Schöne alte Gedichte

Selbstgedichtet und verfasst oder entdeckt

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Vergangenheit » 06.05.2009, 21:54

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen,
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder!
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen!
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach, und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein!
Nein, nicht länger
Kann ichs lassen:
Will ihn fassen!
Das ist Tücke!
Ach! Nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!
Willst's am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten!
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!
Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
Wirds im Saal und auf den Stufen:
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister, hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.
"In die Ecke,
Besen! Besen!
Seids gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister."
Vergangenheit
 
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Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Guido » 08.05.2009, 20:05

Immer mutig vorwärts, was auch kommen mag.
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Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Guido » 05.06.2009, 18:45

Der Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!

Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
kann ichs lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Mine! welche Blicke!

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.

Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

"In die Ecke,
Besen, Besen!
Seids gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu diesem Zwecke,
erst hervor der alte Meister."

Johann Wolfgang von Goethe
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Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Uli » 08.06.2009, 07:38

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

- Heinrich Heine -
Uli
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon bundschuh » 08.06.2009, 08:25

Es wandelt, was wir schauen

Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb es doch auf Erden,
Wer hielt' den Jammer aus,
Wer möcht geboren werden,
Hieltst du nicht droben Haus!

Du bist's, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Dass wir den Himmel schauen –
Darum so klag ich nicht.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff
bundschuh
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon bundschuh » 08.06.2009, 09:15

Stunden, Tage, Ewigkeiten

Stunden, Tage, Ewigkeiten
Sind es, die wie Schnecken gleiten;
Diese grauen Riesenschnecken
Ihre Hörner weit ausrecken.

Manchmal in der öden Leere,
Manchmal in dem Nebelmeere
Strahlt ein Licht, das süß und golden,
Wie die Augen meiner Holden.

Doch im selben Nu zerstäubet
Diese Wonne, und mir bleibet
Das Bewußtsein nur, das schwere,
Meiner schrecklichen Misere.

Heinrich Heine
bundschuh
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Uli » 08.06.2009, 09:40

In die Kirche ging ich morgens,
um Komödien zu schauen,
abends ins Theater, um mich
an der Predigt zu erbauen.

- Heinrich Heine -
Uli
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Jesse » 08.06.2009, 10:04

Mein Liebling....
Heinrich Heine

http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine
Jesse
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Uli » 08.06.2009, 10:26

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

:!:
Uli
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon bundschuh » 08.06.2009, 10:45

Der lachende Gott.

Mir nicht! daß ich solte machen,
Daß Gott meiner müsse lachen;
Dann sein lachen wil erwecken
Zornig reden, grimmig schrecken.

Friedrich Logau

(Aus der Sammlung Sinngedichte.
Salomons von Golaw Deutscher Sinn-Getichte
1. Tausend. Desz 1. Tausend 7. Hundert)


:!:
bundschuh
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Uli » 08.06.2009, 10:55

"In dunklen Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; er kennt dann die Wege und Stege besser als ein Sehender. Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen."

- Heinrich Heine -
Uli
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon bundschuh » 08.06.2009, 10:58

Die Strafgerichte Gottes

Gott ist die Liebe selbst, und seine Menschenhuld
Ist reich an schonender Geduld.
Doch wann die Erde sich empöret,
Und allen Lastern dienstbar fröhnt,
Entbrennt sein Eifer, und verzehret
Den Sünder, der ihn höhnt.

Die furchtbarn Plagen stehn auf seinen Wink bereit,
Zum Dienste der Gerechtigkeit:
Der Krieg im blutigen Gewande
Geht würgend aus auf sein Geboth:
Die Pest fliegt über ganze Lande,
Begleitet von dem Tod.

Es zittert die Natur, wann sich der Höchste regt:
Die Erde bebt und wird bewegt,
Wenn auf den Fittigen der Winde
Gott unter schwarzen Wolken geht,
Und eines ganzen Volkes Sünde
Vor seinem Antlitz steht.

Ein Ungewitter braust, mit ungestümem Lauf,
Auch über uns vom Herrn herauf!
Gott Zebaoth will uns vernichten!
Doch laßt uns ihm entgegen gehn,
Und seinen drohenden Gerichten
Durch Buße widerstehn!

O schone, schone noch! Vertilg uns nicht, als Feind,
Gott, unser Schöpfer, unser Freund!
Du dürstest nicht nach unserm Blute:
Nimmt aber Bosheit überhand,
So besserst du mit schärfrer Ruthe
Ein ungehorsam Land.

So ruchlos ist die Welt, als herrschte Gott nicht hier!
Ihr Sünder, soll er seyn, wie ihr,
Und schweigen, da die Unschuld schreyet,
Und ihr den Armen unterdrückt,
Der Unzucht euch zu Sklaven weihet,
Und euch mit Schande schmückt?

Der Allerheiligste, den ganze Rotten schmähn,
Soll eure Gräuel schweigend sehn,
Wann ihr das Recht um Geld verhandelt,
Euch mit der Wittwen Erndte speist;
Wann jeder Frevel nackend wandelt,
Und nicht mehr Frevel heißt?

Erwartet ihr von Gott, in ganz verderbter Zeit,
Nur Güte, nicht Gerechtigkeit?
Die Erde soll sein Lob verkünden;
Er offenbart sich durch die Welt:
Ihr aber habt, mit schwarzen Sünden,
Der Schöpfung Reiz entstellt!

Entwaffnet seinen Grimm! Der Bogen liegt gespannt,
In seiner aufgehobnen Hand.
Bald holt er, mit entflammten Pfeilen,
Euch auf dem Wege Sodoms ein:
Dann werdet ihr um Hülfe heulen,
Und wird kein Helfer seyn.

Johann Peter Uz
bundschuh
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon Uli » 08.06.2009, 11:21

"Unsere Brust ist voll von entsetzlichem Mitleid,
es ist der alte Jehova selber, der sich zum Tode bereitet.
Wir haben ihn so gut gekannt, von seiner Wiege an,
in Ägypten, als er unter göttlichen Kälbern, Krokodilen,
heiligen Zwiebeln, Ibissen und Katzen erzogen wurde.
Wir haben ihn gesehen, wie er diesen Gespielen
seiner Kindheit und den Obelisken und Sphinxen
seines heimatlichen Niltals ade sagte und in Palästina,
bei einem armen Hirtenvölkchen, ein kleiner Gottkönig
wurde und in einem eigenen Tempelpalast wohnte.
Wir sahen ihn späterhin, wie er mit der assyrisch-
babylonischen Zivilisation in Berührung kam und seine
allzu menschlichen Leidenschaften ablegte, nicht mehr
lauter Zorn und Rache spie, wenigstens nicht mehr
wegen jeder Lumperei gleich donnerte. Wir sahen ihn
auswandern nach Rom, der Hauptstadt, wo er aller
Nationalvorurteile entsagte und die himmlische Gleichheit
aller Völker proklamierte und mit solchen schönen Phrasen
gegen den alten Jupiter Opposition bildete und so lange
intrigierte, bis er zur Herrschaft gelangte und vom Kapitole
herab die Stadt und die Welt, urbem et orbem, regierte.
Wir sahen, wie er sich noch mehr vergeistigte, wie er sanftselig
wimmerte, wie er ein liebevoller Vater wurde, ein allgemeiner
Menschenfreund, ein Weltbeglücker, ein Philanthrop -
es konnte ihm alles nichts helfen! Hört ihr das Glöckchen klingeln?
Kniet nieder - man bringt die Sakramente einem sterbenden Gotte."

- Heinrich Heine -
Uli
 

Re: Schöne alte Gedichte

Beitragvon bundschuh » 08.06.2009, 11:30

Die Seele

Ein unendliches Meer, das die Welten umfließt,
Die Welten umfließt und sie umschließt,
Ist die Seele des Herrn.
Ein unendliches Meer, von niemand gesehn, doch es sieht,
Durch dessen Fluten strahlend die Sonne zieht
Und Mond und Stern.

Einen Tropfen des Meers, ihr Menschen bedenkt,
Einen Tropfen hat er in euch versenkt,
Der unsichtbar sieht:
Einen Tropfen, darin die Seele des Ewigen lebt,
Drin der Abglanz des Monds und der ewigen Sterne schwebt
Und die Sonne zieht.

Seele des Menschen, fühlst du rings um dich her
Der Unendlichkeit Strom, fühlst du der Ewigkeit Meer,
Das dich umspült?
Schließ die Lider, o Mensch, und lobsinge:
Heil mir, Meine Seele, o Herr, ist ein Tropfen von dir,
Der die Ewigkeit fühlt!


Hugo Salus . 1866 - 1929
bundschuh
 

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