Das 4.Gebot

Praxistipps für die Kinder- und Jugendarbeit, Reflexion und Diskussion aller relevanten Themen

Das 4.Gebot

Beitragvon scholli » 28.08.2007, 10:40

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir's wohlgehe und du lange lebst auf Erden.



Mir gingen zu diesem Gebot gestern Abend einige Gedanken durch den Kopf , dadurch ergaben sich einige Fragen als Vater von zwei Kindern.

Muss ich mir diese „Ehre“ bei meinen Kindern verdienen?

Oder kann ich ,aufgrund des Gebotes, blinden Gehorsam sowie Ehre einfordern, egal wie meine Erziehungsmethoden sind, sowie mein Lebensstil ist.(Was früher leider häufig der Fall war)
Vorab, ich meine klar: Nein !





[i]Eph 6,2f: »Ehre Vater und Mutter«, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: »auf dass dir's wohl gehe und du lange lebest auf Erden.«[/i]

Bleibt Kindern die nicht ehren können ,aus welchen Gründen auch immer, diese Verheißung verwehrt ?

Auszug aus einer Predigt:

Aber: Es gibt leider auch eine Mißbrauchsgeschichte des 4.Gebots. Immer wieder haben Eltern und - in der Auslegungstradition Martin Luthers - andere Autoritäten dieses Gebot wie eine Waffe gegen ihre mehr oder weniger aufsässigen Kinder eingesetzt. Viele Kinder erleben ihre Eltern nicht als beschützend, sondern für lange Zeit als bedrückend überlegen: körperlich stärker, reicher an Erfahrungen und Wissen, Zugang zu Ressourcen, die Kindern lange verschlossen sind. Und dann noch dieses Gebot, auf das sie sich berufen, um ihre Autorität zu stärken und strikten Gehorsam zu verlangen. Gott erscheint dann als Bundesgenosse der Eltern, als strenger Übervater. Es verwundert nicht, daß sich der Widerwille der Kinder dann auch gegen diesen Übervater richtet. In nicht wenigen Erwachsenen steckt dieses Gebot aufgrund ihrer Kindheitsgeschichte heute noch als Ressentiment, als unbestimmter Druck und schlechtes Gewissen, und macht sie unempfänglich für die wirkliche, auch für ihr Leben wichtige Botschaft des Gebots.
http://www.ekkw.de/bad-hersfeld/johanne ... digt4.html

Wie seht ihr das ?

VG Christian
Ich setze Liebe mit Freiheit gleich. Die Liebe zu Gott kann nicht durch Gebote, sondern nur durch einen Akt der Willensfreiheit bewirkt werden. - Isaac B. Singer
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Beitragvon Matula1 » 28.08.2007, 10:48

Wenn ich mich vor meine Kinder stelle und mich auf das 4. Gebot berufe (würde ich nicht tun), dann muss ich als Vater und/oder Mutter selbstverständlich meinen Kindern auch etwas zu ehren geben, habe somit zunächst mal eine Bringschuld.
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Beitragvon Kontrabass » 28.08.2007, 11:24

Mein lieber scholli :wink: ,

Du kannst Fragen stellen :lol: !

Nein, mal ernsthaft ! Für mich stellt sich immer wieder die Frage, wann ehren Kinder eigentlich ihre Eltern :?: Ich denke, mit bedingungslosem Gehorsam hat das überhaupt nichts zu tun. Zunächst bin ich, als Vater, wie das Matula1 so treffend beschrieben hat, in einer Bringschuld. Wenn ich die als Erziehender gebracht habe, dann kann ich auch was von meinen Kindern einfordern.

Ich hab mal einen schönen Spruch gelesen, der da lautet: "Es ist nicht unsere Aufgabe Sieger zu erziehen, sondern Menschen". Wenn ich es als Erziehender schaffe, meine Kinder zu Menschen mit einer starken und eigenständigen Persönlichkeit zu erziehen, dann habe ich persönlich den Eindruck, dass sie mich ehren. Das setzt aber zunächst voraus, dass ich Ihnen dazu auch die entsprechenden Hilfsmittel zur Verfügung stelle - in Gestalt der Erziehung.

Mit Glauben oder Religiösität hat das meines Erachtens wenig zu tun. Hier wurden "schöne Hinweise" für das Miteinander in einer Familie gegeben. Bei der ausgesprochenen Verheissung im 4. Gebot bin ich vorsichtig. Wir hatten erst vor einigen Wochen einen Jugendlichen aus unserem Bezirk durch einen tragischen Unfall verloren. Es wäre unverschämt und völlig daneben daraus zu schliessen....na Du weisst schon !

Du wirst da, je nach Lebensalter und persönlichem Lebensstand, jedoch völlig unterschiedliche Antworten erhalten. Eine Universalantwort gibt es meines Erachtens dafür nicht.

Liebe Grüsse
Kontrabass
Toleranz ist eine Form der Nächstenliebe. Sie gibt dem anderen den Lebensraum, den es braucht, um ganz Mensch zu sein (Verfasser nicht bekannt)
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Beitragvon Tatyana † » 28.08.2007, 11:27

Es gibt aber immer noch Eltern, die als "ehren" genau diesen blinden Gehorsam erwarten. Und die ihre Bringschuld völlig damit erledigt sehen, ihre Kinder "großzuziehen", sie zu nähren und zu kleiden.
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Beitragvon trinity » 28.08.2007, 11:38

Moin,

mich stört das Wort Schuld ziemlich! Das hat ein eigenartiges Gschmäckle!

Ich denke an den Text von Khalil Gibran:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht...
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben verläuft nicht rückwärts, noch verweilt es beim Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.


Da ich keine Kinder habe, ist mein Blick auf dieses Thema ein einseitiger. Trotzdem: ich kann meine Eltern ehren, auch wenn sie mich schlecht behandelt haben. Weil ich weiss, dass jeder Mensch zu jeder Zeit das macht, was er gerade machen kann. Würde er es anders können oder besser wissen, würde er anders handeln. Geht mir auch so. Also kann ich bei meinen Eltern die gute Absicht ehren.

Mein Ansatz ist immer, dass ich mich bemühe, hinter die Kulissen zu blicken. In das Herz vielleicht. Und auch schaue, was sind meine Anteile (Gefühle und Bewertungen) und was kann ich beim Gegenüber lassen.

Das andere ist die Beziehung bzw. die soziale Gemeinschaft. Da sind Regeln aufzustellen, die das Zusammenleben betreffen. Möglichst demokratisch mit einem Mitsprache-Recht für Kinder, wenn sie das überblicken können. Und diese Regeln gilt es zu befolgen. Daraus resultieren IMO die meisten Unstimmigkeiten. Das hat aber ja mit dem Ehren nichts zu tun!

Herr T
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Beitragvon Renders » 28.08.2007, 11:40

Schneider hat geschrieben:Eine Wenn-Dann Beziehung. Wenn sich die Jungen kümmern, geht es den Alten gut.


Ergänzend möchte ich anmerken, dass, wenn ich mich um meine Eltern kümmere, dies dann auch meine Kinder sehen und erleben, und diese so diesen Prozess weitertragen, und auch ich irgendwann daran partizipiere.
Eigentlich ein wunderbares Bild, das sich auf so vieles umlegen lässt.

Liebe Grüße
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Beitragvon Tatyana † » 28.08.2007, 11:42

Trinity, wenn aber Eltern mit voller Absicht daran gehen, ihre Kinder zu verbiegen und diesen die Liebe entziehen, wenn sie ein eigenes Leben haben wollen? Soll man diese Eltern dann auch ehren? Weil sies ja vielleicht in guter Absicht getan haben?
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Beitragvon Tatyana † » 28.08.2007, 11:45

Renders hat geschrieben:
Schneider hat geschrieben:Eine Wenn-Dann Beziehung. Wenn sich die Jungen kümmern, geht es den Alten gut.


Ergänzend möchte ich anmerken, dass, wenn ich mich um meine Eltern kümmere, dies dann auch meine Kinder sehen und erleben, und diese so diesen Prozess weitertragen, und auch ich irgendwann daran partizipiere.
Eigentlich ein wunderbares Bild, das sich auf so vieles umlegen lässt.

Liebe Grüße


Wenns denn klappt...was, wenn es umgekehrt nicht funktioniert? Wenn sich die Eltern schon nicht kümmern? Überträgt man das dann auch? Oder sollte man nicht vielmehr versuchen, die Kette zu durchbrechen und sich nicht auf Entschuldigungen auszuruhen?
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Beitragvon Gaby » 28.08.2007, 11:46

Ich habe das Wort >>ehren<< für mich in >>achten<< verwandelt.
Ehren hat für mich einen etwas negativen Beigeschmack - so in etwa wie >>huldigen<< oder >>lobhudeln<<.

Auch wenn ich sicherlich Differenzen mit meinen Eltern hatte, sie auch nicht unbedingt ein Leben führten, für das ich sie besonders >>ehren<< könnte -sie waren nun einmal meine Eltern, haben in meinen Augen das für mich getan, was sie aus sich selbst heraus tun konnten. Letztlich kann niemand so ganz aus seiner Haut heraus.

Jetzt wo ich selbst Mutter bin (meine Kinder sind erwachsen - zumindest denken sie das von sich ;-) ), habe ich für viele Dinge, die ich als Kind/Jugendliche kritisierte (so wirst du mit deinen Kindern niemals umgehen ;-) ) mehr Verständnis.
Habe ich heute auch einiges mehr an Hintergrundwissen, über die Lebensumstände meiner Eltern in ihrer eigenen Kindheit und Jugend.
Sehe, warum sie so waren wie sie waren.

Ich habe mich bemüht meinen Kindern ein Vorbild zu sein, immer wird mir das sicherlich nicht gelungen sein. Im Nachhinein würde ich heute in der Erziehung vielleicht auch einiges noch einmal überdenken, versuchen Dinge besser zu machen.

Wichtig ist m. E. auch, dass man Kindern durch dieses Gebot nicht ihre Freiheit nimmt, wie es früher oft praktiziert wurde.
Bedingungsloser Gehorsam, zu meiner Kinderzeit noch hochaktuell.
Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch ..... - wer aus meiner Generation kennt diesen Spruch nicht :wink:
Es mußte halt pariert werden, auch wenn man manche Dinge nicht eingesehen hat. Manchmal wurde dies dann auch mit >>Nachdruck<< von den Eltern durchgesetzt.

Wir haben versucht unsere Kinder ernst zu nehmen, deshalb denke ich, haben wir auch so einen guten Draht zueinander, sind eben wirklich Familie, können uns aufeinander verlassen.

Geehrt zu werden, daran liegt mir nichts. Es reicht mir von meinen Kindern geliebt zu werden und daran habe ich letztlich keine Zweifel.

Liebe Grüße

Gaby
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Beitragvon trinity » 28.08.2007, 11:47

Liebe Tatyana,

das ist schwierig ... ich würde fragen wollen, was hinter dieser "vollen Absicht" verborgen ist? Vielleicht ein ungel(i)ebtes Leben, dass nun die Kinder ersatzweise leben sollen? Oder Verbitterung über das "Anders-Sein" der Kinder? Oder mangelndes Selbstwertgefühl, das sich in Vergleichen ausdrückt?

Gibt es Menschen, die in "voller Absicht" ganz bewusst böse sind ...

fragt sich T
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Beitragvon godzilla » 28.08.2007, 11:48

Mit dem Ehren ist es so eine Sache.
Warum soll ich Eltern ehren,die mich in jeder Weise als Kind mißbraucht haben,und der noch lebende Elternteil sich mir gegenüber wie die Axt im Walde benimmt,und voller Hass und Wut gegen mich steckt?
Soll ich Schuldgefühle haben,wenn ich nach über 40 Jahren aufgebe,und in meinem eigenen Interesse den Kontakt ruhen lasse?
Bin mal gespannt auf eine Antwort..
LGG
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Beitragvon godzilla » 28.08.2007, 11:49

trinity hat geschrieben:Gibt es Menschen, die in "voller Absicht" ganz bewusst böse sind ...

fragt sich T


Ja.Meine "Mutter" zum Beispiel...
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Beitragvon Gaby » 28.08.2007, 11:52

Folgende Geschichte von den Gebrüdern Grimm stellte ich auch schon einmal ein:

"Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch wieder etwas aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor und deswegen mußte sich der alte Großvater schließlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt. Da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen.
Wie sie da so sitzen, trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. "Was machst du da?" fragte der Vater. "Ich mache ein Tröglein" antwortete das Kind, "daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin."
Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an und fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete."
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Beitragvon Tatyana † » 28.08.2007, 11:53

trinity hat geschrieben:Liebe Tatyana,

das ist schwierig ... ich würde fragen wollen, was hinter dieser "vollen Absicht" verborgen ist? Vielleicht ein ungel(i)ebtes Leben, dass nun die Kinder ersatzweise leben sollen? Oder Verbitterung über das "Anders-Sein" der Kinder? Oder mangelndes Selbstwertgefühl, das sich in Vergleichen ausdrückt?

Gibt es Menschen, die in "voller Absicht" ganz bewusst böse sind ...

fragt sich T


Da kommt dann wieder der Punkt, wo ich frage, ob Menschen, die Eltern sind, nicht auch die Pflicht haben, diese Kette zu unterbrechen, die vielleicht von all diesen Dingen herrührt, die du ansprichst. Die Kinder können das nicht, sie können nicht die Probleme der Eltern lösen.
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