Jeshua, Gautama und die Essäer

Selbstgedichtet und verfasst oder entdeckt

Jeshua, Gautama und die Essäer

Beitragvon Klaus Binding » 17.06.2012, 18:55

Jeshua war 24 Jahre alt und gerade von einer langen Wanderung als Schreiner durch Palästina und die angrenzenden heidnischen Gebiete zurückgekehrt, als sein Vater Josef, Sohn des Eli, starb. Zu dieser Zeit lernte er den jungen Johannes kennen, der ein Laienbruder im Orden der Essäer war. Die Essäer hatten von Jeshua gehört, von seiner Weisheit und tiefen Menschenliebe. In langen Nächten fanden oft weisheitsvolle Gespräche zwischen den Ordensführern und Jeshua statt. Ohne dass sich der junge Mann den strengen, asketischen Regeln des Ordens unterwerfen musste, wurde er in alle Geheimnisse der Glaubensbrüder eingeweiht. Jeshua erkannte die hohe Geistigkeit dieser Menschen, die durch völlige Abkehr vom Weltlichen wieder Anschluss an die göttliche Offenbarung gewonnen hatten. Im Judentum war die Stimme, die die alten Propheten noch vernommen hatten, bereits verstummt. Einer der wenigen, die noch gottverwandt waren, war der alte Hillel. Während seiner Zeit als häufiger Gast bei den Essäern, hatte Jeshua ein bedeutsames Erlebnis: ein Mann trat in seinen Seelenraum und verneigte sich tief. „Ich habe einen Fehler gemacht“, begann er das Gespräch. „ Wäre meine Lehre in der Wahrheit, wäre es gut und richtig, wenn alle Menschen das heilige Leben der Essäer leben würden; aber das geht nicht! Nur durch Abkehr von der restlichen Menschheit erlangen wir unsere Heiligkeit, wir erheben uns zu Auserwählten auf Kosten der übrigen Menschen.“
Jeshua hatte zuvor bereits erkannt, dass die Essäer ihr heiliges Mönchsleben als kleiner Zirkel nur leben konnten, weil die anderen Menschen für ihre weltliche Existenz sorgten. Wenn alle Menschen im gelben Gewand und mit der Bettelschale durchs Land ziehen, wer sorgt dann für Essen, Trinken, Kleiden, Wohnen, eben das Weltliche ? Jeshua hatte so begriffen, dass die Rückkehr zum göttlichen Vater allen Menschen offen stehen muss, dass Weltflucht in geistiges Sektentum nicht seiner allumfassenden Gottesliebe entsprach- war die die Sekte noch so rein und heilig. Johannes und Jeshua wurden nicht Mitglieder des Ordens.
Oft hatte Jeshua bemerkt, dass die dämonischen Geister keine Macht über die Essäer hatten, sich aber deshalb umso gieriger auf die anderen Menschen stürzten. Tiefer Seelenschmerz durchströmte ihn aus diesem Grund, weil er wusste, dass jede geistige Abgrenzung einer kleinen oder auch großen Schar, gleichzeitig die Ausgrenzung und Nichtachtung der übrigen Menschen bedeutet.
An einem der Essäer-Tore zu Nazareth, die nach den strengen Ordensregeln ohne Bilder sein mussten, saß zur damaligen Zeit ein alter Bettler der Geschichten erzählte. An einem Sonntagmorgen blieb Jeshua am Tor stehen und lauschte mit einigen neugierigen Männern den Worten des Alten. Dieser erzählte mit bewegter Stimme: Ein Mönch saß seit Stunden in seiner Höhle und meditierte, als er plötzlich ein Piepsen vernahm. Widerwillig öffnete er ein Auge und erblickte eine kleine Maus zu seinen Füßen.
„Was willst du?“, knirschte er unwillig.
„Ich habe Hunger“, sagte die Maus und knabberte an seiner Sandale.
„Scher dich fort. Ich meditiere. Ich will Eins mit Gott werden.“
Worauf die Maus erwiderte: „ Wie willst du Eins mit Gott werden, wenn du es nicht mal schaffst Eins mit mir zu werden?“
Lächelnd ging Jeshua weiter.
Klaus Binding
 
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