"Unsere gefährdeten Werte"

u.a. Diskussion der Idee eine Basisorganisation in der NAK

"Unsere gefährdeten Werte"

Beitragvon weltmensch » 13.11.2006, 08:55

Eine Kirche, die für sich in Anspruch nimmt, zu Erlösung der Menschheit unentbehrlich zu sein, ist auf dem Holzweg, grundsätzlich!

Ich habe mit großem Interesse das Buch von Jimmy Carter gelesen „Unsere gefährdeten Werte“ und bin, auch wenn ich seinen „Gott-Glauben“ nicht teile, tief beeindruckt von eben diesem Glauben aber auch von seiner großen Menschlichkeit (was sich nicht trennen lässt).

Ich muss vorab dazu erklären, dass ich mittlerweile mit einem Glauben an Gott nicht mehr aufwarten kann.

Jimmy Carter, ehem. Präsident der Vereinigten Staaten und Friedensnobelpreisträger, zeigt in seinem Buch sehr beeindruckend, wie man tiefgläubig sein kann, wie man andererseits aber auch seinen Glauben nicht dogmatisch anderen überzustülpen versuchen muss (auch wenn für ihn wohl Missionsarbeit zum Christ sein gehört) .
Im Gegenteil, er prangert die fundamentalistischen Bestrebungen in den Kirchen (der USA) an. Fundamentalisten, die mittlerweile eine gefährliche Macht darstellen, dass zur Wahl stehende Politiker gezwungen sind, diese Wählerschicht zu berücksichtigen.

Jimmy Carter war immer, selbst zu seiner Zeit als Präsident (und dieses nicht in vordergründig populistischer Form) sehr in seiner Kirche engagiert. So hat er noch als Präsident (unangemeldet) Religionsunterricht gehalten.
Er scheint mir absolut bibelfest zu sein, legt diese aber nicht „wörtlich“ aus, und prangert an, dass die fundamentalistischen Kräfte, sich die Stellen herauspicken und aus dem Zusammenhang reißen, die ihnen entgegen kommen.
Er beschreibt, wie diese religiösen Kräfte mittlerweile maßgeblichen Einfluss erobert haben, besonders in der heutigen Administration.
Diese Kräfte treiben ein gefährliches Spiel, ihnen kommt es überhaupt nicht auf ein Miteinander an, sondern ausschließlich auf die Konfrontation, im Vertrauen darauf, dass ihr „Guter Kampf“ zum Sieg führen wird.
Und dieser Kampf ist letztendlich ein furchtbarer (wir kennen ihn auch, wenn die Erwählten im Hochzeitssaal auf den letzten Kampf Satans auf der Erde hinab blicken – um diesen Kampf geht es), einige von ihnen versuchen, ihn zu forcieren.

Sie kehren im Grunde sämtliche Werte, auf die Christen in der Vergangenheit so stolz waren in ihr Gegenteil um.

Er schreibt zu einer Menge Themen, wie z.B. zu

- Trennung von Kirche und Staat - Säkularisierung
- Menschenrechten
- Rüstungspolitik
- Meinungsfreiheit
- Todesstrafe
- Rassendiskriminierung
- Homosexualität
- Frauen in der Kirche und in der Gesellschaft
- Umweltpolitik

Und, und, und.

Er beschreibt bei allen Punkten, wie er sie aus (seiner) biblischen Sicht (er fragt sich jedes Mal, wie würde wohl Jesus gehandelt haben) versteht und beschreibt das Denken und Handeln der anderen Seite.
Für ihn ist stets wichtig, dass Lösungen stets nur im Miteinander zu erreichen sind. Und nicht durch Rechthaberei.

So beschreibt er zur Todesstrafe, dass z.B. in den Ländern die Anzahl der Kapitalverbrechen am Höchsten ist, wo die Todesstrafe ausgesprochen und angewandt wird. Das interessanterweise unter den Abtreibungsgegnern die Todesstrafe am meisten gefordert wird.

Abtreibungen kommen in den Ländern am meisten vor, in denen eine Aufklärung (die auch über Empfängnisverhütung aufklärt) nicht stattfindet, dort, wo es besonders eng religiös zugeht. Dort, wo Sexualität vor oder außerhalb der Ehe „nicht stattfinden darf“.
(Was mich hierbei gewundert hat, war die Aussage, dass die Abtreibungsrate z.B. in den NL besonders niedrig ist, in Südamerika aber besonders hoch)

Ich kann nicht den Inhalt des Buches wiedergeben, ich möchte es aber empfehlen.
Es ist leicht verständlich beschrieben und belegt anhand weniger, kurz angerissener Punkte, wie sich die Werte in der jüngsten Vergangenheit total verschoben, ja in ihr Gegenteil verkehrt haben, im Namen „Gottes“. Er stellt jeweils die Thesen gegenüber, so, dass man sich sehr leicht ein eigenes Bild machen kann.

Jimmy Carter hat sich mittlerweile aus seiner (zu den Baptisten zählenden) Kirche zurückgezogen, da sie, im Gegensatz zur Vergangenheit, das „Wort“ exklusiv von den Funktionsträgern der Kirche auslegen lässt, und nicht mehr, wie dies vorher geschah, den Gläubigen in eigener Verantwortlichkeit überlässt, aus eigener Bibelkenntnis Schlüsse zu ziehen und damit eigenverantwortlich „Christ sein“ zu leben.


Gruß,
Weltmensch
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