Hochdosis-Chemo und Stammzellentransplantation

Erlebnisse, die man mit anderen teilen möchte

Hochdosis-Chemo und Stammzellentransplantation

Beitragvon Esperanza » 30.04.2007, 14:50

Der andauernde Gewichtsverlust konnte gestoppt werden. Der Patient befindet sich in verbessertem Allgemeinzustand. Der mehrwöchige Aufenthalt in vertrauter Umgebung dürfte gute Voraussetzungen für die Belastung durch die hochdosierte Chemotherapie geschaffen haben. Vorbereitend sind sind folgende Maßnahmen einzuleiten...

So liest es sich im ärztlichen Bericht. Mit einem guten Gefühl fahren wir wieder in die Klinik.

Neue Ärzte, neues Pflegepersonal, eine neue Station.
Einzelzimmer mit Isolationsmöglichkeit. Die Fenster können zentral verriegelt werden, alle Türen haben spezielle Dichtungen, nur von aussen bedienbare Schlösser und ein Kontrollfenster. Zimmer und Bad werden videoüberwacht. Monitore, Kabel, Schläuche, Edelstahl und der vertraut-scheussliche Geruch nach Desinfektionsmitteln.

Man erklärt uns ausführlich die weitere Vorgehensweise und die nötigen vorbereitenden Untersuchungen. Ich darf dich weiterhin besuchen, muss aber zuvor sterile Kleidung anziehen, eine Haube und Mundschutz tragen. Die Schwester bringt Probeexemplare und wir albern damit herum. Um die Isolationszeit besser zu überstehen, werden die Patienten von mehr Pflegepersonal als sonst üblich betreut. Eine psychotherapeutische Begleitung ist obligatorisch.

Alle mitgebrachten Gegenstände werden desinfiziert. Du hast besonders Angst um den Laptop - verständlich, wird er doch in der nächsten Zeit deine Nabelschnur zur Welt sein. Ich darf dir keine Leckereien mehr mitbringen, der keimarme Ernährungsplan ist streng und hört sich wenig schmackhaft an. Blumen sind verboten. Bücher und Zeitschriften müssen mit UV-Licht behandelt werden.

Du hast dir vorgenommen, das alles zu ertragen, zu überstehen. Es ist unsere einzige Chance im Kampf gegen den Krebs. Es wird dich nicht heilen, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit den Krebs zurückdrängen. Welche Opfer müssen für ein bißchen Hoffnung gebracht werden! Aber wir sind so weit und so lange diesen steilen Weg gegangen, dass wir jetzt nicht aufgeben werden. Jetzt nicht.

Wir wollen leben - gemeinsam und möglichst lange. Zeit messen wir nicht mehr in Jahren, sondern in Wochen und Monaten. Das hat die Krankheit uns schmerzhaft gelehrt. Wir sind etwas ruhiger geworden, nüchterner. Auch geduldiger. Und viel bewusster. Aber die tiefsitzende Angst ist geblieben. Dagegen gibt es kein Mittel. Man kann sie nur aushalten.

Ich muss jetzt gehen und dich in deinem kleinen Gefängnis zurücklassen. Isoliert. Du lächelst beim Abschied immer noch so tapfer. Glaubst du wirklich, ich würde das nicht durchschauen?

Der Fahrstuhl kommt. Hoffentlich ist niemand drin. Tränen sind mir immer noch peinlich. Pech gehabt - der Lift ist brechend voll. Ich schaue zu Boden. Die Menschen hier sind zum Glück mit sich selbst beschäftigt, niemand sieht mich an. Eingepfercht zwischen Anderen bin ich isoliert. So ähnlich wie du.

Gott, bist du da?
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Beitragvon Esperanza » 17.05.2007, 12:22

Es tut uns leid, aber wir müssen die Behandlung an diesem Punkt abbrechen. Weitere Maßnahmen wären zum gegenwärtigen Zeitpunkt sinnlos. Wir konnten nicht genügend Stammzellen aktivieren - woran das liegt, wissen wir noch nicht. Wir sind ebenso enttäuscht, wie sie. Wir werden weitere Versche unternehmen. Zuvor muss sich der Körper aber etwas erholen. In der Zwischenzeit werden wir über die beste Alternativmethode beraten und uns auch mit Kollegen anderer Kliniken austauschen. Die verordnete Isolation ist aufgehoben. Sie dürfen das Zimmer verlassen und können sich wieder normal ernähren.

Sie stehen da wie die Schulbuben, mit gesenktem Kopf, die hoffnungsfrohen Ärzte, die dein Bett umgebende Garde in weiß. Schulterzuckend. Ratlos. Peinlich berührt. Alles sah doch so gut aus. Alle Werte entwickelten sich planmäßig "wie auf Schienen" nannte es der Chefarzt.

Und dann? Peng, vorbei. Alle Werte im Keller. Der Körper verweigert sich, spielt nicht mit. So, als wolle er nicht geheilt werden. Niemand weiss, warum es sich so entwickelte.

Du hast die Hochdosis-Chemotherapie recht gut überstanden. Die Hoffnung auf die danach beginnende Behandlung hat dich aufrecht gehalten. Danach hast du mir fast stündlich die positive Entwicklung der Blutwerte telefonisch übermittelt. Und dich gefreut über die Zeichen der Hoffnung.

Vorbei.

Wie nun weiter?


Gott???
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Beitragvon Esperanza » 04.06.2007, 14:46

'Aufpäppeln' soll ich dich, so haben sie gesagt. Das sagen sie immer, wenn sie einen Patienten mit Behandlungen plagen mussten. Plagen, bis an den Rand dessen, was ein Mensch ertragen kann. Ich liefere dich in recht gutem Zustand in der Klink ab und bekomme dich abgemagert, blass und schwach zurück.
Sie scheinen sich auf meine 'Aufpäppelkünste' zu verlassen, diese Mediziner.

Zwei Wochen lang haben wir beide hart daran gearbeitet, deinen Zustand etwas zu verbessern. Was gute Ernährung, viele Gebete und eine Riesenportion Liebe zu tun vermögen, ist getan: Fast 1 Kilo hast du zugenommen und kannst ein paar Meter ohne Stützen und selbständig gehen - was für eine Anstrengung, was für ein Erfolg!

Auf dem Weg zu einer Zwischenuntersuchung in der Klinik sind wir an einer McDonalds Filiale vorbeigekommen und dir war nach Fastfood zumute. (Als Hobbyköche und Gourmets verweigern wir normalerweise Cheeseburger & Co, aber in diesem speziellen Fall... Der drive-in-Service ist angenehm - da sieht einen wenigstens niemand.) Aber nach fast 7 Monaten in Kliniken, 5 Chemotherapien, einer Strahlentherapie und 3 Operationen hast du dir deinen Mc-sowieso-XXL-Hamburger wahrlich verdient!

Der andauernde Gewichtsverlust wurde gestoppt; ein Kilo Gewichtszunahme ist zu verzeichnen. Der Patient stellt sich zur Zwischenuntersuchung in verbessertem Allgemeinzustand vor.

So steht's im ärztlichen Bericht. Wir haben uns zugezwinkert, als der Arzt während der Untersuchungen den Bericht diktierte - und von dem heimlichen Hamburger erzählen wir niemandem etwas.

Alle Werte sind im guten Bereich, so dass in einigen Tagen der nächste Versuch der weiteren Behandlung beginnen kann.

Gott, wir sind es wieder. Hast du Zeit für uns? Gib uns Kraft und Geduld und eine Extraportion Mut und Zuversicht, bitte.
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Beitragvon Esperanza » 06.07.2007, 21:48

Es hat furchtbar lange gedauert. Viele Tage mit komplizierten Behandlungen und viele schlaflose Nächte. Immer wieder mussten die begonnen Behandlungen unterbrochen werden, weil neue Infektionen hinzukamen. In der Zwischenzeit bist du immer blasser, elender und dünner geworden. Wie lange kann ein Mensch überleben mit einem halben Honigbrötchen täglich?

Wir erinnern uns an die ersten Tage nach der Diagnose, die ersten Begegnungen in der Klinik mit Krebskranken. Wir haben sie fast scheu angesehen, mitleidig. Und immer gedacht "Wir passen nicht dazu, wir gehören hier nicht hin". Wir müssen eingestehen: Jetzt passen wir dazu! Ohne Haare, ohne Augenbrauen und Wimpern - dein Anblick zerreisst mir immer noch und immer wieder das Herz.

Aber die Quälerei hat sich gelohnt: Millionen gesunder Stammzellen konnten gewonnen werden. 2 prall gefüllte Beutel mit einer seltsamen rosafarbenen Substanz werden für die weitere Behandlung tiefgefroren. Diese Hürde haben wir endlich genommen! Auch den Ärzten ist die Erleichterung deutlich anzumerken - der Fehlschlag beim letzten Mal saß tief. Nun gibt es Hoffnung. Hoffnung darauf, den Krebs zurückdrängen zu können. So gut wie möglich, so lange wie möglich.

Das nun notwendige Programm kennen sie ja schon. Sie haben 4 Wochen Zeit, sich zu erholen. Geniessen sie ein paar schöne Sommerwochen. Ihr Körper braucht viel Ruhe, Aufbaukost und liebevolle Zuwendung.

Danke Gott, bis hierher. Danke.

Komm, wir fahren nach Hause. "4 Wochen Zeit" hat der Arzt gesagt - was für ein Geschenk!
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Beitragvon Esperanza » 14.08.2007, 14:00

"Sie müssen mit sehr starken Nebenwirkungen rechnen - es handelt sich um eine hochdosierte Chemotherapie mit etwa 5-fachem Faktor. Trotz aller zusätzlichen Medikamente, die wir ihnen vorbeugend geben, wird das kein Spaziergang."

Ich habe diese Sätze noch im Ohr und warte förmlich darauf, dass es dir wieder schlechter geht, beobachte dich. Aber entgegen aller Prognosen steckst du diesmal den Chemie-Cocktail einfach weg. Nebenwirkungen? Bisher Fehlanzeige.

Sind wir zu mißtrauisch geworden? Zu ängstlich? Nach allen bisherigen Erfahrungen ist das kein Wunder...

Aber wir sind froh und dankbar, dass es diesmal anders ist, einfacher, verträglicher.

Danke Gott. Danke!
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Beitragvon Esperanza » 01.11.2007, 10:10

Weil das Ergebnis erfreulich ist, wollen wir den nächsten Termin mit ihnen nicht abwarten, sondern telefonisch mitteilen, dass sich die Anzahl der bösartigen Zellen von über 70% auf unter 5% reduziert hat. Das ist ein sehr gutes Ergebnis. Wir müssen in den nächsten Tagen dann gemeinsam über die weitere Behandlung, Reha-Maßnahmen etc. sprechen. Nun geniessen sie aber erst einmal diese gute Nachricht.



Herr, unser Gott,

Du hast unzählige stille Wege,
auf denen Du möglich machst,
was unmöglich scheint.

Gestern war noch nichts sichtbar,
heute nicht viel, aber morgen steht es
vollendet da,
und nun erst gewahren wir,
rückblickend,
wie Du unmerklich schufst,
was wir unter großem Lärm
nicht zustande gebracht haben.


Jeremias Gotthelf
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Beitragvon Esperanza » 02.11.2007, 18:05

"Esperanza" hat bisher zu allen Themen ausserhalb dieses Threads geschwiegen - heute hat sie aus gutem Grund eine Ausnahme gemacht.

Im Thread "Auf der anderen Seite des großen Teichs" stellte 'GG001' uns folgendes Zitat aus dem NAC-Board vor:

Aus dem NACboard vom Juni 2007, Zitat von der NAC U.S.A. Internet Seite
Zitat:
Feature Story
Our PLATTSBURGH, NY congregation reports: 2007 American Cancer Society´s RELAY FOR LIFE
This year the American Cancer Society held its 10th annual Relay for Life here in Plattsburgh on June 16 & 17. This event ran from 7 PM Friday evening until 7 AM Saturday morning. The relay's goal this year was $90,000. At the end of the walk on Saturday morning, the announcement was made that a total of over $143,000 was raised! We are also happy to report that our team surpassed its goal of $1,000. Each year, this event takes place at the Clinton County Fairgrounds. There is a paved track that runs around a large oval where various teams can set up information booths of their organizations. Inside this track rows of small, white paper bags (with candles inside) are set up in remembrance of cancer survivors and victims of this disease. As part of the opening ceremonies this year, a parade of 215 cancer "Survivors" walked this track together.
This year, our team's booth offered a "prayer chain". Any visitor could write down the name of a loved one, in remembrance of, or to support one that fights this disease. This paper would then be rolled and stapled together with the others to form a chain. This process provided us with a great opportunity to invite visitors to the upcoming Service for the Departed. This event was a great success for all participants and for this worthy cause.
-Zitatende-

GG001 schreibt weiter: Und ich dachte immer, die bewaehrte Methode zum Adressen-Sammeln sei ein Preisausschreiben. Aber es ist ein mitfuehlender Zug, Krebs-Patienten und ihre Angehoerigen zum Entschlafenengottesdienst einzuladen.


___________________________________________________

Diese Vorgehensweise erinnert mich an übelste Sektenpraktiken. Das habe ich klar so im entsprechenden Thread geschrieben.

Damit möchte ich keinem Gläubigen der NAK zu nahe treten oder seine Gefühle beleidigen.

Aus persönlicher Betroffenheit heraus bitte ich darum, meine tiefe Abscheu gegenüber der geschilderten Vorgehensweise ausdrücken zu dürfen.


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