Die NAK im 3. Reich

Beiträge zur NAK-Geschichte

Beitragvon Cemper » 29.10.2005, 12:51

Nur als Randnotiz. Ich fand es zufällig:

Das Evangelische Deutschland
Kirchliche Rundschau für das Gesamtgebiet der Deutschen Evangelischen Kirche
Nr. 37 vom 10.9.1933

Die in Berlin erschienene Zeitschrift (das „maßgebliche Organ auf protestantischer Seite“ - Schriftleiter: Professor August Hinderer/Direktor des Evangelischen Pressedienstes) kommentierte das Verbot der Zeugen Jehovas durch die Nationalsozialisten mit Dankbarkeit und forderte weitere Verbote:

„Die Kirche wird dankbar anerkennen, dass durch dieses Verbot eine Entartungserscheinung des Glaubens beseitigt worden ist ... Damit ist jedoch noch keine vollständige Bereinigung der Sekten erreicht. Erwähnt seien nur die Neuapostolischen.“
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Beitragvon König und Herold » 13.01.2006, 23:08

@Cemper

Fand ich auch ganz zufällig:

Der Vertreter des Landesbischofs der Bremischen Evangelischen Kirche rief im August 1937 ganz offen die evangelischen Gemeindeführer dazu auf, IBV-Propaganda zu melden.

(vgl. Marssolek, Inge/ Ott, Rene: Bremen im Dritten Reich. Anpassung-Widerstand-Verfolgung. Bremen 1986 )
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Beitragvon König und Herold » 13.01.2006, 23:12

@Cemper

Fand ich auch ganz zufällig:

"Auch Zeugen Jehovas, die zu uns in den Gottesdienst kamen, wurden denunziert. Eine Kirchengemeinschaft lieferte die andere ans Messer".

http://www.naktuell.de/presse/2004/0704 ... 72004.html

Was meinen Sie dazu ?

KuH
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Beitragvon König und Herold » 13.01.2006, 23:20

@Cemper

Ich habe nicht korrekt zitiert. Es heißt wörtlich:

>>Auch Zeugen Jehovas, wenn sie zu uns in den Gottesdienst kamen, wurden bei der Polizei denunziert. Sie waren seit 1950 verboten. Eine Kirchengemeinschaft lieferte die andere ans Messer.<<

http://www.naktuell.de/presse/2004/0704 ... 72004.html

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Beitragvon Cemper » 14.01.2006, 09:05

@ KuH

Den Artikel bzw. das Interview mit Ihnen in der evangelischen Wochenzeitung „Die Kirche“ vom 14.07.2004 - http://www.naktuell.de/presse/2004/0704 ... 72004.html - habe ich gelesen. Ich vermute, dass Sie mich auf diesen Artikel hingewiesen haben, weil ich ihn zur Kenntnis nehmen soll und weil Sie meine Meinung dazu interessiert. Mein Eindruck ist wieder ambivalent. Ich nenne Ihnen die Gründe. Die Antwort ist leider lang - aber sie ist ja nur für Sie.

Die Neuap. Kirche ist - gemessen an den Landeskirchen - ein „kleines Glaubensschiff“. Sie ist eine Art Segelboot neben Ozeanriesen in oft stürmischer See. Sie ist aber nicht so klein, dass alle Ereignisse und Entwicklungen monokausal erklärt und eindeutig der Person X oder Y oder beiden zugeordnet werden können. Mit anderen Worten: Die Neuap. Kirche ist ein recht komplexes und kompliziertes Phänomen. Ihre Entstehungsgeschichte ist - vorsichtig gesagt - schwer verständlich. Ihre Glaubenslehre war und ist mit einem exklusiven heilsgeschichtlichen Anspruch verbunden. Eine überzeugende biblische und theologische Fundierung dieses Anspruchs scheint es nicht zu geben. Ich jedenfalls habe nichts dazu entdecken können. Ich beobachte, dass im Schrifttum immer wieder kategorische Behauptungen veröffentlicht werden und dass neuap. Christen in Gesprächen auf konkrete historische, bibelkundliche oder theologische Fragen zu relevanten Sachverhalten ausweichende Antworten geben. Einige verweisen auf unbekanntes Archivmaterial. Andere werden etwas nervös. Wiederum andere flüchten in Ironie. Viele - die meisten - wechseln die Ebene; sie reagieren auf Sachfragen mit Hinweisen auf die Erkenntnis oder das Gefühl/Gespür, dass in den Gottesdiensten der Neuap. Kirche der Heilige Geist wirksam wäre. Es kommt sogar vor, dass intelligente Menschen auf eine Frage zur neuap. Dialogpraxis mit einem Hinweise auf Ihre Haustiervorlieben antworten.

Diese Umstände - der unklare historische Hintergrund, der heilsgeschichtliche Anspruch und diffuses Kommunikationsverhalten - haben zu schwierigen Beziehungen zur christlichen Umwelt geführt. In der Zeit vor 100 Jahren war dies Verhältnis vermutlich wirklich belastend. Ich jedenfalls habe diesen Eindruck bei der Lektüre einiger Berichte gewonnen. Diese Konstellationen müssen aber in einem größeren sozialhistorischen Kontext gesehen werden. Ich meine damit vor allem die Positionierung der kath. und ev. Kirche in sozialpolitischen Fragen. Hier gibt es ein „Problemspektrum“ von der Sozialpolitik zu Bismarcks Zeiten über die kath. Soziallehre und ev. Sozialethik bis zur Demokratisierung von Staat und Gesellschaft. Die Kirchen standen ja - wie jeder wissen kann - nicht auf der Seite der Mühseligen und Beladenen, sondern waren stets oder oft der weltlichen Macht und Herrschaft verbunden und mussten sich dann in Zeiten sozialer Umbrüche eben neu positionieren. In diesem breiten Entwicklungsprozess war dann eine religiöse Exklusivgemeinschaft wie die Neuap. Kirche störend. Man hat sich nicht viel mit ihr befasst; wenn man es aber doch getan hat, dann wurde katholischer- wie evangelischerseits kräftig zugelangt und neuapostolischerseits kräftig zurückgeschlagen. Für die einen hieß neuapostolisch „Irrlehre“ - für die anderen war die sog. Geistlichkeit eine Ansammlung von „Gottesdienst treibenden Geistern“.

In den Zeiten der deutschen Diktaturen - Nationalsozialismus und Sozialismus - hatte die Neuap. Kirche selbstverständlich auch ihre Probleme. Lieber KuH - wenn kann das überraschen?

Nun beantworten Sie im Interview einige zur NS- und DDR-Zeit gestellte Fragen sowie einige Fragen zu aktuellen Entwicklungen. Sie tun es auf dem Hintergrund von Recherchen im Bundesarchiv und bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und offenbar auch auf dem Hintergrund Ihrer persönlichen Erfahrungen.

Aus meiner Sicht sind solche „Aufarbeitungen“ sehr wichtig. Ich wünsche Ihnen dazu auch guten Erfolg. Ich sage Ihnen aber, dass Sie vor einer sehr schwierigen Aufgabe stehen und dass ich es - vorsichtig formuliert - für möglich halte, dass Sie „Opfer“ eines einseitigen Blickes werden können. Damit will ich Sie nicht kritisieren, sondern nur andeuten, dass es im Interesse der objektiven Darstellung von Sachverhalten sehr wichtig ist, Aktenbestände in Archiven skeptisch, kritisch und mit großer Vorsicht zu bewerten. Konkret: Was weiß denn das Bundesarchiv und was weiß die KAS (die Adenauer-Stiftung) von der Neuap. Kirche? Es gibt einige Akten - ja und? Aus den Akten erfahren wir das, was in den Akten steht. Die Frage ist aber, ob das, was in den Akten steht, ein Abbild der Wirklichkeit ist. Ich sage dies nicht, um die Neuap. Kirche sozusagen vor den Akten zu retten. Meine Skepsis gegenüber Archiven ist grundsätzlich. Damit will ich aber auch die Bedeutung der Archive nicht schmälern. Es geht nur darum: Die Sache verlangt viel Nüchternheit und Einfühlungsvermögen.

Man darf bei der historischen Aufarbeitung nicht - ich sage es einmal polemisch - neuapostolisch vorgehen. Damit meine ich: Ein neuap. Christ sagt Ihnen: „In der Bibel steht ...“ Für ihn ist das, was in der Bibel steht, Realität. Wenn der Verfasser eines Evangeliums beispielsweise Ereignisse so und so datiert, dann gab es diese Ereignisse für den neuap. Christen eben dann und dann. Der Text wird dann wichtiger als die historische Wirklichkeit. Mit Achivakten kann man ähnlich umgehen. Das und das steht in den Akten - und das war dann die Wirklichkeit. Aber so ist es eben nicht! Ich sage das nicht einfach so daher. Ich habe selber in rechtshistorischen Zusammenhängen in Sachen Nationalsozialismus, DDR und BRD in Archiven gearbeitet. Ich habe auch mit Personen - die in den Archiven „vorkommen“ - sprechen können und dabei gelernt: Die Wahrheiten liegen nicht „einfach so“ in den Akten oder auf den Tischen. Versuchen Sie - beispielsweise - nur einmal die Rekonstruktion einer Ehe oder der Geschichte einer kleinen Kirchengemeinde anhand von Akten. Bei der „Geschichtsschreibung“ müssen wir uns auf das zur Verfügung stehende Material stützen - das ist doch klar: und hier muss alles auf den Tisch - und zugleich müssen wir uns bei allen Deutungen um Vorsicht bemühen. Andererseits dürfen wir aber in lauterer Vorsicht nicht nur Nebel produzieren.

Ein ähnliches Problem ist die Reaktion der Neuap. Kirche auf kritische Veröffentlichungen. Selbstverständlich sagt die Kirchenleitung zunächst: „Wie kommen Sie denn dazu ...“ Das halte ich für durchaus berechtigt. Fragwürdig ist das Verhalten, wenn eine Institution zur historischen Aufarbeitung aber selber wenig beiträgt.

Ein vorletzter Punkt: Ihre subjektive Kirchenkritik. Ich zitiere: „... wenn man Kritik übt, wird man ausgegrenzt. Mit mir wurde nicht mehr gesprochen. Anfangs ging ich trotzdem noch zur Kirche, seit zehn Jahren nicht mehr. Aber ich musste sehr mit mir kämpfen, weil der psychische Druck, den diese Kirche ausübt, sehr hoch ist. Wenn man gegen die Maßstäbe der NAK verstößt, entsteht sofort die Angst, "verloren" zu sein. Uns wurde eingehämmert, Jesus würde nur diejenigen retten, die nach den Geboten der Neuapostolen leben ... Mich verfolgte die Angst: Wenn ich mich von der Kirche entferne, bin ich verloren. ... mir ... bescheinigte das Versorgungsamt Lübeck eine seelische Behinderung aufgrund der rigiden Erziehungsmethoden der NAK.“

KuH - ich kann mir vorstellen, dass es so und auch ganz anders war. In Ihrem Falle war es vermutlich so. Ich jedenfalls glaube es Ihnen. Ich kenne aber auch ganz andere Berichte von Menschen aus der Neuap. Kirche und wiederum ähnliche Berichte von Menschen aus den sog. Großkirchen. Ich frage mich bei negativen wie positiven Berichten, ob die jeweiligen Menschen dazu neigen, ihre speziellen praktischen Sorgen und Freuden ins Grundsätzliche zu überhöhen. Für die einen ist eine Kirche dann ganz fürchterlich und für die anderen ist ein Ort des „Vorgeschmacks himmlischer Freuden“. Religion ist offenbar eine seelisch-psychisch schwierige Geschichte für diejenigen, für die alles immer so einfach und schön ist, und für diejenigen, die über ihre Sensibilität stolpern. Was glauben Sie eigentlich, warum der „Stifter“ des Christentums umgebracht wurde?

Ein letzter Punkt: Schuldbekenntnis. Ich zitiere Sie noch einmal: „ Die NAK hat das System (den Nationalsozialismus) auf allen Gebieten unterstützt und gefördert.“ Sie bringen dann einige Belege. Ich kenne diese Belege. Gleichwohl würde ich nicht solche Aussagen machen. Ich zitiere Sie noch mal: „Die kircheninterne Zeitschrift ‚Unsere Familie’ druckte nationalsozialistische und Kriegspropaganda. Der Sohn des Stammapostels Johann Bischoff war in der SA.“ KuH - was soll das? Es ist richtig - in der Zeitschrift standen unglaubliche Texte. Unglaublich. Aber warum standen sie da? Hat die NAK-Kirchenleitung das NS-System „auf allen Gebieten unterstützt und gefördert“ oder hat es sich in einer aus unserer Sicht unverständlichen Weise vor dem System geschützt? Das muss doch geklärt werden - und ich behaupte nicht einfach, dass es so oder so war. Und die Mitgliedschaft des Sohnes in der SA? Ach du liebe Zeit - wer alles in der SA war! In meiner Verwandtschaft waren einige auch in der SA. Diese Männer leben nicht mehr. Ich habe vor Jahren mit ihnen darüber gesprochen - sie hatten keine Ahnung von der NS-Zeit. Sie haben dies und das erlebt. Aber vom politischen System und Rechtsstrukturen wussten sie nichts. Über die DDR-Zeit kann wahrscheinlich ähnlich geurteilt werden. Ich stelle mir vor, wie ein marxistisch-leninistisch ausgebuffter Funktionär mit einem leitenden Amtsträger der DDR-NAK gesprochen hat ... Und ich kritisiere, dass seitens der Neuap. Kirche vieles einfach im Dunkeln bleibt. Auch diese Kirche sollte ihre Schuld bekennen.

Aber - KuH: Ich sage Ihnen auch dies: Vor einigen Jahren war ich an einem der politischen Gedenktage zu einem Gedenkgottesdienst in einer großen ev. Kirche. Ich saß an der Orgel und konnte fünf Herren der Kirchenleitung im Altarraum beobachten. Sie standen - mit dem Rücken zur Gemeinde - vor dem Altar und sprachen Schuldbekenntnisse. Bei zweien habe ich gedacht: Dir wäre ich ungern in der NS-Zeit oder in der DDR begegnet.

Mit freundlichen Grüßen

C.
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Beitragvon König und Herold » 14.01.2006, 09:24

@Cemper

Ich finde gut, dass Sie sich klar positionieren. Mit Ihrer Antwort kann man arbeiten.

Einen Satz des Historikers Joachim Fest habe ich mir notiert zur Frage des Bekennens der Schuld. Er sagte dies in einem Interview mit Roger Wilhelmsen.

Zitat Fest:

[b]"Ohne eine metaphysische Dimension ist Schuld nicht erkennbar".[/b

Ich werde Ihren interessanten Beitrag in nächster Zeit ausführlicher kommentieren, möchte Sie aber in keine endlose Diskussion verwickeln. Wenn Sie wollen, nehmen Sie meine Überlegungen einfach zur Kenntnis.

Vielen Dank und ein schönes Wochenende

KuH
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Beitragvon Bücherwurm » 14.01.2006, 10:18

Cemper
hat geschrieben:
In den Zeiten der deutschen Diktaturen - Nationalsozialismus und Sozialismus - hatte die Neuap. Kirche selbstverständlich auch ihre Probleme. Lieber KuH - wenn kann das überraschen?



Die heutigen NAK-Mitglieder. Vor allem, weil die Kirche nicht etwa nur zurückhaltend bei der Aufarbeitung gewesen wäre, sondern weil sie offenbar dem Reiz erlegen ist, ihre Rolle ein ganz klein wenig zu schönen...?

Sie hingegen überrascht es nicht, weil Sie die Problematik sozialer Strukturen in diktatorischen Verhältnissen offensichtlich realistisch einschätzen können. Sie betrachten die NAK in diesem Zusammenhang möglicherweise als sozialen Mikrokosmos in einem sozialen Makrokosmos und sehen die zwangsläufigen Wechselwirkungen. Nun gibt es aus meiner persönlichen Sicht zwei mögliche Einwände:

1. Es ist nicht zwangsläufig so, dass eine neuap. Kirche auch ihre Probleme in und mit Diktaturen haben müsste. Die ZJ sind hier ein ziemlicher Stachel im Fleisch christlich bekennender Kirchen. Es ging also auch anders, wenngleich dies niemand einfordern kann und darf. Ferner meine ich auszumachen, dass das Verhalten in der jeweiligen geschichtlichen Gegenwart bei den anderen Kirchen durchaus ambivalent war. Es gab neben der offensichtlichen "Prostitution" meist ebenso klare Absagen an die Systeme, so dass das "Problem" nie wirklich kirchenuniversal war. Und bei der NAK? Ich persönlich kenne keinen Widerstand, weder kirchenintern noch kirchenöffentlich. Ein Jurist würde dies vermutlich nicht als Beweis gelten lassen; ein Indiz ist es allemal.

2. Sie beziehen m.E. bislang in Ihre Betrachtung das Selbstverständnis der NAK noch nicht umfassend genug ein. Die NAK ist in ihrer Selbstwahrnehmung nicht eben einfach nur eine Kirche, die unter wechselnden Beziehungen zu ihrer gesamtgesellschaftlichen Umwelt wechselnde Probleme entwickeln könnte - so, wie das bei Kirchen nun mal zu sein scheint. Die NAK ist ihrer eigenen Wahrnehmung nach DAS "Werk Gottes" und damit allein von IHM und nicht von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig. Das ist ihr unverrückbarer und mit zur Exklusivität gehörender Anspruch. D.h. für einen "normalen" Neuapostolischen, der diesen Anspruch auch internalisiert hat, wären Problem mit und in der Geschichte höchst überraschend, zumal die geschichtliche Zubilligung sich allein auf "Reichsgottesgeschichte" bezöge und Tribute an die Weltgeschichte grundsätzlich ausgeschlossen sind.

Ihre laxe Wendung, die neuap. Kirche habe selbstverständlich auch ihre Probleme gehabt, ist für das neuap. Selbstverständnis eine Zumutung und eine ungeheure Provokation. Sie reduzieren die NAK damit vom Rang "Werk Gottes" auf die Ebene einer weltlichen Organisation. Der emeritierte StAp Fehr, würde dies klar als "Verflachung" schelten.

Von außen betrachtet ist die NAK einfach nur eine Kirche, von innen betrachtet ist Kirche nur der Begriff für das menschlich Verfasste am "Werk Gottes". Damit verwenden wir wieder einmal die selben Begriffe und merken nicht, dass es nur die gleichen sind.

Grüße für ein gutes Wochenende
Ihr
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Beitragvon Bert » 14.01.2006, 10:37

Genauso ist es, Bücherwurm.

LG
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Beitragvon Bücherwurm » 14.01.2006, 10:38

@Cemper

Vielleicht noch eine kurze Ergänzung: Wenn Sie von der neuap. Kirche also ernsthaft Buße in Form eines Bekenntnisses zum Verhalten im NS-Staat erwarten, dann erwarten Sie im Grunde, dass Gott sich dafür entschuldigt, dass ihm irgendwie der Nationalsozialismus passiert ist. So in etwa würde das in der Kirche betrachtet werden.

Die heutige offizielle Linie der neuap. Kirche ist, dass Bischoff (gleichsam unter allergrößten Gewissensqualen) so tun musste, als unterstütze er das Regime, um Schaden von den ihm Anvertrauten fern zu halten. Bischoff war dabei, selbstverständlich, Werkzeug in der Hand Gottes.

Wir haben es also mit einem Gott zu tun, der sein ursprünglich auserwähltes Volk von den Nazis nahezu ausrotten lässt, während er zugleich sein neues auserwähltes Volk mit so einfachen Lösungen davor bewahrt und zwar um den Preis, dass sein neues Volk mit den Henkern des alten Volkes sympathisiert.

Halten SIe die Darstellung für überzogen? Wie bewerten Sie das?

Mit Grüßen vom
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Beitragvon Bücherwurm » 14.01.2006, 10:49

@Cemper

Entschuldigen Sie die unbeabsichtigte Salamitaktik :-) Noch eine weitere Anmerkung aus einer gleichsam pastoralen Perspektive: Der einzige Ausweg aus einem solchen Dilemma liegt in dem zentralen Begriff der Buße, dessen tiefe Bedeutung für eine gelingende menschliche Existenz Jesus quasi als Botschaft aus dem Himmel mitgebracht hat.

Glaubenspraktisch angewendet bedeutet es, dass es auch und gerade für die NAK keinen anderen Weg gegeben hätte als den der Buße, wenn sie überhaupt den Anspruch hätte aufrecht erhalten können, Gottes einziges Werk zu sein. Gerade ein solches Anerkenntnis wäre eben nicht in der Konsequenz gemündet, die man vermeiden wollte (Vermenschlichung und Ansehensverlust), sondern wäre im Gegenteil die Rettung des "Göttlichen" gewesen.

Hätte. Ich denke, dass es fast zu spät ist dafür. Das mündet dann schon in ein neues Glaubwürdigkeitsproblem.

B.
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Beitragvon Tchibumba_ » 22.01.2006, 22:27

die darstellung der rolle, die die nak in der ns-zeit gespielt haben mag - sei es als institution oder durch einzelne personen - wäre für die zeitgenössische nak-nomenklatura um so vieles leichter, wenn es wenigstens eine/n märtyrer/in gegeben hätte, der als bekennende/r nak-christ/in den tod durch das nazi-regime gefunden hätte.

scheinbar gibt es den/die aber nicht, sonst würde uns der/die doch schon präsentiert worden, oder?

von so vielen anderen (christlichen) konfessionen sind solche menschen aber schon bekannt, wenn auch die institution als ganzes sich mehr oder weniger durchlaviert hat - und einzelne proponenten sich heftig an das regime angebiedert haben.

was sagt uns das, dass es scheinbar KEINE/N nak-märtyrer (aus der ns-zeit) gibt bzw. gab?

liegrü - tchibumba
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Beitragvon schabronat » 26.02.2006, 21:53

Liebe(r) Tschibumba_,

nein, Märtyrer hat es wohl nicht gegeben.
Ich gehe davon aus, dass die NAK, die in der kirchlichen Literatur zum Thema seit den 50er Jahren auch noch aus dem kleinsten Indiz eine regimekritische Haltung zu rekonstruieren sucht, dies publiziert hätte.
(Nebenbei sei die offiziöse Stap-Biografie Bischoffs erwähnt, die die Repression der NAK durch die Gestapo und die vorbildliche Haltung des Stap betont; an beidem ist wohl nicht viel dran, so dass auch Stap JGB als Märtyrer ausscheidet.)
In den Archiven, die ich konsultiert habe, gibt es einige Akten von Nap., die von der Gestapo verhört und z.T. beobachtet wurden. Dies sind aber alles Bagatellen, eine nicht ordnungsgemäß beflaggte Kirche, ein Bruder, der zu laut herumerzählt, dass er nicht wählen geht, auch innerkirchliche Konflikte, die zu Denunziationen führen etc. Ich vermute, dass es jede Menge Akten über eine ganze Reihe ähnlich gelagerter Fälle in den größeren Archiven gibt.
Dann gibt es den in der Literatur zum Thema wiederholt zitierten Fall der beiden nap. Prediger in Blaubach/Pfalz, die kurz in Schutzhaft genommen werden, nachdem die ev. Kirche bei den Behörden gegen die nap. Missionstätigkeit interveniert, die den konfessionellen Frieden bedrohe.

Das ist nach meiner Kenntnis also der Quellenstand: Kein "Märtyrer", keinerlei Zeugnisse über eine kritische Kanzelabküpndigung, ein offenes Wort in einer Predigt oder gar einen Protest.

Liebe Grüße
klaus schabronat
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Beitragvon mel_eben » 27.02.2006, 09:59

Lieber Klaus,

vielen Dank fuer deine Informationen.

Auf tchibumbas Frage, was uns das sagt, dass es keinen Maertyrer gibt, kann ich nicht umfassend antworten. Dass die NAK keine "Helden" hervorbrachte und -bringt, ueberrascht mich jedenfalls nicht. Fairerweise muesste man aber betrachten, wie gross die Evangelische Kirche, die Katholische Kirche und die Neuapostolische Kirche zwischen 1933 und 1945 waren. Denn wenn "Maertyrer" jeweils nur einen sehr geringen Bruchteil der gesamten Population bilden, hat eine kleine Kirche eine deutlich geringere Chance, solche Maertyrer in ihren Reihen zu haben.

Klaus, kannst du ohne Muehe etwas zur Groesse der genannten Kirchen im fraglichen Zeitraum sagen? Dann ist noch die Frage, wie man die Zahl der "Maertyrer" erfahren koennte. Neben den bekannten Namen wird es viele unbekannte Opfer geben.

Um den Kreis etwas weiter zu ziehen: es waere sicher interessant zu betrachten, wieviele kirchlich gebundene Menschen Widerstand geleistet haben verglichen mit denen, die nicht kirchlich gebunden waren.

Soweit meine unvollstaendigen Anmerkungen zu diesen interessanten Thema. Klaus, ich bin immer daran interessiert, Ergebnisse deiner Forschungen zu erfahren. Gibt es schon einen Artikel dazu, oder entsteht der noch?

Mit freundlichem Gruss,
Melanie
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Beitragvon Bücherwurm » 27.02.2006, 10:10

mel_eben hat geschrieben: Fairerweise muesste man aber betrachten, wie gross die Evangelische Kirche, die Katholische Kirche und die Neuapostolische Kirche zwischen 1933 und 1945 waren. Denn wenn "Maertyrer" jeweils nur einen sehr geringen Bruchteil der gesamten Population bilden, hat eine kleine Kirche eine deutlich geringere Chance, solche Maertyrer in ihren Reihen zu haben.


Fairerweise muss man aber berücksichtigen, dass die ZJ nicht eben eine Großkirche waren... Was ist das denn für ein Argument!? Märtyrer definieren sich doch nicht per Normalverteilung sondern über etwas, das sie vertreten. Offensichtlich hatte die NAK nichts vertreten, was sie in Kollision mit dem Regime brachte...? Das sollte zum Nachdenken anregen.
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