Ehrlich zu mir selbst ...

Selbstgedichtet und verfasst oder entdeckt

Beitragvon trinity » 31.08.2007, 06:24

Die tote Kirche
(Georg Trakl)



Auf dunklen Bänken sitzen sie gedrängt
Und heben die erloschnen Blicke auf
Zum Kreuz. Die Lichter schimmern wie verhängt,
Und trüb und wie verhängt das Wundenhaupt.
Der Weihrauch steigt aus güldenem Gefäß
Zur Höhe auf, hinsterbender Gesang
Verhaucht, und ungewiß und süß verdämmert
Wie heimgesucht der Raum. Der Priester schreitet
Vor den Altar; doch übt mit müdem Geist er
Die frommen Bräuche - ein jämmerlicher Spieler,
Vor schlechten Betern mit erstarrten Herzen,
In seelenlosem Spiel mit Brot und Wein.
Die Glocke klingt! Die Lichter flackern trüber -
Und bleicher, wie verhängt das Wundenhaupt!
Die Orgel rauscht! In toten Herzen schauert
Erinnerung auf! Ein blutend Schmerzensantlitz
Hüllt sich in Dunkelheit und die Verzweiflung
Starrt ihm aus vielen Augen nach ins Leere.
Und eine, die wie aller Stimmen klang,
Schluchzt auf - indes das Grauen wuchs im Raum,
Das Todesgrauen wuchs: Erbarme dich unser -
Herr!
trinity
 

Beitragvon trinity » 31.08.2007, 06:30

Ich glaube, dass uns nichts
so sehr in die Wirklichkeit verschlägt
wie eine wirkliche Liebe.



(Vincent van Gogh)
trinity
 

Beitragvon trinity » 31.08.2007, 07:10

Mondnacht

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt'.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.



(Joseph Freiherr von Eichendorff)


... wunderschön interpretiert von Barbara Streisand!
trinity
 

Beitragvon evah pirazzi » 31.08.2007, 07:15

Danke trinity,

ist auch vertont sehr schön!
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Beitragvon Vancouver » 31.08.2007, 14:38

Lieber Herr T.,

wenn Sie dieses Lied (und Liedgesang im allgemeinen) mögen, sollten Sie das hier hören: KLICK

Mit Schumanns "Mondnacht" daraus führe ich immer meine Anlage vor. :wink:

Diese EinzelCD gibts wohl nur noch teuer bei A.

Allerdings gibts 10 CD's mit Liedern satt von den beiden zum Spottpreis von ca. 20 EUR bei j., da ist die vorgenannte CD dann auch mit dabei. Siehe hier: KLICK

Auch Liedgesang ist natürlich Geschmackssache. Bevor Sie kaufen sollten Sie reinhören, ob Ihnen das Professoren-Ehepaar Höll-Shirai "liegt". Bei dem zweiten Link besteht ausgiebig Gelegenheit dazu.

VG,

V.
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Beitragvon trinity » 31.08.2007, 15:43

Werter Vancouver,

danke ... die Dame singt schön und trifft Herz und Ohr und Mandelkern ... der Herr kann gut begleiten und: schön, dass die beiden gemeinsam die Mondnacht geniessen können *zwinker* ...

Ich werde mal nachforschen, wie ich die beiden auf meine wohlklingende Anlage bekomme. Ob über j oder a oder sogar bei e. Ich berichte dann von meinem Streifzug ...

Gruss
Herr T


ps. Welche (Name, Klasse, Datum) Anlage führen Sie in Mondnächten vor?
trinity
 

Beitragvon Vancouver » 31.08.2007, 16:05

Lieber T.,

schön, daß ich Ihren Geschmack getroffen habe.

Hinsichtlich der "Anlage" die ich MIT Mondnacht, nicht IN einer Mondnacht vorführe, scheint möglicherweise ein Mißverständnis vorzuliegen. :wink:

Welche Art von Anlage möchten Sie mit (Name, Klasse, Datum) benannt haben?

Ich meinte vorausgehend "Stereoanlage". :wink:

V.
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Beitragvon trinity » 07.09.2007, 05:40

aus "WEISST DU SCHWARZT DU"
von Hans Arp


1

sie gehen ein quadrat
einen kreis
einen punkt
und drehen sich auf dem punkt
pünktlich halb um
und wieder halb um
und gehen weiter
und wollen nicht ausratten
auf der rattenmatte
auf der zwölftesten platte
und kürzen das kurze
und verlängern das lange
und verdünnen das dünne
und verdicken das dicke
und bleiben sich vis-à-vis
und ziehen sich mit schuhlöffeln eisblumen an
sie mauern wolken lebendig ein
sie rollen wasserballen auf
und fegen sie
sie picken die schindeln von den linien
und gackern dazu gack gack gack
dass es allen gewellen ist
und ohne grund unter dem unter spricht
wie wir nach der uhr


2

ist dies diesseits
ist jenes jenseits

was hier ist scheucht sich auf wenn es sich setzen will
was dort ist staffelt sich auf zu dem grossen rand
zu der beiderseitig befiederten seele

ist dies diesseits
ist jenes jenseits

das vorderteil geht vorne hinaus
das hinterteil geht hinten hinaus
und die mitte bleibt stehen
doch bevor die mitte sich vorstellt
leert sich das wasser
und füllt sich die flasche
die hand hält das maul zu
denn was gesprochen ist bekommt blut und sagt du
aus den hemden hängen die erzschenkel
und berühren die armeen
den fruchtbaren jahren stehen die haare zu berg
aber das wasser bleibt leer
trinity
 

Beitragvon trinity » 20.09.2007, 04:52

PSALM
(Aus: Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit)


1

Schweigt mit mir, wie alle Glocken schweigen!

In der Nachgeburt der Schrecken
sucht das Geschmeiß nach neuer Nahrung.
Zur Ansicht hängt karfreitags eine Hand
am Firmament, zwei Finger fehlen ihr,
sie kann nicht schwören, daß alles,
alles nicht gewesen sei und nichts
sein wird. Sie taucht ins Wolkenrot,
entrückt die neuen Mörder
und geht frei.

Nachts auf dieser Erde
in Fenster greifen, die Linnen zurückschlagen,
daß der Kranken Heimlichkeit bloßliegt,
ein Geschwür voll Nahrung, unendliche Schmerzen
für jeden Geschmack.

Die Metzger halten, behandschuht,
den Atem der Entblößten an,
der Mond in der Tür fällt zu Boden,
laß die Scherben liegen, den Henkel ...

Alles war gerichtet für die letzte Ölung.
(Das Sakrament kann nicht vollzogen werden.)


2

Wie eitel alles ist.
Wälze eine Stadt heran,
erhebe dich aus dem Staub dieser Stadt,
übernimm ein Amt
und verstelle dich,
um der Bloßstellung zu entgehen.

Löse die Versprechen ein
vor einem blinden Spiegel in der Luft,
vor einer verschlossenen Tür im Wind.

Unbegangen sind die Wege auf der Steilwand des Himmels.


3

O Augen, an dem Sonnenspeicher Erde verbrannt,
mit der Regenlast aller Augen beladen,
und jetzt versponnen, verwebt
von den tragischen Spinnen
der Gegenwart ...


4

In die Mulde meiner Stummheit
leg ein Wort
und zieh Wälder groß zu beiden Seiten,
daß mein Mund
ganz im Schatten liegt.





trinity
 

Beitragvon trinity » 21.09.2007, 20:28

Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können

tief ausatmen
so dass man wieder
einatmen kann

Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte

Und weinen können

das wäre schon
fast wieder
Glück



(Erich Fried)
trinity
 

Beitragvon Tatyana † » 21.09.2007, 20:30

Wow...
''If you have never been called a defiant, incorrigible, impossible woman… have faith… there is yet time." (C.P. Estes)
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Beitragvon trinity » 21.09.2007, 20:34

Von der Liebe
(Khalil Gibran)


Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr,
sind ihre Wege auch schwer und steil.

Und wenn ihre Flügel dich umhüllen,
gib dich ihr hin,

Auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert
dich verwunden kann.

Und wenn sie zu dir spricht,
glaube an sie,

auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann
wie der Nordwind den Garten verwüstet.

Denn so, wie die Liebe dich krönt,
kreuzigt sie dich.

So wie sie dich wachsen lässt,
beschneidet sie dich.

So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen
und die zartesten Zweige liebkost,
die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln
und erschüttert sie in Ihrer Erdgebundenheit

.

Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich,
um dich nackt zu machen.

Sie siebt dich,
um dich von deiner Spreu zu befreien.

Sie mahlt dich, bis du weiß bist.
Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist;

Und dann weiht sie dich ihrem heiligem Feuer,
damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.


All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.

Aber wenn du in deiner Angst
nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,
dann ist es besser für dich,
deine Nacktheit zu bedecken
und vom Dreschboden der Liebe zu gehen.

In der Welt ohne Jahreszeiten,
wo du lachen wirst,
aber nicht dein ganzes Lachen, und weinen, aber nicht all deine Tränen.

Liebe gibt nichts als sich selbst
und nimmt nichts als von sich selbst.

Liebe besitzt nicht,
noch läßt sie sich besitzen;

Denn die Liebe genügt der Liebe.

Und glaube nicht,
du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält,
lenkt deinen Lauf.

Liebe hat keinen anderen Wunsch,
als sich zu erfüllen.

trinity
 

Beitragvon trinity » 24.09.2007, 08:28

HO'OPONOPONO
(Joe Vitale/übersetzt von Gregor Geißmann)


Vor zwei Jahren hörte ich von einem Therapeuten aus Hawai, der eine
komplette Krankenstation mit geisteskranken kriminellen Patienten heilte -
ohne jemals einen von ihnen gesehen zu haben. Der Psychologe studierte die
Akte des Insassen und schaute nach innen, um festzustellen, wie er die
Krankheit der Person gemacht hatte. Indem er sich selbst heilte, heilte er
den Patienten.

Als ich zum ersten Mal von der Geschichte hörte, glaubte ich an eine
Stadtlegende. Wie kann jemand einen anderen Menschen heilen, indem er sich
selbst heilt? Wie kann selbst der beste Meister in Selbstfindung kriminelle
Geisteskranke heilen? Es machte keinen Sinn. Es war nicht logisch und ich
vergaß die Geschichte.

Aber ein Jahr später hörte ich erneut davon. Ich hörte, dass der Therapeut
einen hawaianischen Heilungsprozess mit Namen ho 'oponopono nutzte. Ich
hatte noch nie davon gehört, aber es ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Sollte die Geschichte wahr sein, musste ich mehr darüber erfahren. Ich hatte
es immer so verstanden, dass "Vollkommene Verantwortung" sich auf das
bezieht, was ich denke und tue. Ich glaube, die meisten Menschen verstehen
das so. Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, und nicht für das, was
andere tun - aber das ist falsch.

Der hawaianische Therapeut heißt Dr. Ihaleakala Hew Len. Wir sprachen eine
Stunde bei unserem ersten Gespräch am Telefon und ich bat ihn, mir die
vollständige Geschichte zu erzählen. Er erläuterte, dass er vier Jahre lang
am Hawaii State Hospital arbeitete.

Die Abteilung mit den geisteskranken Kriminellen war gefährlich. Psychologen
kündigten nahezu jeden Monat. Das Personal meldete sich oft krank oder
kündigten einfach. Die Leute gingen durch die Abteilung mit der Wand im
Rücken, weil sie Angst hatten, von den Patienten angegriffen zu werden. Es
war kein schöner Ort zum Leben, Arbeiten oder zu Besuch.

Dr. Len erzählte mir, dass er niemals Patienten sah. Er war damit
einverstanden, dass er ein Büro bekam und sich die Akten ansah. Während der
Akteneinsicht arbeitete er an sich selbst. Und während er an sich selbst
arbeitete, begann die Heilung bei den Patienten.

"Nach einigen Monaten hatten Patienten, die sonst eingeschlossen werden
mussten, Freigang", erzählte er mir. "Andere, die unter starker Medikation
standen, wurden von den Medikamenten abgesetzt. Und die, die keine Aussicht
auf Freilassung hatten, wurden freigelassen". Nicht nur das, auch das
Personal kam nun langsam gerne zur Arbeit.

"Abwesenheiten und Stellenwechsel verschwanden. Am Ende hatten wir mehr
Personal als notwendig, da die Patienten entlassen wurden und das gesamte
Personal zur Arbeit erschien. Heute ist die Abteilung geschlossen."

An dieser Stelle fragte ich die Eine-Million-Dollar-Frage: "Wie haben Sie an
sich gearbeitet, dass die Leute geheilt wurden?"

"Ich habe einfach den Teil von mir geheilt, der sie geschaffen hat", sagte
er. Ich verstand ihn nicht. Dr. Len erklärte mir, dass vollkommene
Verantwortung für mein Leben heißt, dass alles in meinem Leben - einfach,
weil es mein Leben ist - meine Verantwortung ist. Im wörtlichen Sinne ist
die gesamte Welt meine Schöpfung.

Die Wahrheit ist: wenn du die vollkommene Verantwortung für dein Leben
übernimmst, dann ist alles, was du siehst, hörst, schmeckst, berührst oder
auf irgend eine Art erfährst, deine Verantwortung, weil es dein Leben ist.
Das bedeutet, dass Terrorismus, der Präsident, die Wirtschaft und alles, was
du erfährst oder nicht magst - deine Angelegenheit ist zu heilen. All das
existiert nicht, außer als Projektion aus dem Inneren. Das Problem ist nicht
außen, es ist dein Problem, und um es zu ändern, musst du dich selbst
ändern.

Ich fragte Dr. Len wie er sich selbst heilte. Was tat er genau, wenn er sich
die Patientenakten anschaute?

"Ich habe einfach immer wieder gesagt "Es tut mir leid" und "Ich liebe
dich"
, wieder und wieder", sagte er.

"Das ist alles?"

"Das ist alles."
trinity
 

Beitragvon solange » 25.09.2007, 21:47

Danke Trinity,


für diesen Text. Das ist eine sehr schöne Beschreibung eines Menschen, der in Jesu Wesen hineinwächst.

Ich kann das nachvollziehen, weil ich schon ähnliche Erlebnisse hatte - allerdings, ohne dass ich hätte wissen können, ob es auf die andere Person Einfluss hatte (die lebte entweder nicht mehr oder sie gehörte nicht zu meinem engen Kreis).

Letzte Woche war ich in einer Gruppe von Menschen, aus der eine Person ausgeschlossen werden sollte per Abstimmung.
Sie hatte sich öfter daneben benommen und war zum Feindbild mehrerer Mitglieder geworden.
Die Mehrheit stimmte für ein Jahr Ausschluss. Ich stimmte als einzige dagegen. Immer wenn ich sie traf, benahm sich diese Person normal.

Das nur mal so zum Nachdenken...
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