1918/19: Schwere Kämpfe um die Gemeinden in Württemberg

Beiträge zur NAK-Geschichte

1918/19: Schwere Kämpfe um die Gemeinden in Württemberg

Beitragvon Jesu Juva » 11.09.2007, 09:17

Moin,

in der "Geschichte der Neuapostolischen Kirche" von Rockenfelder wird in der Biographie von J.G. Bischoff in einem Nebensatz darüber berichtet, dieser hätte nach seiner Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg mit oder um die Gemeinden in Württemberg "schwer kämpfen" müssen.

Wer weiß genaueres?

Gruß, Lars
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Jesu Juva
 
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Beitragvon Jesu Juva » 12.09.2007, 10:06

Moin,

ich habe mittlerweile eine PN vom Zuschauer erhalten, der hier nicht schreiben darf, aber mir gestattet hat, den Inhalt hier zu veröffentlichen.

Zuschauer schreibt:
    Während der damalige Apostel Bischoff im Krieg war breiteten sich durch verschiedene Amtsträger in Württemberg, speziell in Stuttgart absurde Lehren aus, die die damaligen Geschwister in Unruhe versetzten. Dies zog sich über einen gewissen Zeitraum hin, da der Apostel aus dem Krieg nicht eingreifen konnte (zumindest in Briefform nicht genug). Er war sogar meines Wissens nach kurz auf Fronturlaub um "Feuerwehr" zu sein.

    Es ging darum, dass auf Grund der großen Anzahl von Seelen die versiegelt werden wollten und rasant ansteigende Zahl von Gemeinden in Württemberg vor dem I. WK der Apostel-Helfer Paulus dem Apostel als Helfer zur Seite gestellt wurde. Dies war eine gängige Praxis damals, die Versiegelungen wurden im Auftrag des Apostels durchgeführt. Neue Apostel wollte die Kirchenleitung damals nicht berufen, weil man wohl fürchtete, die Anzahl würde dann unüberschaubar. Im Prinzip war der "Apostel-Helfer" nach heutiger Sicht ein normaler Apostel. Denn damals gab es noch nicht überall die Unterscheidung Bezirksapostel (zuständig für ein Gebiet mit mehreren Aposteln) - Apostel. Man nannte dass dann Apostel - Apostelhelfer . Die Apostelhelfer hatten zumeißt den eigentlichen Amtsauftrag eines Bischofs.

    Es kam unter den Geschwistern in Stuttgart nun das Denken auf, dass ihre Versiegelung nichts wert wäre, weil sie nicht von einem "richtigen" Apostel versiegelt worden sind. Inwieweit der Apostelhelfer Paulus das angefeuert hat ist mir nicht bekannt, auf jeden Fall trennte sich ein großer Teil (ca.300) der Geschwister ab (1918/19). Vor allem in einer Gemeinde. Dies war umso tragischer, da diese sich 1914 eine eigene, für damalige Verhältnisse, große Kirche gebaut hatte, die für die zurückgebliebenen Geschwister verloren ging. Das Kirchengebäude war damals noch im Privatbesitz des jeweiligen Vorstehers, da die Kirche in Württemberg noch nicht anerkannt war und der Vorsteher die Geminde verließ, konnte die neue Gemeinschaft durch ihn das Gebäude weiternutzen und die übrigen Geschwister saßen soz. auf dem Trockenen.

    In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass daher auch die "Neuapostolische Rundschau" eingestellt wurde, da der Redakteur (Evgl. Mütschele) ebenfalls abgefallen ist. Er war Stuttgarter, war aber zu dieser Zeit in Leipzig, wo die Zeitschrift produziert wurde. Irgendwie hängt somit alles auch mit dem Apostel Brückner (Sachsen) zusammen. die genauen Hintergründe kenne ich aber nicht. Früher waren Ap. Bischoff und Ap. Brückner wohl engere Freunde, was sich wahrscheinlich durch dieses Ereignis schlagartig änderte. Schließlich wurde Ap. Brückner 1921 ausgeschlossen, weil er mit eher theosophischen Gedanken nicht mehr in der Einheit mit den übrigen Aposteln stand.

    Auf Grund dieser Ereignisse wurde wohl später das Verständnis von Bezirksapostel/Apostel eingeführt.

    Die besagte Kirche gibt es heute noch. Sie steht in der Olgastrasse in Stuttgart (sehr schön, Bleiglasfenster etc. haben den II.WK überdauert.). Da die neue Gemeinschaft sich auflöste, wurde die Kirche dann verkauft. Heute beherbergt sie eine evangelische Freikirche.

    Die zurückgebliebenen Geschwister bauten 1926 unter großen Opfern eine neue Kirche - nicht weit weg. Die bekannte Kirche Stuttgart-Süd in der Immenhofer Str., mit der tollen Orgel. Die Geschwister gaben z.T. ihren Schmuck, der verkauft wurde, der Kirche als Darlehen. Die Gemeinde war damals schon sehr wohlhabend, weil ihr eher bürgerliche Schichten und Fabrikanten angehörten.

Ich habe daraufhin noch einmal nachgehakt:
    Ich würde vermuten, dass Bischof Paulus mit diesem Gerücht nichts zutun gehabt haben dürfte, er hätte sich ja sonst quasi in's eigene Fleisch geschnitten?! Zudem frage ich mich, ob der Apostelhelfer später auch zu den "Abgefallenen" gehört hat?

    Darüberhinaus wird die Verbindung zum Evangelisten Mütschele aber nur durch die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe hergestellt, oder vermutest Du, dass Mütschele (und darüberhinaus auch Brückner) bei den Geschehnissen von 1918/19 eine aktive Rolle inne hatte?

... woraufhin Zuschauer antwortete:
    Apostel-Helfer Paulus scheint im eigenen Interesse diese Vorgänge vorangetrieben zu haben. Er war wohl noch nicht so lange neuapostolisch und hat in relativ kurzer Zeit viel Verantwortung übertragen bekommen. Man kann nur vermuten, dass er selbst "vollwertiger" Apostel werden wollte. Zumal er die neue Gemeinschaft dann später leitete - als was, das weiß ich nicht.

    Zur Rolle von Evgl. Mütschele ist zu sagen, dass er irgendwie in einer besonderen Rolle zu Ap. Brückner stand. Dies geht aus dem Buch von Prof. Obst hervor. Desweiteren erschien in einer Ausgabe der "UF" (Jg.2005?) ein Bericht über das Verlagswesen und die Druckerei der Kirche, welche ja beide bis in die 20er Jahre in Leipzig zu Hause waren. In diesem Bericht konnte man auch über ihn lesen.

    Aber ich will diesbezüglich nicht weiter "orakeln". Das ist alles an Wissen, was ich habe. Um Genaueres zu erfahren müßte man die Geschwister des ehemaligen Reformiert-Apostolischen-Gemeindebundes, die heute Teil der VAG sind, befragen. Aber ich denke, dass dies auf Grund der großen Zeitspanne und Nichtvorhandensein von Zeitzeugen unmöglich ist. Wird wohl auch kaum Jemand was Schriftliches festgehalten haben.


Das war schon sehr aufschlussreich! Vielen Dank, lieber Zuschauer!

Für weitere sachdienliche Hinweise bin ich aber weiterhin dankbar.

Gruß, L.
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