Abendgebet

Selbstgedichtet und verfasst oder entdeckt

Abendgebet

Beitragvon mel_eben » 20.05.2007, 20:28

Nun ist es Abend, bleib du am Tor sitzen in der Nacht, überwache den Schlaf aller Kinder, der weißen, schwarzen, gelben, das leicht zugängliche Herz der jungen Mädchen, schenk den Liebenden schöne Umarmungen und den Kranken selige Träume, den Sterbenden gib Einsicht in dein Geheimnis, den Mördern lass die Opfer entschlüpfen, den Dieben gib kleine Beute, doch nicht bei den Armen, den Huren sei gnädig, die Einsamen besuche du, meinen Söhnen gib den Schlaf junger Männer, die Selbstmörder fang auf in deinen Armen, den Freund lass mich besuchen gegen Morgen im Federkleid eines Sperlings an seinem Fenster, und lass mich ein klein wenig wachsen über Nacht, so wie Kinder unversehens wachsen im Schlaf oder während des Krankseins, und werde du deiner Welt nicht müde, gib uns das Beispiel der Treue, damit wir den Mut behalten, die treu zu sein, dir und unsern Gefährten und allen Menschen, bis zum nächsten Morgen, dann sehen wir weiter.

L. Rinser

Mit einem lieben Gruss an alle Weggefaehrten aus aelterer und neuerer Zeit hier im Forum,
Melanie
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Beitragvon Renders » 25.05.2007, 22:04

Abendgebet

Am Abend suchen wir den Frieden.
Wir suchen die Güte Gottes nach allem Streit.
Seine Geduld nach aller Eile.
Nicht was wir sagen ist dabei Wichtig, sondern was wir hören.
Nicht was wir mitbringen, sondern was wir empfangen.

Denn das Gebet ist mehr als nur ein Sprechen.
Es ist ein Sein, ein Leben in Gott.
Es ist Bewahrung, Geborgenheit, und dann
- wenn es sich fügt -
auch ein Reden des Herzens oder des Geistes mit dem so nahen Gott.

Stille

Herr,
Du allein weißt, was dieser Tag wert war.
Ich habe vieles getan und vieles versäumt.
Ich habe vieles versucht und vieles nicht vollendet.
Ich habe aus Unglauben gehandelt und entschieden
und bin den Menschen viel Liebe schuldig geblieben.
Ich möchte allen vergeben, die mir Unrecht getan haben.
Ich möchte von allem Haß, allem Neid
Und aller Verachtung frei sein.
Vergib du auch mir alle meine Schuld.
Ob dieser Tag Frucht gebracht hat, weiß ich nicht.
Du allein siehst es.
Du allein kannst meine Mühe segnen.
Herr, ich kann dir nichts geben
zum Dank für diesen Tag,
als daß ich den Kommenden aus deiner Hand nehme.
Gib mir einen neuen Tag und verlaß mich nicht.
Herr, ich danke dir in dieser Abendstunde,
daß du mich heute behütet hast.
Behüte alle, denen ich heute begegnet bin,
gib das Licht deiner Liebe allen, die ich liebhabe,
und allen, deren Last ich tragen soll.
"Ich gehe zum Vater", hast du zu den Deinen gesagt.
Ich bitte dich, daß ich dir folgen darf.
Dein bin ich im Licht des Tages und im Dunkel der Nacht,
bis du mich heimrufst in deinen Frieden.
Amen


A. Walter
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Beitragvon maranatha » 24.08.2007, 22:02

Segen für den Tag

Am Abend

Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.
Bleibe bei uns und bei allen Menschen. Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem Wort und Sakrament, mit deinem Trost und deinem Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes.
Bleibe bei uns und allen deinen Kindern in Zeit und Ewigkeit.


(aus: Herr, bleibe bei uns – Segenswünsche & Gebete für jeden Tag des Lebens – Benno-Verlag)
Gott des Aufbruchs, sei mit mir unterwegs zu mir selbst, zu den Menschen, zu dir.
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Beitragvon Cemper » 24.08.2007, 22:09

Nochmal ein harter Text:

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also etwas später werde eintreten dürfen. "Es ist möglich", sagt der Türhüter, "jetzt aber nicht." Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: "Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen." Solche Schwierigkeiten hatte der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: "Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben." Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen, er vergisst die anderen Türhüter und dieser erste erscheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. "Was willst du denn jetzt noch wissen?" fragt der Türhüter, "du bist unersättlich." "Alle streben nach dem Gesetz", sagt der Mann, "wieso kommt es dann, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat.?" Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an:" Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn."

Franz Kafka

Schlafen Sie alle gut. Es segne und behüte uns Gott der Allmächtige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

C.
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Beitragvon Sesemi » 25.08.2007, 15:32

Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.


(Georg Trakl, zitiert nach http://delernen.de/personen/werke/georgtraklgedichte.html)
Das Normale, Wohlanständige und Liebenswürdige ist das Reich unserer Sehnsucht, ist das Leben in seiner verführerischen Banalität. (Tonio Kröger)
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Re: Abendgebet

Beitragvon orig.gabi » 19.11.2009, 17:20

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe ist,
der bleibt in Gott und Gott in ihm.
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Re: Abendgebet

Beitragvon johnnelsonjun » 19.11.2009, 20:20

Eine sehr orig.inelle Interpretation :mrgreen:
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Re: Abendgebet

Beitragvon a cappella » 20.11.2009, 16:50

... in der Tat.
Wobei die äolische Fassung durch das fehlende subsemitonium modi besonders archaisch wirkt.
Und interessant, wie es Rockmusiker schaffen, die einzige Dur-Strophe mit äußerst optimistischem Text bedrohlich klingen zu lassen. Ein Fest für jeden Lehrer, der demonstrieren möchte, dass die in unserem Kulturkreis übliche Zuordnung "dur - fröhlich" falsch ist. :mrgreen:

Liebe Grüße,
a c.
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Re: Abendgebet

Beitragvon Corinna » 12.02.2011, 19:07

Lebensworte

O wie freun wir uns der Stunde da wir dir Herr Jesu nahn, um aus deinem heilgen Munde Lebensworte zu empfahn
Laß uns heute nicht vergebens Hörer deines Wortes sein!
Schreibe selbst das Wort des Lebens tief in unsre Herzen ein.

Sie wir sitzen dir zu Füßen,großer Meister rede du!
Sieh wir hören deiner süßen Rede heilsbegierig zu.
Lehr uns, wie wir selig werden, lehr uns wie wir unsre Zeit, diese kurze Zeit auf Erden nützen für die Ewigkeit.

Gieß uns heute auch das Feuer deiner Liebe in das Herz,
dass wir an dir immer treuer hangen unter Freud und Schmerz.
Keine Last sei uns beschwerlich, die als Kreuz uns auferlegt!
Alles sei uns leicht entbehrlich, was mit dir sich nicht verträgt.

Nun so lege Licht und Liebe, Kraft und Feuer auf dein Wort!
Lass es mit lebendgen Triebe in uns wirken fort und fort.
Hilf uns, dass wir treu bewahren, was wir in das Herz gefasst,
und lass andre auch erfahren, das du Lebensworte hast.
Ohne Vollpfosten hätten wir nichts zu lachen. Also nimm dir Zeit und danke dem nächsten Pfosten dafür.
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Re: Abendgebet

Beitragvon exi » 12.02.2011, 19:16

wo werden solch schöne Lieder gesungen? wo sitzt der Meister? :roll:
Gruß vom Exi
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Re: Abendgebet

Beitragvon Corinna » 12.02.2011, 19:24

Das steht im neuen Gesangbuch der Neuapostolischen Kirche. Lied Nr. 118 b

Wo der Meister sitzt, weiß ich leider auch nicht. :roll:
Ohne Vollpfosten hätten wir nichts zu lachen. Also nimm dir Zeit und danke dem nächsten Pfosten dafür.
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Re: Abendgebet

Beitragvon exi » 12.02.2011, 19:28

aber dann hat ja der Text keinen Sinn und Wahrheitsgehalt... :roll: :cry: :cry:
und du singst ihn dennoch??
Gruß vom Exi
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Re: Abendgebet

Beitragvon Corinna » 12.02.2011, 19:39

Gesungen habe ich ihn noch nie.
Das Lied hat noch nie jemand ausgewählt.
Der Text erschien wohl allen merkwürdig.
Ohne Vollpfosten hätten wir nichts zu lachen. Also nimm dir Zeit und danke dem nächsten Pfosten dafür.
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Re: Abendgebet

Beitragvon exi » 12.02.2011, 19:52

ja sehr sehr sehr merkwürdig....
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