Alles hat seine Zeit

Selbstgedichtet und verfasst oder entdeckt

Beitragvon hini » 13.02.2006, 20:50

Gibt es ein Leben nach der Geburt?
Im Bauch einer schwangeren Frau waren einmal eineiige Zwillinge. Obwohl sie einander vollkommen glichen, war ihre Einstellung sehr unterschiedlich: Der eine war eher skeptisch eingestellt, der andere gläubig. Oder vielleicht eher realistisch? Hört hin, was sie so diskutieren:


Der kleine Skeptiker fragt:
Glaubst Du immer noch an ein Leben nach der Geburt?

Der kleine Gläubige:
Ja, klar, das gibt es. Unser Leben hier ist nur dazu gedacht, dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten, damit wir dann stark genug sind für das, was und erwartet.

Der kleine Skeptiker:
Blödsinn, das gibt's doch nicht. Wie soll denn das überhaupt aussehen ein Leben nach der Geburt?

Der kleine Gläubige:
Das weiß ich auch nicht so genau. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen.

Der kleine Skeptiker:
So ein Quatsch! Herumlaufen, das geht doch gar nicht. Und mit dem Mund essen, so eine komische Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Außerdem geht das gar nicht, dass es ein Leben nach der Geburt gibt, weil die Nabelschnur schon jetzt viel zu kurz ist.

Der kleine Gläubige:
Doch, es geht bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders.

Der kleine Skeptiker:
Es ist noch nie einer zurückgekommen von nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Und das Leben ist eine einzige Quälerei. Und dunkel.

Der kleine Gläubige:
Auch wenn ich nicht so genau weis, wie das Leben nach der Geburt aussieht, jedenfalls werden wir dann unsere Mutter sehen und sie wird für uns sorgen.

Der kleine Skeptiker:
Mutter?!? Du glaubst an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?

Der kleine Gläubige:
Na hier, überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein.

Der kleine Skeptiker:
Quatsch! Von einer Mutter habe ich ja noch nie was gemerkt, also gibt es sie auch nicht.

Der kleine Gläubige:
Manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt. Ich glaube auf jeden Fall, dass unser eigentliches Leben erst dann beginnt!
hini
 

Beitragvon orig.gabi » 01.03.2006, 19:24

Hör dir das an

Hör dir das an, Gott, ich will heute
mit dem Auto unterwegs sein, morgen
schließ ich den Kaufvertrag ab, das
neue Haus wird in zehn Monaten
stehn, dann ziehen wir ein, machen das
dritte Kind, schicken das erste zur
Schule, das Geschäft wird vergrößert, den
Kompagnon schmeiße ich raus, kaufe das
restliche Aktienpaket, übernehme den
Vorsitz in der Waschmittelgesellschaft,
wechsle die Freundin, der Bungalow im
Tessin ist fällig, die Gören springen
mir von der Tasche, die Frau hat eine
Operation, ich bin Generaldirektor,
vielleicht Prostata, gut, wird repariert,
man ist sechzig, Konzern gesund, rapide
wächst das Grundkapital, glänzende
Aussichten für die nächsten zehn Jahre,
was sag ich, für zwanzig – hör dir das an,
Gott, und komme mir nicht dazwischen.

Rudolf Otto Wiemer (1905–1998)
Gott ist Liebe, und wer in der Liebe ist,
der bleibt in Gott und Gott in ihm.
1.Johannes, 4,16
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Beitragvon tergram » 11.03.2006, 17:53

RUDOLF OTTO WIEMER

Zeitsätze

Als wir sechs waren, hatten wir Masern.
Als wir vierzehn waren, hatten wir Krieg.
Als wir zwanzig waren, hatten wir Liebeskummer.
Als wir dreißig waren, hatten wir Kinder.
Als wir dreiunddreißig waren, hatten wir Adolf.
Als wir vierzig waren, hatten wir Feindeinflüge.
Als wir fünfundvierzig waren, hatten wir Schutt.
Als wir achtundvierzig waren, hatten wir Kopfgeld.
Als wir fünfzig waren, hatten wir Oberwasser.
Als wir neunundfünfzig waren, hatten wir Wohlstand.
Als wir sechzig waren, hatten wir Gallensteine.
Als wir siebzig waren, hatten wir gelebt.
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Beitragvon WGW » 11.03.2006, 22:22

Ich wünsche dir Zeit ...

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit, nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedensein können.

Ich wünsche dir Zeit, nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche dir, sie möge dir übrigbleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf die Uhr zu schaun.

Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!

(Elli Micheler)
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Beitragvon evah pirazzi » 16.09.2007, 16:39

Es ist wieder September


Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten reif zu sein
gib Ihnen noch zwei südlichere Tage
dräng sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Rilke, Rainer Maria (1875-1926)
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Beitragvon Zwischenruf » 17.09.2007, 17:38

Herbstlied

Der Sommer geht vorbei,
und all’ seine Lieder
legen sich bis zum Mai
zum Sterben nieder.
Der Sommer geht vorüber,
mit ihm ein Fetzen Leben,
die Tage merklich trüber,
das Herz schlägt leicht daneben.

Der Sommer geht vorbei,
und mit ihm stirbt mein Sehnen.
Die letzte Liebelei,
die Lügen und die Tränen.
Der Sommer geht dahin,
Die Frage wird zur Qual:
Wer weiss, ob ich noch bin
beim nächsten Mal…

Der Sommer geht vorbei,
doch dieses Sterben
wird bald, wie nebenbei,
ein Blühen werden.


(Konstantin Wecker)
Auch und gerade in dem , was uns aufgrund unserer tiefsten Glaubensüberzeugung voneinander unterscheidet, müssen wir uns gegenseitig respektieren und lieben. (Papst Benedikt XVI.)
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Beitragvon evah pirazzi » 18.09.2007, 07:21

- Alles im Grünen Bereich -

Man hält das Glück viel zu oft für unvergänglich,
und der Verstand ist für die Wahrheit nicht empfänglich:
Das Glück ist keineswegs normal, und selbstverständlich
ist alles Irdische letztendlich ziemlich endlich.
Doch wird mir erst später klar, wie schön es vorher war,
dann kann ich mir doch nix mehr dafür kaufen!
Man muß sein Glück sofort erkennen
und es auch beim Namen nennen:
Bis jetzt ist alles tierisch gut gelaufen!

Hier und jetzt hab ich dich,
und es ist alles im grünen Bereich.
Weil ich weiß, daß sich das ändern kann,
sag ich dir lieber gleich:
du bist für mich die absolute,
im Grund viel zu gute,
Nummer eins in meiner Hitparade.
Wirst du mich in fernen Tagen
mal zum Teufel jagen,
dann könnt' ich dir nur sagen:
Das wär wirklich schade!

Vielleicht häng' ich schon morgen in der Klinik am Tropf,
vielleicht fällt mir auch einfach plötzlich ein Klavier auf den Kopf...
Eines Tages schlägt die Pumpe nicht mehr,
das kann passier'n im Straßen- und bei jedem sonstigen Verkehr
Du bist schon lang an meiner Seite,
vielleicht suchst du bald das Weite,
und weil mich dann der Katzenjammer auffrißt,
will ich die Chance nicht verpassen
und dich jetzt schon wissen lassen:
Du bist das Beste, was mir je passiert ist.

Hier und jetzt hab ich dich,
und es ist alles im grünen Bereich.
Weil ich weiß, daß sich das ändern kann,
sag ich dir lieber gleich:
du bist für mich die absolute,
im Grund viel zu gute,
Nummer eins in meiner Hitparade.
Wirst du mich in fernen Tagen
mal zum Teufel jagen,
dann könnt' ich dir nur sagen:
Das wär wirklich schade!

(Wise Guys)
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Beitragvon tosamasi » 18.09.2007, 08:09

Die Spur der Zeit

Die Spur der Zeit verweht ganz sanft im Wind
und viele unerfüllte Träume sind
hinein gewoben in das Tuch der Einsamkeit

Der Weg war kurz und schien doch oft so weit
Im zitternd zagen Morgenlicht
mied er das Glück, die stille Freude nicht

Kein Trost wenn Rauhreif hart die Herzen eist
die Plätze alle Lieben sind verwaist
und nirgendwo glimmt zarter Hoffnung Geist

Die letzten Tränen sind schon längst geweint
und alle Wünsche liegen in der Gruft
Ein schlimmer Abgrund, diese kalte Kluft
die alle Endlichkeit vereint

Die Spur der Zeit verweht ganz sanft im Wind
und nicht nur unerfüllte Träume sind
hinein gewoben in das Tuch der Zeitlichkeit

© tosamasi
Zuletzt geändert von tosamasi am 21.09.2008, 13:02, insgesamt 1-mal geändert.
Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden
(Hermann Hesse)
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Beitragvon tosamasi » 18.09.2007, 09:01

Herbst

Angstschweiß bewässert die Nacht
Es lebte der heiße Atem
zu kurz im kalten Wind

Vorbei

Herbstfrucht verwese im Moos
verborgen dem flüchtigen Blick
Zerreiße das zarte Gespinst

Endlich

Wahrheit entlarvte den Trug
Entzaubert die Melancholie
Bestrahlt das erblindete Glück


© tosamasi
Zuletzt geändert von tosamasi am 21.09.2008, 13:03, insgesamt 1-mal geändert.
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(Hermann Hesse)
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Beitragvon evah pirazzi » 19.09.2007, 19:08

Herbstmelancholie


"Kennst du das auch?"


Kennst du das auch, daß manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehen mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf,
wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt- Kennst du das auch?

(Hermann Hesse)
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Beitragvon August Prolle » 20.09.2007, 01:26

    tergram hat am 19.09.2007, 22:44 hier Folgendes geschrieben:

    shalom,

    die GK-Farm der Tiere ist etwas Besonderes...

    Manchmal bin ich überrascht, welche Tierchen unser Gott so in seinem Zoo hat. Es muss ein toleranter Gott sein. Das - unter anderem - unterscheidet ihn von uns.

    Stellen sie bitte die tierisch guten Elchtexte wieder ein. Und notfalls eben immer wieder.

    Falls sie Nägel brauchen, um ungebetene Texte an Forumstüren zu nageln - kurzer Zuruf genügt.

    Ich wünschte, ich könnte über die Angelegenheit lachen.


ALLES HAT SEINE ZEIT


Auch der oben zitierte Beitrag hatte sie: Sie betrug etwa eine Stunde.

„Alles hat seine Zeit.“ Gilt dieses Zitat biblischer Weisheitslehre universell?
Hat auch die Weisheit selbst „ihre Zeit“? Ist diese möglicherweise bereits abgelaufen?

Soviel erscheint gewiss: Es bleibet nicht so. Schließlich steht geschrieben: „Es soll hinfort keine Zeit mehr sein“ (Off 10,6). Und wenn keine Zeit mehr sein wird, dann wird eben nichts mehr „seine Zeit“ haben. Auch das Verschieben von Beiträgen nicht.

Bis dahin gilt auf der „Farm der Tiere“ eine Regel, die Orwell als „7. Gebot“ so formuliert hat:
    Alle Tiere sind gleich. Aber einige Tiere sind gleicher.
Es darf gelacht werden.


Bekanntlich gibt es in diesem Forum verschiedene „Ebenen“ der Kommunikationsqualität. Weitgehend unbekannt war bislang die Existenz einer „schiefen Ebene“, von der alles Geschriebene direkt auf den Komposthaufen rutscht.

Wahrscheinlich will man auf diese Weise die Bildung einer fruchtbaren Humusschicht befördern. Dafür immerhin taugt der Dung der Elche... Die Forumgärtner werden schon wissen, was sie tun. Sie wollen nur unser Bestes...

Hier sollte besser nicht gelacht werden.

Auch Lachen hat seine Zeit.
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Beitragvon katze » 20.09.2007, 06:34

Tierlein, Tierlein laufen im Galopp,
laufen im Forum hopp, hopp, hopp,
laufen in den Stall (verschiedene Ebenen) hinein,
denn es wird bald abend sein.

Tierlein schlafen ruhig ein,
träumen von dem Sonnenschein (Forum fein).
Tierlein wachen wieder auf...

Nur, manche Tiere sehen vor lauter Scheuklappen nichts mehr..., hoffentlich kommt die Zeit, wo sie abgenommen werden...
katze
 

Beitragvon tergram » 20.09.2007, 07:52

Der Zeit voraus

Ein welkes Sommerblatt
sinkt herab
schreibt mit dem Raschelstift
Hilferufe
auf den heißen Asphalt.

Es wird sich aufreiben
wie alle
die ihrer Zeit voraus sind.

R. Höpfner 2001
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Beitragvon tosamasi » 20.09.2007, 08:16

Pst

Die Blätter
wispern
beschrieben
und unbeschrieben
schwarz und rot
von den Dingen

Die weißen
Weisen
erwarten
hochmütig
ein Urteil

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Zuletzt geändert von tosamasi am 21.09.2008, 13:03, insgesamt 2-mal geändert.
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