Autobiografisches - anno domini

Selbstgedichtet und verfasst oder entdeckt

Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Klaus Binding » 29.01.2012, 18:53

Ein komischer Kerl
Ja, irgendwie war er ein sonderbarer kleiner Kerl. Er war anders als wir anderen Jungen und zwei Jahre jünger als ich. Einen anderen Jungen zu schlagen war ihm unmöglich. Seltsamerweise hatte er das auch gar nicht nötig. Erstens hätte ich mich für ihn geprügelt und zweitens war da sowas wie ein heiliger Respekt. Ich und einige Andere hatten vor Jahren beobachtet, wie er einen halbtoten Vogel auflas, ihn wärmend zwischen den hohlen Händen hielt, ihn küsste und dann lachend in die Luft warf. Der Vogel flatterte zwitschernd davon.
Nie ließ er sich von anderen Jungen provozieren, nie wurde er geärgert – trotz seiner verdrehten Art.
Ich mochte den kleinen Jungen aus dem Nachbarhaus. Seine Mutter erschien mir damals wie eine griechische Göttin, unsagbar schön, still, und mit Augen, so leuchtend wie der Morgenstern. Sein Vater war ein schweigsamer, alter Mann mit einem langen Bart. Man munkelte im Dorf, er hätte sich seine junge Frau durch einen Zaubertrick ergaunert. Ich habe das nie geglaubt. Auch von ihm ging ein spürbarer Zauber aus. Einmal war ich aus einer Prügelei als schmachvoller Verlierer hervorgegangen, und vor Wut und Schmerz heulend heimgekommen. Der Alte stand vorm Haus, sah mich, und rief mich zu sich. Mein linker Arm hatte eine blutende Wunde durch einen Sturz auf Steine abbekommen. Ich glaube der Arm war gebrochen. Der Alte seufzte und nahm mich liebevoll in den Arm, legte beide Hände um meinen lädierten Unterarm, summte leise vor sich hin, und sagte dann; - Nun geh, Gute Nacht -. Mein Arm war vollständig hergestellt.
Nun ja, so was konnten auch andere Heiler, die durchs Land zogen, aber die wollten manchmal Geld, oder rühmten sich ihrer Heilkunst. Der Alte war still und bescheiden. Er starb als ich vierzehn Jahre alt war. Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich auch das Verhalten meines kleinen Freundes. Er wirkte plötzlich wacher, sprach häufiger über Tiere, das Wetter oder seine Träume. An unseren Jungenspielen nahm er trotzdem nicht teil. Er begann in der Werkstatt seines Vaters den älteren Brüdern zur Hand zu gehen. Er war damals zwölf.
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Klaus Binding » 30.01.2012, 18:47

Ergänzung: wenn ich schreibe "Autobiografisches", heisst das, ich hatte eine "kleine Vision", wie es damals vielleicht war, wenn ich dabei gewesen wäre....
Ich war offensichtlich nicht dabei, glaube ich jedenfalls...
Gruß an Alle, Klaus
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Kati » 30.01.2012, 20:15

Werter Klaus,

bitte sieh es mir nach, aber diese Geschichte erinnert mich sehr daran, wie uns früher unsere Sonntagsschullehrer und Priester in bester Absicht genauestens erklärten, wie es zu biblischen Zeiten gewesen war. Da wurde fleißig ausgeschmückt und vieles für wahr erklärt und übernommen, was so nie stattgefunden hatte. Ob es nun die Weihnachtsgeschichte war, oder Adam und Eva oder die Verklärung auf dem Berg, Hiob und andere Geschichten.

Ehrlich gesagt - ich finde das furchtbar kitschig.

Vielleicht war Maria tatsächlich nur eine von den vielen jungen Mädchen, die wie es überall auf der Welt passiert, schwanger geworden war, ohne verheiratet zu sein. Ganz unspektakulär. Und sie hatte einen netten Verlobten, der dazu stand und sie später geheiratet hat. Damit sie beide einer Strafe entgingen, haben sie vielleicht die Geschichte mit der unbefleckten Empfängnis ausgeheckt - Vorbilder in der Thora gab es ja, die einen auf solche Gedanken kommen lassen konnten.

Sicher hatten die beiden - und Maria besonders - Charisma. Und auch ihr Sohn Jesus war ein besonderer Mensch. Man kann das nüchtern sehen oder auch im Glauben.
Wer kennt schließlich die Wahrheit? Und ist die historische Wahrheit wirklich entscheidend?

Vielleicht magst du ja mal zur Entspannung und geistigen Lockerung "Christ sein" von Hans Küng lesen. Oder "Was würde Jesus heute sagen" von Heiner Geissler.

Freundliche Grüße
Kati
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Randnotiz » 30.01.2012, 20:21

... oder mal an die frische Luft. Cemper hilft das auch immer wieder.
Nur wer die Fakten kennt, kann sie verdrehen.

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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Cemper » 30.01.2012, 22:06

Wie geht es dem Cemper eigentlich?
Haben Sie mal was von ihm gehört?
Ob ich gläubig bin? Das weiß nur Gott allein.
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Klaus Binding » 31.01.2012, 10:52

Liebe Kati,
deine Nüchternheit ist offensichtlich. Ich schätze deine realistische Haltung in Glaubensfragen, nur solltest du zwischen falscher Kirchenmoral und "Glaubensmärchen" nicht in eine flache Trivialisierung des Christus-Ereignisses verfallen, Nach dem Motto: Jesus der gute, einfache Mann aus Nazareth, Maria zufälligerweise seine Mutter, Joseph ein sozialer Typ, der Maria vor Bestrafung schützen will.... Was da vor 2000 Jahren geschehen ist, war bis ins Kleinste hinein göttliche Vorsehung, nichts zufälliges Banales ist damals passiert, es war die Zeitenwende, der wichtigste Abschnitt der gesamten Erden-und Menschheitentwicklung.
Danke für deine Buchtips. Ich lese keine religiösen Sachbücher von Politikern und populären Kirchenmännern, in Geisslers Buch hab ich vor Jahren mal reingeschaut, praktisches Geschwätz,blutleer, ohne spirtuellen Grund.
Mein Lesetip für dich zum Thema "Christus heute", wäre die Kurzgeschichte vom Großinquisitoren in Dostojewskis "!Die Brüder Karamasoff

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gro%C3%9Finquisitor in Original lesen ist natürlich besser

liebe Grüße aus dem kalten Norden, Klaus
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Kati » 31.01.2012, 12:48

Hallo Klaus,

das ganze Leben besteht aus Trivialitäten. Gerade, indem ich das Leben Jesu als normal betrachte und entdogmatisiere, kann es mir groß werden. Gerade wenn ich ihn als Bruder oder als "Menschensohn" im wahrsten Wortsinn sehe, kann er mir erst groß werden. Von Göttern wird das Übermenschliche doch sowieso vorausgesetzt.

Du sprichst von Zeitenwende. Ich habe das auch einmal geglaubt. Heute sehe ich auch das nüchterner.

Und nach langer Entwicklung bin ich zu dem Schluss gekommen: Was ist denn "Gottes Ratschlussplan"? Wer oder was ist denn Gott? Und woher wollen die Menschen das alles immer genau wissen?

Mein Gott ist unbekannt. Die Schöpfung mit allem, was darinnen ist, ist da. Wie sie entstanden ist, kann niemand wirklich sagen. Aus der Forschung kann man viel lernen. Aber letztendlich ist ja niemand von uns dabei gewesen. Und wer will uns etwas vom Tod erzählen und vom Leben danach? Von Ewigkeit? Niemand kann das wissen. Man kann Wunschvorstellungen haben. Man kann sich ein Weltbild aufbauen und je länger die Menschheit daran glaubt, desto glaubhafter könnte es auch mir erscheinen. Tut es aber nicht mehr.

Ich sage nicht, dass alles nichts ist. Ich sage nur: Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur eines: Ich wünsche mir Frieden mit meinen Mitmenschen und in meiner Umwelt. Wenn ich den Frieden habe, den echten Frieden (nicht nur Waffenstillstand), und anerkennen kann, dass mein Mitmensch das gleiche Recht zu leben, zu irren und dazusein hat wie ich, dann reicht mir das. Daraus kann eine echte Menschenliebe entstehen, nicht die erotische, sondern die Agape. Im Hier und im Jetzt, und ganz ohne religiösen Überbau.

Den Himmel überlasse ich getrost den Göttern. Und die Hölle auch.

Freundliche Grüße
Kati

PS Dostojewski schätze ich sehr. "Der Idiot" behandelt das oben angeschnittene Thema auch. "Die Brüder Karamasoff" habe ich noch nicht gelesen.
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Klaus Binding » 31.01.2012, 13:44

Liebe Kati, Danke für die offene Darstellung deines Gedankenlebens. Ich habe viele Jahre meines Lebens dazu gebraucht, das was da vor 2000 Jahren passierte, zu verstehen, einzuordnen, diesem Ereignis den rechten Stellenwert im Weltgetriebe zu geben. (scheinbar umgekehrt zu deiner Entwicklung) Kirchliche Dogmen und sentimentale Glaubensmärchen beeindrucken auch mich nicht, zumal die Kirchen kaum entsprechende Antworten auf elementare religiöse Fragen haben.
Du sprichst mit Kant, von den Grenzen der Erkenntnis. Kant irrte! Es gibt keine Erkenntnisgrenze- und die Erkenntnis (Wahrheit) wird euch frei machen....
Es gab von jeher Menschen, die tiefer in die Wirklichkeiten schauen konnten als der "normale" Mensch, auch die Mystiker des Mittelalters hatten noch regen Kontakt zur geistigen Welt. Paulus selbst berichtet von sich in den dritten Himmel eingeweiht zu sein.
Und ob das Leben aus Trivialitäten besteht, hängt ganz von meiner Einstellung ab. Ich kann auch wieder das Staunen lernen, und eine Welt voll göttlicher Schönheit bewundern.
Deinem Friedenswusch schließe ich mich gerne an- doch woher soll die Kraft Frieden zu stiften genommen werden, wenn nicht aus dem Geist, wo hat "das Gute" seinen Ursprung ? wenn nicht in Gott- ohne Anschluss an das Göttliche ist Frieden kaum möglich, vergeben ist christlich, Rache tödlich. Wer legt die Waffe zur Seite, und streckt dem Feind die Hand entgegen ? (auf die Gefahr hin erschossen zu werden)
Menschhheit ohne religio verdirbt!
ciao, Klaus
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Kati » 31.01.2012, 13:55

Klaus Binding hat geschrieben:Menschhheit ohne religio verdirbt!


. . .mit Religion ebenfalls.
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Klaus Binding » 31.01.2012, 14:29

Liebe Kati,
wenn ich bewusst von religio, im Sinne von "Rückbindung" spreche, meine ich sicherlich etwas anderes als das, was im allgemeinen Sprachgebrauch Religion genannt wird- da hast du Recht, damit verdirbt die Menschheit auch.
Ciao, Klaus
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Kati » 31.01.2012, 14:45

Werter Klaus,

sicher besteht ein Unterschied zwischen religio und der Religion. Leider wird nur allzuschnell aus religio dann doch Religion.

Als Hesse-Kenner kennst du sicher auch "Siddharta". Dort beschreibt Hesse sehr schön, wie Siddharta erkennt, dass der große Buddha tatsächlich ein Erleuchteter ist. Seine Lehre aber kann er nicht wirklich an seine Jünger weitergeben. Ob im sklavischen Gehorsam oder in echter Nachfolge - die Erleuchtung (also die Erfahrung der religio) kann nicht wirklich ebenso von den Jüngern erfahren werden. Der Buddha leuchtet von innen heraus - seine Jünger strahlen seinen Glanz nur ab. Für Buddha religio - für seine Anhänger schon Religion.

Am Ende kommt Hesses Siddharta zu dem Schluss, dass er wie der alte Fährmann dem Fluss lauschen muss. Und die Menschen betrachten, die den Fluss überqueren, und mit ihnen umgehen lernen. Die Suche nach der religio hat ihn zur Erkenntnis geführt, dass das Triviale (der Fluss, die einfachen Menschen) bereits alles in sich birgt. Wer darin nicht den Sinn findet, der wird ihn außerhalb lange suchen können.

Auch wenn ichs nicht so schön ausdrücken kann - so ähnlich sehe ich das auch.

Bis dann
Kati
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon tosamasi » 31.01.2012, 16:45

Kommt ein Mann in die Hölle und wundert sich nicht schlecht. Alle Anwesenden amüsieren sich prächtig, es gibt reichlich Alkohol und Zigaretten und alle geben sich wilden Orgien hin.
Fragt der Neue: “Was ist denn hier los, kein Feuer, keine Schmerzen, keine Höllenqualen?”
Antwortet ein Teufel: “Ach das meinst du nur, sicher das haben wir auch”. Der Teufel deutet auf eine Tür.
Der Mann schaut durch ein Fenster in der Tür und tatsächlich, auf der anderenn Seite leiden die Menschen Höllenqualen, überall brennt Feuer, es ist einfach schrecklich. Fragt er: "Wieso ist denn die Hölle zweigeteilt?” Darauf wieder der Teufel: “Ach, das da drüben sind die Christen, die wollen das so!”

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Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden
(Hermann Hesse)
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Kati » 31.01.2012, 16:50

tosamasi hat geschrieben:Kommt ein Mann in die Hölle und wundert sich nicht schlecht. Alle Anwesenden amüsieren sich prächtig, es gibt reichlich Alkohol und Zigaretten und alle geben sich wilden Orgien hin.
Fragt der Neue: “Was ist denn hier los, kein Feuer, keine Schmerzen, keine Höllenqualen?”
Antwortet ein Teufel: “Ach das meinst du nur, sicher das haben wir auch”. Der Teufel deutet auf eine Tür.
Der Mann schaut durch ein Fenster in der Tür und tatsächlich, auf der anderenn Seite leiden die Menschen Höllenqualen, überall brennt Feuer, es ist einfach schrecklich. Fragt er: "Wieso ist denn die Hölle zweigeteilt?” Darauf wieder der Teufel: “Ach, das da drüben sind die Christen, die wollen das so!”

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Herrlich!!

LG
Kati

So, nach ein paar ruhigen Urlaubstagen mit vielen Beiträgen im Netz gehts morgen wieder an die Arbeit. Daher werde ich vermutlich nicht mehr allzuviel Zeit zum Schreiben und Lesen haben.
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Re: Autobiografisches - anno domini

Beitragvon Klaus Binding » 31.01.2012, 18:08

Liebe Kati,

die Verdrehung echter religio durch Instanzen, Dogmen und Egoismen, ist kein Argument ihre Stärke und Realität unter zu bewerten.
Drei Arten zu unterrichten: 1. Buddha- er lehrt seine Schüler, werdet so wie ich!
2. Sokrates: denkt selber nach, entwickelt euch, macht mir nichts nach, lebt den freien Geist!
3. Christus: er verbindet beide Methoden, dem Volk spricht er in Gleichnissen und Imperativen, den "inneren Kreis" regt er zum freien Denken an, der Zukunft echter religio.
Natürlich kenne ich den Siddharta, und mag ihn sehr, ein schönes Bild, das Hesse entwirft. Aber Hesse ist im Buddhistischen stecken geblieben.(jedenfalls in seiner Erzählung) Dem Buddhismus fehlt der Freiheitsaspekt, seine Aufgabe war es Liebe und Mitleid in die Menschheit zu tragen.
Buddhas Jünger erlebten keine wirkliche Verwandlung, wie die Jünger Christi. Buddha war der Wegbereiter des Christus.
Im Einfachsten findet sich der gleiche Sinn wie im Höchsten, in der Ameise wie im Andromedanebel, da gibt es qualitativ keinen Unterschied. So hat auch der Fluss sein göttliches Geheimnis, wie der Baum, der Stein, der Maikäfer.... aber in Allem waltet höchster göttlicher Geist- nichts Triviales.
Liebe Nachtgrüße, Klaus
Klaus Binding
 
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