Ehrlich zu mir selbst ...

Selbstgedichtet und verfasst oder entdeckt

Ehrlich zu mir selbst ...

Beitragvon trinity » 02.09.2006, 07:08

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch, verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

Und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube
und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden

Hilde Domin
trinity
 

Beitragvon trinity » 02.09.2006, 07:11

Alle, welche dich suchen


Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, so dich finden, binden dich
an Bild und Gebärde.

Ich aber will dich begreifen
wie dich die Erde begreift;
mit meinem Reifen
reift
dein Reich.

Ich will von dir keine Eitelkeit,
die dich beweist.
Ich weiß, dass die Zeit
anders heißt
als du.

Tu mir kein Wunder zulieb.
Gib deinen Gesetzen recht,
die von Geschlecht zu Geschlecht
sichbarer sind.

Rainer Maria Rilke
trinity
 

Beitragvon trinity » 04.09.2006, 07:14

Meine Liebe floß in dein Martyrium
durchbrach den Tod
Wir leben in der Auferstehung -


(Nelly Sachs)
trinity
 

Beitragvon Cleopatra » 04.09.2006, 13:33

Ein Liebesbrief von Gott und noch einiges mehr: :wink:

http://www.e-water.de/index_de.php
Jedes Phänomen, das uns bewusst wird, ist stets eine Manifestation des Geistes. [Buddha Shakyamuni, Surangama Sutra, ca. 500 v. Chr.]
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"Du bist, was du denkst!"
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Namaste
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Beitragvon trinity » 14.09.2006, 05:12

ZWISCHEN
deinen Augenbrauen
steht deine Herkunft
eine Chiffre
aus der Vergessenheit des Sandes.

Du hast das Meerzeichen
hingebogen
verrenkt
im Schraubstock der Sehnsucht.

Du säst dich mit allen Sekundenkörnern
in das Unerhörte.

Die Auferstehungen
deiner unsichtbaren Frühlinge
sind in Tränen gebadet.

Der Himmel übt an dir
Zerbrechen.

Du bist in der Gnade.


(Nelly Sachs)
trinity
 

Beitragvon trinity » 14.09.2006, 05:17

Für ein Kind

Ich habe gebetet. So nimm von der Sonne und geh.
Die Bäume werden belaubt sein.
Ich habe den Blüten gesagt, sie mögen dich schmücken.

Kommst du zum Strom, da wartet ein Fährmann.
Zur Nacht läutet sein Herz übers Wasser.
Sein Boot hat goldene Planken, das trägt dich.

Die Ufer werden bewohnt sein.
Ich habe den Menschen gesagt, sie mögen dich lieben.
Es wird dir einer begegnen, der hat mich gehört.

(G.B.Fuchs)
trinity
 

Beitragvon trinity » 14.09.2006, 05:24

Noch bist du da
Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

(Rose Ausländer)
trinity
 

Beitragvon trinity » 14.09.2006, 06:01

Der gewöhnliche Tiefsinn
(nach Xenia Nekrassowa, "Die Sonne")


Verstreut über die Wiesen meiner Kindheit:
bescheidenes Nicken von Himmelsgenossen, Flotten von
Gänseblumen, Kirschblütenschnee.

Windverwittert damals schon: das welke Augenpaar der Hände. nur
weil es Unnahbarkeit gibt, gibt es das Wort.

In Höhe meiner Stirn: schwebende Gärten, gegrenzt von
Tabernakelzäunen. weit und breit Gebete, Witterlaute,
goldstinkender Erdunrat.

Meine Kleidung damals war Entblößung.

(Christian Ide Hintze)
trinity
 

Beitragvon trinity » 14.09.2006, 06:02

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte
und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen:

Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken
bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

(Rainer Maria Rilke)
trinity
 

Beitragvon trinity » 14.09.2006, 06:04

Worauf warten wir.
Jahr um Jahr.
Tag für Tag.
Heute. Jetzt

Oder warten
wir auf nichts.

Kennen wir den
Der kommen wird
Oder den
Der wiederkommt
Oder den
Der immer da war.

Oder wartet er
auf uns?

(Arnim Juhre)
trinity
 

Beitragvon Jesse » 14.09.2006, 13:35

Dieser kleine lyrische Ausflug war wirklich einmalig schön. Vielen Dank Trinity und Kleopatra.
Jesse
 

Beitragvon trinity » 24.10.2006, 20:14

Gebet


Oh Gott, ich bin voll Traurigkeit...
Nimm mein Herz in deine Hände -
Bis der Abend geht zu Ende
In steter Wiederkehr der Zeit.

Oh Gott, ich bin so müd, o, Gott,
Der Wolkenmann und seine Frau
Sie spielen mit mir himmelblau
Im Sommer immer, lieber Gott.

Und glaube unserm Monde, Gott,
Denn er umhüllte mich mit Schein,
Als hilflos noch und klein,
- Ein Flämmchen Seele.

Oh, Gott und ist sie auch voll Fehle -
Nimm sie still in deine Hände...
Damit sie leuchtend in dir ende.


(Else Lasker-Schüler)
trinity
 

Beitragvon trinity » 12.11.2006, 06:17

Befreiung


Es dauerte eine Nacht,
Israel aus Ägypten zu bringen.

Aber es dauerte vierzig Jahre,
Ägypten aus Israel heraus zu bringen.
trinity
 

Beitragvon trinity » 21.11.2006, 06:32

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da musst du wissen, dass dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,
dann schafft er drin.



Rainer Maria Rilke
trinity
 

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