Sonntag des Jubels

Selbstgedichtet und verfasst oder entdeckt

Sonntag des Jubels

Beitragvon Klaus Binding » 31.03.2012, 09:19

Ich hatte schon von ihm gehört. Einige meiner Freunde hatten ihn auch schon gesehen und reden gehört.
Als ich das Geschrei vernahm lief ich durch die verstopften Gassen vor das große Tor und ein Stück auf den Nordweg. Eine Menschenmenge kam mir entgegen, schreiendes, gestikulierendes Volk. Einige waren auf Bäume geklettert und hatten Palmenzweige geschlagen, die sie auf den Weg legten- ein uralter Frühlingsbrauch.
Wem galt das Ritual? War Adonis, der Frühlingsgott selbst auf dem Weg in die heilige Stadt ? Die Menge kam rufend näher, und dann sah ich ihn zum ersten Mal. Kein Adonis, ein junger Mann, bärtig und mit ernstem Antlitz. Er saß auf einem Esel und ein paar einfache Leute vom Lande geleiteten ihn. Das Volk um die kleine Gruppe geriet langsam in Ekstase. Hosianna schrien sie jetzt aus heiseren Kehlen und rissen die Arme gen Himmel. Ich hatte mich auf einen Stein am Wegrand gesetzt, und die Gruppe zog langsam an mir vorüber. Genau auf meiner Höhe drehte der Mann auf dem Esel den Kopf nach rechts und blickte mich an. Sein Gesicht war wie in Stein gemeißelt, aber die Augen sprühten überirdisches Feuer. Ein heißer Schauder durchraste meinen Körper und meine Seele. Wie geblendet senkte ich den Blick zu Boden. Die Schreie der Menschen dröhnten in meinem Kopf. Ich schloss die Augen, aber der Glanz Seiner Augen brannte auch noch hinter geschlossenen Lidern. Ob dieser Mann Davids Königreich wieder aufrichten würde, und die verhassten Besetzer in den Tartaros jagen wollte, erschien mir fraglich. Aber es ging Königliches von ihm aus, mehr sogar als Königliches.
Die Schar war vorüber und ich sah die letzten Menschen des Zuges durch den aufgewirbelten Staub durch’s große Tor verschwinden. Ich sprang auf. Wer war dieser Mann, der mit einem Blick das Innerste meines Herzens getroffen hatte? Ich ahnte, dass er mehr als bloße Ekstase wollte. Er war unberührt durch das enthusiastische Geschrei gegangen, ernst und eher mitleidsvoll. Meine tiefste Seelenschicht war durch diesen Ernst entflammt. Ich rannte zur Stadt hin, der jubelnden Masse nach. Dieser Mensch war mein Schicksal. Ich wusste noch nicht, dass das Hosianna der jubelnden Masse fünf Tage später in ein hasserfülltes – Kreuzige ihn – umschlagen würde. Ich wollte nur noch in seiner Nähe sein.
Klaus Binding
 
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Re: Sonntag des Jubels

Beitragvon Kati » 31.03.2012, 12:59

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Re: Sonntag des Jubels

Beitragvon Klaus Binding » 31.03.2012, 13:12

hei Kati, da muss ich erst mal grübeln... meinst du die Lynchjustizbande im Internet ? (im Zusammenhang mit dem Kindermord in Emden)
l.G. Klaus
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