geht es den Gottlosen so gut? Was mit uns passiert, ist nicht fair. Das ganze Leben ist nicht fair. Und Gott schweigt. Lange und laut.

Operationsvorbereitungen - Routine. Schläuche, Kabel, Spritzen. Nehmen sie ein paar Beruhigungstabletten. Sie werden gleich abgeholt. Hübsch sehen sie aus in ihrem neuen OP-Hemd. Die heitere Gelassenheit der Schwestern und Pfleger tut gut. Das Bett wird hinausgerollt, ich bin allein.

Gehen sie nach Hause, wir rufen sie an. Am besten machen sie einen Einkaufsbummel, das lenkt ab. Oder gehen sie zum Friseur. Was für ein Idiot! Er hat keine Ahnung, oder doch?

Wie lang ist eine Stunde, eine Minute? Ich hätte wirklich shoppen gehen sollen. Ich muß hier raus, an die Luft, unter Menschen. Himmel, erst eine halbe Stunde vorbei? Erst 3 Stunden, erst 4?

Das Telefon. Die OP ist gut überstanden, wir haben geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Ja, sie können auf die Intensivstation kommen, aber nur kurz.

Linke Spur, Blinker raus. Hoffentlich blitzen sie hier nicht. Egal. Alles egal. "Gut überstanden" hat er gesagt. Was heißt das?

Wieder Kabel und Schläuche, blinkende Dioden, Monitore, Hightech. Sie erfassen in Zahlen und bunten Diagrammen, was ich sehen kann: Du liegst klein und blass in einem plötzlich viel zu großen Bett, aber du kannst eine Hand anheben und versuchst, zu lächeln unter der Sauerstoffmaske. Ich schaue mir die Infusionsflaschen an und versuche, die Inhaltsbeschreibungen zu lesen. Was ist da alles drin? Unter der Maske hindurch höre ich dich murmeln Hoffentlich ein flüssiges Schnitzel.

Mist, jetzt weine ich wirklich.

Gott, hörst du mich? Danke. Bis hier her. Und segne die, die für uns gebetet haben. Und hilf uns weiter. Bitte.
Zuletzt geändert von Esperanza am 19.11.2006, 22:05, insgesamt 1-mal geändert.
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Wir und die Anderen - Irrtümer und Mißverständnisse

Beitragvon Esperanza » 15.11.2006, 21:32

Wir haben uns entschieden: Wir werden mit aller gemeinsamen Kraft gegen diese tückische Krankheit kämpfen. Ein Gedicht von Th. Schied spiegelt, was wir fühlen.

Immer will sich
dir
das Leben
wie eine aufgehende Blüte
entgegenstrecken.

Nicht in den Dornen
liegenbleiben.

Weitergehen.
Und nach dem Wunder Ausschau halten.


Jemand schreibt uns, dass er uns mit einem Schiff in Seenot vergleicht. Ja, wir haben die Segel eingeholt und steuern mit dem Mut der Verzweiflung gegen den Sturm. Man muß die größten Brecher von vorn nehmen. Erwischen sie das Schiff seitwärts, wird es sinken. Also halten wir dagegen. Geradeaus. Wenn´s eben geht. Wenn unser Schiff untergeht, werden wir eben schwimmen. Zum Ertrinken ist dann immer noch Zeit.

Gott, bitte laß den Sturm abflauen. Nur ein wenig. Oder hilf uns wenigstens, dagegen zu steuern.

Jemand schreibt, wir sollen unsere Kraft nicht sinnlos vergeuden. Alle, die gegen den Krebs gekämpft haben, seien am Ende doch gestorben.

Nach diesen Zeilen haben wir zum ersten Mal seit Tagen wieder gelacht. Was für ein Dummkopf.

Unsere Erkenntis: Alle, die nicht gekämpft haben, sind auch gestorben. Nur früher. Und selbst die, die niemals Krebs hatten, sind irgendwann gestorben, weil das Leben nun mal tödlich endet.

Vielleicht können wir Zeit herausschinden. Gemeinsame Zeit. Welche Kostbarkeit!

Wir haben unseren Familien, unseren Freunden erklärt: In unserem weiteren Leben haben nur die Menschen Platz, die mit uns kämpfen wollen, die uns unterstützen wollen, die uns Mut machen. Dauerjammerer und viel-zu-früh-Aufgeber können wir nicht gebrauchen. Alle, alle haben uns geantwortet - sie sind auf unserer Seite. Was für ein Schatz!

Danke Gott, für diese Menschen. Segne sie. Vielfältig.

Jemand hat mich erwischt - beim Lachen. TssTsss! Und mit spitzer Zunge berichtet "Dann kann es ja nicht so schlimm sein." Was weiß er schon. Die menschliche Seele ist kompliziert. Trotz unserer Angst, trotz der Sorgen, trotz der Ungewissheit: Wir sind dankbar für jeden Grund zum lachen und werden uns davon nicht abhalten lassen. Und den Spitzzungen zeigen wir eine lange Nase. So.
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Beitragvon Esperanza » 18.11.2006, 22:56

Die Ärzte suchen noch. Nach der Wurzel des Übels. Sie stecken die Köpfe zusammen, diskutieren, ordnen neue Untersuchungen an. Ratlosigkeit - und ein Hoffnungsschimmer: Wenn es ein vordergründig erkennbarer Krebs wäre, hätten wir ihn schon entdeckt. Vielleicht ist es eine "stille Form", die nur langsam wächst. Es gibt tatsächlich chronische Krebserkrankungen. Die Menschen tragen sie jahrelang mit sich herum, ohne etwas zu bemerken.

Und für uns wird das Internet zur Nabelschnur, die uns mit der Welt draußen verbindet. Wir saugen Informationen auf - als würde angelesenes Wissen gegen den Feind in deinem Inneren helfen.

Alle rufen an. Wie geht es jetzt bei euch weiter? Wir wissen es nicht.

Du hast heute gesagt Wenn ich jemals wieder in meinem eigenen Bett schlafen kann, in unserem Zuhause, und wenn ich dabei auch noch schmerzfrei bin - das wäre mein allergrößtes Geschenk.

Wir lesen die Statistiken mit den Überlebens- und Todesraten der verschiedenen Krebsarten, gestaffelt nach Altersgruppe und Geschlecht - jede Zahl ein Mensch, jede Zahl eine betroffene Familie, Partner, Freunde, Kinder.

Stell dir vor, wir wüssten, dass wir noch 10 gemeinsame Jahre hätten - was würden wir nicht alles damit anfangen! wie intensiv würden wir diese Zeit nutzen, statt sie im Alltagsgraueinerlei verschwinden zu lassen.

Gott, kannst du bitte ein Wunder zulassen?
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Unheilbar

Beitragvon Esperanza » 25.11.2006, 22:26

Die Experten haben gesucht und gefunden.

Da haben sie uns aber etwas ganz Besonderes mitgebracht - nur 1% aller Krebspatienten haben diese besondere Krebserkrankung.

Höre ich Stolz aus seiner Stimme? *Ich, der große Prof. Dr. Onkologe, habe gefunden, was die Kollegen vorher nicht fanden - seht her, was ich kann.* Ja, es ist Stolz. Und eine kindlich-naive Freude. Fast rührend.

Die Schar der Weißkittel herum scheint beeindruckt. Junge Menschen, glatte Gesichter. Sie sehen so gesund aus. Unversehrt noch von den Tiefen des Lebens. Man schreibt mit, was der Chef so sagt. Eifrig. Nickend.

Sie reden über dich, wie über einen Gegenstand. Du bist jetzt ein "Fall". Jawohl. Mit einer langen Nummer, die im Computer gespeichert wird.

Mein Lieber, das wird nicht einfach. Aber mir können sie vertrauen. Erst die Strahlentherapie, dann die Chemo. Es folgt ein langatmiger Vortrag. Immerhin ist er verständlich und wir sind froh, endlich, endlich den Feind zu kennen und angreifen zu können. Uns ist klar, dass das ein Krieg wird - nicht nur eine einzelne Schlacht. Dass es Verluste geben wird, schmerzhafte. Und Tränen.

Haben wir eine Wahl?

Man verabschiedet sich. Die Vorfreude auf den Kampf ist den Ärzten anzumerken. Du bist erschöpft, möchtest einen Moment allein sein. Ich gehe gemeinsam mit den Ärzten hinaus. Draussen greift die Hand des Professors nach mir "nur auf ein paar Minuten, die Gelegenheit ist günstig". Und eine eiskalte Hand greift nach meiner Seele. Um mich herum ist alles wie in Watte gepackt. Ich höre nur noch Satzfetzen. Gott, bitte, lass mich durchhalten.

Nicht heilbar. Leider. Noch nicht. Aber die Wissenschaft macht Fortschritte. Und vielleicht doch in einigen Jahren... Mit den bisherigen Therapien gute Erfolge. Allerdings immer unvermeidliche Rückfälle. Letztlich Verlängerung der Lebenszeit. Nein, Heilung nicht. Statistische Sterbequote, je nach Konstitution, bedauerlich. Kopf hoch, tun alles nur mögliche. Der Patient sollte das noch nicht wissen. Spricht dann schlechter auf Therapie an. Erfahrungswert. Alles Gute. Sich entfernende Schritte, quietschend. Gummisohlen auf Kunststoffbelag.

Luft holen. Ich muß ruhig bleiben. Gott, was verlangst du da von mir? Wie soll ich das schaffen? Bring mich durch diesen Tag, bitte.

Ich schaffe es. Du bemerkst nichts. Und du hast wieder Hoffnung, neuen Mut, eine kleine Portion Zuversicht. Wer bin ich, dass ich dir das nehmen dürfte?
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13

Beitragvon Esperanza » 25.11.2006, 22:37

Du wirst vermessen, millimetergenau. Die Strahlen sollen den Krebs treffen, so genau wie eben möglich.
Ein Heer von Spezialisten ist mit dir beschäftigt.

Nein, nicht mir dir, nur mit deinem Körper. Mit deinem Wesen, deiner Seele, deinen Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen können sich die Mediziner nicht aufhalten.

Lange und anstrengende Untersuchungen. Ich bewundere deine Ruhe, deine Geduld.

Du zeigst mir die Zeichen, Kreuze, Punkte auf deinem Körper. Lila. Hier, genau hier sollen die Strahlen ihre zerstörerische und gleichzeitig helfende Wirkung entfalten. In ein paar Tagen.

Gott, bitte, kannst du dafür sorgen, dass das alles klappt? Und uns gib bitte Mut und Kraft und Hoffnung und Durchhaltevermögen und erhalte uns bitte die Menschen, die mit uns sind. Amen.
Esperanza
 
Beiträge: 44
Registriert: 15.11.2006, 12:13


Zurück zu Aus meinem Tagebuch



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast