Die Situation von Frauen - weltweit. Aktuelle Presse u.a.

Eine virtuelle Sofaecke - nur für Frauen

Die Situation von Frauen - weltweit. Aktuelle Presse u.a.

Beitragvon tergram » 09.01.2006, 09:16

Ihr Lieben, diesen Beitrag habe ich in n-tv gefunden. Dem geschilderten Phänomen stehe ich ebenso fassungslos gegenüber, wie der millionenfachen sexuellen Verstümmelung von Frauen.
_____________________________________________________

Montag, 9. Januar 2006
Aussteuer zu teuer
Millionen Mädchen abgetrieben

In Indien sind nach Schätzungen von Wissenschaftlern in den letzten zwei Jahrzehnten bis zu zehn Millionen weibliche Föten abgetrieben worden. Nachforschungen ergaben demnach, dass sich das Verhältnis von Jungen zu Mädchen per 1.000 Geburten deutlich zu Ungunsten der Mädchen verschoben hat. Die genauen Ergebnisse sind in der britischen Medizinzeitschrift "The Lancet" nachzulesen.

Die Wissenschaftler analysierten die statistischen Daten von fast 134.000 Geburten. Dabei fanden sie heraus, dass Ehepaare auffällig selten eine Tochter als zweites Kind bekamen, wenn das erste Kind bereits ein Mädchen war. Dieser generelle Trend war bei bei Müttern mit guter Schulbildung mehr als doppelt so deutlich vorhanden wie bei ungebildeten Müttern. Für die Forscher lag der Schluss nahe, dass viele weibliche Föten bewusst abgetrieben werden.

Beim Vergleich mit den geschlechtsspezifischen Geburtenraten anderer Länder ergab sich dem Artikel zufolge, dass zum Beispiel im Jahr 1997 zwischen 13,6 und 13,8 Millionen Mädchen hätten auf die Welt kommen sollen. Es waren aber nur 13,1 Millionen. Dieses Defizit rechneten die Forscher dann auf die letzten zwei Jahrzehnte hoch, in denen die Geschlechtsbestimmung eines Embryos per Ultraschall zur Routine wurde. Auf dieser Basis "erscheint eine Schätzung von zehn Millionen abgetriebenen weiblichen Föten nicht unvernünftig", heißt es in der Zeitschrift.

Abtreibungen nach reinen geschlechtsspezifischen Erwägungen sind in Indien seit 1994 verboten. Es ist jedoch allgemein bekannt, dass viele Ärzte sich nicht daran halten. Nach einem Zensus der Regierung kamen auf 1.000 Jungen schon im Jahr 1991 nur 945 Mädchen. Zehn Jahre später waren es nur noch 927. Söhne werden in traditionellen indischen Familien nach wie vor bevorzugt, weil sie das Prestige der Eltern heben und zudem keine teure Aussteuer benötigen.
Benutzeravatar
tergram
 
Beiträge: 9124
Registriert: 12.12.2004, 18:21

Beitragvon Sesemi » 09.01.2006, 17:51

Ihr Lieben,

am Samstag habe ich im Deutschlandradio eine interessante Reportage über Frauen in der arabischen Welt gehört, die mich auch erschreckt hat.

Der von tergram zitierte Bericht zeigt noch erschreckender, wie menschenverachtend in dieser Welt immer noch mit Frauen umgegangen wird. Besonders entsetzlich finde ich, dass Frauen ihre Töchter abtreiben, weil diese einen geringeren Wert haben als Söhne.

Traurige Grüße von der Trave

Sesemi
Das Normale, Wohlanständige und Liebenswürdige ist das Reich unserer Sehnsucht, ist das Leben in seiner verführerischen Banalität. (Tonio Kröger)
Benutzeravatar
Sesemi
 
Beiträge: 389
Registriert: 29.03.2005, 12:24
Wohnort: Lübeck

Beitragvon tergram » 09.01.2006, 19:48

Diese Dinge machen mich nicht nur fassungslos, sondern hilflos.

Wir diskutieren in diesem Forum auch elität-abgehoben z.b. über das Taufverständnis der NAK und übersehen die Nächste, die leidet.

Ich denke an den Satz "Das Böse, das wir getan haben, kann Gott uns vergeben. Nicht vergeben kann er uns das Gute, das wir nicht getan haben" verbunden mit der Frage, was ich gegen diese Zustände tun kann.
Benutzeravatar
tergram
 
Beiträge: 9124
Registriert: 12.12.2004, 18:21

Elend

Beitragvon cello » 10.01.2006, 07:57

Guten Morgen tergram,

was du ansprichst ist wohl nicht zu lösen. Je mehr wir darüber nachsinnen, desto mehr fühlen wir die Unbegreiflichkeit der Zustände auf dieser Erde, die sich manchmal scheinbar nur um unseren Standpunkt und unsere Probleme dreht.

Wenn wir diese Einsicht dazu nutzen, einen Blick aus der Entfernung auf uns selbst, unser Verhalten, unsere Gefühle und unsere Vorstellungen zu wagen, dann ist viel gewonnen. Daraus wird in konkreten Situationen Hilfe und Unterstützung für Notleidende und für das eigene Leben eine Grundstimmung an Dankbarkeit erwachsen.

Es ist ein elender Jammer und kein Mensch konnte auch nur ein klein wenig beeinflussen wann er wo geboren wurde...

Nette Grüße
:) cello
Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus. (Marie von Ebner-Eschenbach)
Benutzeravatar
cello
 
Beiträge: 876
Registriert: 01.11.2003, 11:12
Wohnort: Baden-Württemberg

Beitragvon tergram » 10.01.2006, 08:57

Ich stelle hier eine PN von Loreley an mich und meine Antwort ein, weil sie selbst nicht im Frauenforum schreiben kann:
___________________________________________________

Hi tergram,

kann selbst nicht ins Frauenforum. Bin gar nicht angemeldet. Aber ich glaube kaum, daß selbst eine große Menge Menschen dagegen etwas tun kann. In der arabischen Welt ist es die Religion, die die Frauen unterdrückt, wie es auch jahrhundertelang im Christentum so war. Ob es in Indien so ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich! Dagegen bist du machtlos. Ich wüßte nicht, was man da tun kann. Liebe Grüße - Loreley__________________________________

Liebe Loreley,

ganz so machtlos sehe ich "uns" eben nicht. Ich glaube eher, weil es Frauenprobleme sind, werden sie nicht entsprechend wahrgenommen in einer männerdominierten Welt.Wenn diese Themen mit der gleichen Wucht in den Medien aufgenommen würden, wie z.B. die Tsunami-Katastrophe, würde die Weltöffentlichkeit schnell wach. Die unfassbaren Dinge würden ans Licht der Welt gelangen und Abscheu hervorrufen. Die "Täter/Innen" würden weltweit geächtet und allein darüber könnte sich mittelfristig eine Änderung herbeifürhren lassen.Die schlechteste Lösung ist für mich in allen Lebensbereichen die Aussage "da kann man nichts machen, das ist eben so".

Liebe Grüße
t.
Zuletzt geändert von tergram am 10.01.2006, 08:58, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
tergram
 
Beiträge: 9124
Registriert: 12.12.2004, 18:21

Beitragvon Anne » 10.01.2006, 08:58

tergram hat geschrieben:Diese Dinge machen mich nicht nur fassungslos, sondern hilflos.

Wir diskutieren in diesem Forum auch elität-abgehoben z.b. über das Taufverständnis der NAK und übersehen die Nächste, die leidet.

Ich denke an den Satz "Das Böse, das wir getan haben, kann Gott uns vergeben. Nicht vergeben kann er uns das Gute, das wir nicht getan haben" verbunden mit der Frage, was ich gegen diese Zustände tun kann.


Liebe tergram,

ich kenne diese Situation: Während meiner Ausbildung zu einem Heilberuf bin ich immer wieder auch mit Fakten und Realitäten des täglichen Lebens konfrontiert, bei denen mir - mal einfach ausgedrückt - "die Luft wegbleibt". Da braucht man gar nicht so weit weg zu kucken (du weißt das und hast es hier auch schon mal benannt ):

Ein durchgehendes Ergebnis vieler Studien ist, dass die Rolle schwerer traumatischer Belastungen in der Kindesentwicklung bisher eindeutig unterschätzt wurde.

Nur ein Beispiel:

Die Rate der aggressiven Kindesmisshandlung ist weltweit hoch, liegt in Deutschland aber höher als in den Vereinigten Staaten.

Die Zitate kommen aus einem aktuellen Lehrbuch aus dem Jahr 2004.

. . .

Liebe tergram, wenn du das Bedürfnis hast, etwas zu tun, dann tu´ etwas. Ich würde niemals sagen, dass man nichts tun kann. Sicherlich wirst du die politische Situation nicht so ohne weiteres verändern können - auch (und vor allem) diese nicht:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ein-Kind-Politik

Aber es gibt Kontakt - und Fördermöglichkeiten / Projekte, die sich zum Ziel gesetzt haben, möglichst nah an die notleidenden Menschen heran zu kommen und zu helfen. Und ich halte jede noch so kleine Hilfe, die aus ehrlicher Motivation entsteht, für wichtig und gut, finde es wichtig, den Impulsen dorthin zu folgen.

Du wirst einen Weg finden, denke ich. :)

Anne
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Luk. 18,27

Jahreslosung 2009
Benutzeravatar
Anne
 
Beiträge: 1693
Registriert: 01.08.2002, 10:12

Beitragvon tergram » 10.01.2006, 09:06

Liebe Anne,

herzlichen Dank für deine Hinweise. Genau darum geht es mir bei diesen Themen: Um´s helfen, und sei es noch so wenig, noch so "hoffnungs-arm".

Wir Frauen können nicht erwarten, dass die Weltgemeinschaft "Männer" unsere Probleme lösen wird. Wir müssen diese Probleme eben als "unsere" betrachten und uns mitverantwortlich fühlen. Wir Frauen der sogenannten westlichen Welt sind ein elitärer Kreis mit - im weltweiten Vergleich - ungeheuren Privilegien. Daraus erwächst uns Verantwortung.

Die schlechteste Reaktion wäre Ignoranz.

Vielleicht könen wir ja allein durch die Kommunikation auch in diesem Forum Aufmerksamkeit wecken und so zur aktiven Hilfe beitragen.

Liebe Grüße
t.
Benutzeravatar
tergram
 
Beiträge: 9124
Registriert: 12.12.2004, 18:21

Beitragvon cello » 10.01.2006, 09:13

@ Anne
@ tergram

Zu sagen man kann nichts tun ist ein wirklich billiger Satz.
Was Anne beschreibt können wir klar alle tun. Gleichzeitig müssen wir leider akzeptieren, es sind Tropfen auf einen heißen Stein.
Ob die Tsunami-Katastrophe sooo viel verändert hat?
Bauen die Leute dort jetzt nicht mehr am Strand?

Gleichwohl muss uns die Sensibilität für unseren Nächsten erhalten bleiben. Das gelingt am besten, wenn man sich immer wieder mal gründliche Gedanken über sich selbst macht,

meint :)
cello
Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus. (Marie von Ebner-Eschenbach)
Benutzeravatar
cello
 
Beiträge: 876
Registriert: 01.11.2003, 11:12
Wohnort: Baden-Württemberg

Beitragvon Anne » 10.01.2006, 11:06

cello hat geschrieben:Gleichwohl muss uns die Sensibilität für unseren Nächsten erhalten bleiben. Das gelingt am besten, wenn man sich immer wieder mal gründliche Gedanken über sich selbst macht.


Ja - und indem man sich als handlungsfähig weiß bzw. erlebt. Dazu möchte ich noch einen *kleinen* Gedanken hier lassen:

Ich habe es einige Male miterlebt, dass gerade die Not leidenden - die schwierigen - Menschen auf kleinste Signale achten und jede noch so kleine menschliche Zuwendung in sich aufnehmen: Kinder und Jugendliche, die ihre Umwelt herausfordern / kranke oder sterbende Menschen ... sie erinnern sich: Er/sie hat mich angelächelt ... hast du gesehen - er/sie ist extra zu mir gekommen, um mich zu begrüßen ... :)

Das macht manchmal schon glücklich, obwohl es so wenig ist und bleibt als Eindruck bestehen. Ich finde es gut, das zu wissen, gerade wenn man meint, dass man nichts tun kann und sich nicht handlungsfähig fühlt.

So. Und wer schubst mich jetzt wieder an meinen Schreibtisch? :roll: *herumdrück* :wink:

Anne
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Luk. 18,27

Jahreslosung 2009
Benutzeravatar
Anne
 
Beiträge: 1693
Registriert: 01.08.2002, 10:12

Beitragvon Loreley 61 » 12.01.2006, 05:18

Hallo ihr Lieben,
nun bin ich auch hier gelandet. Hatte heute morgen ne mail im Postfach, wonach ich hier schreiben darf.

Zum Thema:
Ich komme mir wirklich oft machtlos vor, wenn ich die Situation von Frauen (und Kindern) weltweit betrachte. Was will man tun? Spendengelder speziell für Frauen? Gibts das? Wie ich tergram schon schrieb, so denke ich, es hat sehr viel mit Religion zu tun. Veränderungen werden sehr, sehr lange dauern und es wird auch von wirtschaftlichen Faktoren abhängen, ob sich auf lange Sicht etwas verändern wird.

Gleichwohl muß das Bevölkerungswachstum weltweit gestoppt werden. Natürlich nicht durch Zwangsabtreibungen, speziell an ungeborenen Mädchen.
Verhütung muß beigebracht werden und in armen Ländern kostenlos sein. Und schon kommen wieder die Religionen ins Spiel. Nach wie vor lehnt die kath. Kirche dieses ab. Obwohl es in der Bibel keinen negativen Hinweis auf Empfängnisverhütung gibt. Ganz so rosig sehe ich auch die Lage der Frauen in Westeuropa nicht. Überall Gleichberechtigung, davon sind auch wir noch weit entfernt.

Die großen Religionsstifter waren nun mal Männer und dachten wie Männer. (Paulus,Mohamed, Buddha usw.)Und was in Jahrtausenden gewachsen ist, läßt sich nicht von heute auf morgen verändern. Wichtig wäre auch eine bessere Schulbildung für Frauen aus armen Ländern.

Ich möchte bestimmt gerne mein Scherflein dazu beitragen, daß es uns Frauen weltweit besser geht, aber wie und wo macht man das richtig? Fast überall auf der Welt herschen immer noch die Männer, in der Politik, in der Wirtschaft, in den Religionen. (Mal abgesehen von Frau Merkel) Wann gibt es in der Weltmacht USA endlich mal eine "Frau Präsident" ? Das Gegenteil ist der Fall. Die werden immer konservativer - zu sehen auch an der Entwicklung der fundamentalistischen Sekten. Sie lehnen die Evolutionstheorie wieder ab und sagen damit auch: Die Frau sei des Mannes Untertan. Diese ganzen Entwicklungen sind beängstigend und entmutigend.

Trotzdem: Packen wir`s an!
Loreley 61
 

nur "gegoogelt"

Beitragvon Anne » 12.01.2006, 17:00

Als Beispiel einmal "gegoogelt":

Bild

Dazu: http://www.indien-netzwerk.de/navigatio ... rsicht.htm

Liebe Loreley, du fragst: Spendengelder speziell für Frauen? Gibts das?
Na klar. :)

Auf dieser Seite findet man z.B. verschiedene Hinweise und kann diese wiederum weiter verfolgen:

http://www.indien-netzwerk.de/navigatio ... en-deu.htm

Ich finde den persönlichen Kontakt sehr wichtig, auch wenn es um größere Organisationen geht; finde wichtig, nach Hintergründen und Motivationen zu fragen - und sie auch zu hinterfragen. Das kann mühsam sein, wäre hier aber sicher angebracht ...

Zum Thema "Kinder" vielleicht später mehr.

Liebe Grüße!
Anne
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Luk. 18,27

Jahreslosung 2009
Benutzeravatar
Anne
 
Beiträge: 1693
Registriert: 01.08.2002, 10:12

Das ist weit weg - aber es geht uns an!

Beitragvon tergram » 25.09.2006, 15:20

Montag, 25. September 2006 n-tv

Afghanistan
Frauenbeauftragte ermordet


Die Frauenbeauftragte der südafghanischen Provinz Kandahar ist erschossen worden. Unbekannte seien auf Motorrädern vor dem Haus von Safia Ama Dschan vorgefahren und hätten sie auf dem Weg zu ihrem Auto getötet, sagte ihr Neffe. "Sie war sofort tot." Es bekannte sich zunächst niemand zu dem Anschlag.

Das Attentat wurde international scharf verurteilt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderte die sofortige Aufklärung des Falls. Der Neffe wollte keine Vermutungen zu den Hintergründen äußern. "Wir hatten keine persönlichen Feindschaften", sagte er Reportern. Einem Sicherheitsvertreter zufolge wurden Ermittlungen eingeleitet, Festnahmen gebe es bislang nicht.

Nun sei die afghanische Justiz in der Pflicht, erklärte Steinmeier. "Der Vorfall mahnt uns eindringlich, dass die afghanische Regierung und ihre internationalen Partner bei der Herstellung von Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit, ebenso wie bei der Schaffung von Entwicklungsperspektiven für Frauen und Mädchen, nicht nachlassen dürfen."

Auch die Vereinten Nationen verurteilten den Anschlag. "Die UNAMA ist entsetzt über diesen sinnlosen Mord an einer Frau, die schlicht daran gearbeitet hat, dass alle afghanischen Frauen in Zukunft eine gleichwertige Rolle in Afghanischen erhalten", sagte ein Sprecher der UN-Hilfsmission für Afghanistan (UNAMA).

Ama Dschan hatte seit kurz nach dem Sturz der Taliban 2001 die Abteilung für Frauenfragen geleitet. Kandahar galt in den 90er Jahren als wichtigste Hochburg der radikal-islamischen Gruppe. Die Taliban haben in der jüngsten Zeit zahlreiche Regierungsvertreter in ihrem Kampf gegen die Regierung und die ausländischen Truppen getötet.
Benutzeravatar
tergram
 
Beiträge: 9124
Registriert: 12.12.2004, 18:21

Sklaven in Deutschland

Beitragvon tergram » 29.09.2006, 11:02

Dieser Artikel ist lang und qualvoll. Ich mute ihn euch zu - weil die Wahrheit nun mal zumutbar ist.
Eine Zumutung eben. Wie Christus, der für seine Mitmenschen oft auch eine Zumutung war.


Angesichts solcher Zustände "direkt neben uns" frage ich mich immer öfter nach dem Sinn von abgehobenen Diskussionen über das Taufverständnis der NAK oder das Sonderopfer 2006, oder ....


_____________________________________________________

DIE ZEIT, 28.09.2006 Nr. 40

Nackte Gewalt
Männer kaufen in Deutschland Sex, ohne Fragen zu stellen. Die Justizministerin möchte, dass den Kunden von Zwangsprostituierten künftig Gefängnis droht. Von Florian Klenk

Irina Nabreko* dachte, sie könne in Deutschland als Callgirl Geld verdienen und ihren Sohn ernähren. Vielleicht träumte sie auch von ein wenig Luxus, den es in Russland für sie nicht gab. Jetzt sitzt sie im Gerichtssaal in Berlin-Moabit und erzählt, wie sie mit einem Knebel im Mund durch ein Hotelzimmer robbte, weil sich, wie die Dolmetscherin übersetzt, »ein feiner Herr in einen Teufel verwandelt« hatte. Mit einer Peitsche »aus edlem Leder« habe er sie geschlagen. Drei Stunden lang habe sie gebetet, dass die Tortur ein Ende nimmt, dass der Kunde zum Hörer greift, ihren Zuhälter anruft und sagt: »Hol das Mädchen ab, es kann nicht mehr.« Nein, mit »diesem Wahnsinn« hatte Irina nicht gerechnet. Doch sich zu weigern, sagt sie, wäre »noch schmerzhafter gewesen«.

Oder Martina Breslowska*, Grundschullehrerin aus Moskau. Sie vertraute sich einem Russen an, der ihr einen Job in einem Restaurant versprach. Doch dann »wurde sie mit den russischen Worten dawai dawai rabota (Los, los, arbeite!, Anm. der Red.) zur Aufnahme der Prostitution aufgefordert«, wie die Anklage festhält. Lehnte Martina Breslowska »Kunden« ab, wurde sie geprügelt. Für 40000 Euro, so der Staatsanwalt, wurde sie an einen Freier verkauft. Ein Gutachten hält fest: »Sie hat keinen männlichen Freund mehr gehabt, weil sie Männern – anders als vor der Tat – nicht mehr unbefangen gegenübertreten kann.«

Oder Eva Santora* aus Brasilien. Als »Tänzerin« hatte sie sich beworben, 9000 Euro in drei Monaten wurden ihr von einer Agentur versprochen. In Wahrheit waren es 20 Euro pro Tag, von denen sie auch noch »Vermittlungsgebühren« abzustottern hatte. »Aufgrund ihrer Mittel- und Orientierungslosigkeit«, so die Staatsanwaltschaft, »gab sie dem Verlangen des Angeschuldigten nach, sich zu prostituieren.« Was das heißt? In der Anklage steht es so: »Er zog ihr die Hose herunter. Als sie versuchte, aus dem Zimmer zu laufen, ergriff er (der Zuhälter, Anm. der Red.) die Geschädigte, drehte diese um, nahm ihren Kopf und drückte diesen nach vorne. Sodann versuchte er in die Scheide der Geschädigten einzudringen. (…) Er stieß sie in den Toilettenraum und schlug dort mehrfach auf sie ein.«

Irina Nabreko, Martina Breslowska und Eva Santora: In ihren Verfahren vor dem Berliner Landgericht geht es um Zuhälterei, um Menschenhandel, um Zwangsprostitution. Die drei Frauen sind als Zeuginnen geladen. Barbara Petersen, ihre Anwältin, sagt: »Es gibt immer wieder Freier, die wissen, dass mit solchen Frauen etwas nicht in Ordnung ist. Ja, einige wollen sie sogar freikaufen.« Angeklagt sind bislang allerdings nur die mutmaßlichen Zuhälter, nicht ihre »Kunden«. Genau das will die Große Koalition künftig ändern.

Bereits vor fünf Jahren wurden Prostituierte durch das rot-grüne Prostitutionsgesetz besser gestellt. Ihre Arbeit sollte nicht mehr »sittenwidrig« sein. Die Idee: Je stärker die Rechte der Frauen, desto unwahrscheinlicher, dass sie für Zuhälter unter Zwang arbeiten müssen. Menschenhändler wurden härter bestraft. Nur jene, für die der Sklavenmarkt betrieben wird, blieben weitgehend ungeschoren: die Freier. Nun will die Bundesregierung, wie es im Koalitionsvertrag heißt, die »Strafbarkeit der Freier von Zwangsprostituierten regeln«. Ein Gesetzesvorschlag des Bundesrates liegt bereits zur Begutachtung vor. Wer sich »die Notlage von sexuell ausgebeuteten Frauen zunutze macht«, riskiert demnach fünf Jahre Knast. Noch in diesem Jahr soll der Bundestag über das Gesetz entscheiden.

Es werde in der Praxis schwierig sein, Freier zu überführen, räumt Justizministerin Brigitte Zypries im Gespräch mit der ZEIT ein (siehe Seite 5), doch müssten die Freier endlich zu »mehr Aufmerksamkeit und Verantwortung« gezwungen werden. In der Praxis werden von Justizbehörden vor allem Telefonüberwachungen von Callgirl-Agenturen und Bordellen sowie die Aussagen von Opfern herangezogen, um gegen Kunden zu ermitteln. Freier werden darauf achten müssen, wer den Lohn entgegennimmt, ob Frauen verstört oder gar misshandelt wirken, ob sie selbst über den »Schandlohn« verhandeln – oder der Zuhälter im Hintergrund. Die Neuregelung dient nicht der Moral, sondern der Bekämpfung eines alltäglichen Sklavenmarktes.

Man kann die Erkundung dieses Marktes im Saal 537 des Landgerichtes Berlin beginnen, bei all den Frauen, die Barbara Petersen hier vertritt. Die Advokatin vertrat vor drei Jahren eines der Opfer jener Callgirl-Agentur, die auch den TV-Moderator Michel Friedman mit Zwangsprostituierten versorgte. Die Öffentlichkeit bekam damals Einblicke, wie die in Inseraten beworbenen »ukrainischen Nymphen« von ihren Zuhältern misshandelt werden. Die Schriftstellerin Karen Duve fragte: »Wie können so viele Männer in und auf Frauen ejakulieren, ohne deren Not zur Kenntnis zu nehmen?«

Ohne prominente Freier ist der Frauenmarkt kein Skandal, sondern Alltag. Darum verfolgt jetzt auch kein Gerichtsreporter die Verhandlung. Angeklagt ist der Berliner Zuhälter Markus R.*. Ein blasser Mann, der mit einer Mischung aus Aggression und Nervosität an die Decke des Gerichtssaales blickt, als ein Mädchen mit Sommersprossen und Pferdeschwanz in den Zeugenstand tritt. Die Zeugin – es ist Irina Nabreko – spricht so leise, dass die Dolmetscherin näher rücken muss. Sie erzählt nicht die Geschichte vom unschuldigen Mädchen, das von skrupellosen Menschenhändlern eingesperrt wurde. Ihre Wahrheit ist diffiziler.

Irina Nabreko berichtet, wie sie langsam die Macht über ihren Körper an diesen Zuhälter verlor: »Er sagte, du musst die Beste sein. Er sagte, mit normalem Sex wirst du niemanden überraschen. Dafür haben die Männer ja ihre eigenen Frauen.« Die Russin ahnte damals nicht, was er mit »überraschen« meinte und was sich hinter der Bezeichnung »Callgirl« verbarg. Als sie es spürte, war es zu spät. Markus R. bewarb sie in Inseraten als »Sklavia«. Langsam begriff Irina Nabreko, was es hieß, in einer Nacht zehn, zwanzig Kunden zugestellt zu werden. Darunter »Alte, Grobe und Schmutzige«, wie sie erzählt. Als sie einen Freier abweisen wollte, wurde er, wie Irina es nennt, »sehr, sehr böse«. Danach, sagt sie, habe sie »schwere Schmerzen gehabt«. Seitdem lehnte sie keinen mehr ab. Erst nach Monaten gelang ihr die Flucht.

Glaubt man Ermittlern, dann handelt es sich bei der Zwangsprostitution um ein Massenphänomen. Detlef Ubben ist Chef der Abteilung Menschenhandel beim Hamburger Landeskriminalamt, er schätzt: »95 Prozent der Prostituierten sind Zwangsprostituierte.« Was bedeutet das? Ubben: »Diese Frauen arbeiten nicht auf eigene Rechnung und nicht selbstbestimmt. Wenn sie sich verweigern, setzt eine brutale Gewaltkulisse ein.« Den Frauen blieben nur zehn Prozent des Lohnes.

Der Ermittler Ubben startete in Hamburg, der Stadt der Reeperbahn, ein bundesweit einzigartiges Modellprojekt. Anstatt zu warten, bis Opfer an die Wachzimmertür klopfen, durchforstet sein Team die Callgirl-Annoncen der Zeitungen, um »offensiv ins Milieu« zu gehen. Die Polizisten besuchen Bordelle und überreichen den Frauen Visitenkarten der Polizei, um so ihr Vertrauen zu gewinnen. Die meisten Prostituierten, sagt Ubben, »sind zwar von Frauenhandel betroffen, aber sie sehen sich selbst nicht als Opfer«. Doch »fast immer«, sagt der Polizist, »setzt irgendwann der Druck ein«. Was darunter zu verstehen ist? Zunächst fiktive Schulden. Dann Drohungen, auch gegen Verwandte in den Heimatdörfern. Schließlich Prügel »zur Abschreckung«. Manchmal, sagt Ubben, »gab es auch Massenvergewaltigungen«. Was Freier wissen müssen? »Die Wahrscheinlichkeit, auf eine Frau zu stoßen, die nicht will, ist sehr, sehr hoch.« Was müsste geschehen? Das angeblich älteste Gewerbe der Welt, sagt Ubben, sollte endlich gewerberechtlich konzessioniert werden können. Wer dann noch in ein illegales Bordell gehe, nehme in Kauf, gehandelte Frauen vor sich zu haben. Macht die Bestrafung der Freier Sinn? Ubben argumentiert ähnlich wie die Justizministerin: Die Frauen stünden unter enormem Druck, nicht gegen ihre Peiniger auszusagen. »Aber so ein Gesetz hätte auch Signalwirkung. Die Freier müssen begreifen, dass da ein Mensch vor ihnen liegt.«

Der alltägliche Sklavenmarkt. Man kann den brutalen Handel mit Frauen nicht nur in den Städten, sondern vor allem auch in der Provinz aufspüren, am besten dort, wo noch immer die Schengen-Grenze die Welt der Wohlhabenden von den ärmeren Teilen Europas trennt. An der deutsch-tschechischen Grenze bei Cheb etwa. Abends leuchten Schilder mit der Aufschrift »Täglich frische Mädchen!«. Vor einem Container mit dem Schriftzug »Thaimassage« steht ein Auto mit Kindersitz. Ein schwangeres Roma-Mädchen am Straßenrand winkt den Vorbeifahrenden. Die Fenster der Häuser sind mit schwarzen Folien verklebt. Ganze Dörfer scheinen nur noch aus Bordellen zu bestehen. 100000 deutsche Freier, so die Schätzungen der Behörden, kommen jährlich hierher. Manche Busse tragen die Aufschrift »Ficken Tour«. Wo Deutschland endet, nehmen sich Deutsche alle Freiheiten heraus.

Nicht zuletzt diesem Sextourismus will die Große Koalition ein Ende setzen. Das neue Gesetz soll ausdrücklich auch für Deutsche gelten, die für eine billige Nummer nach Tschechien fahren und dabei die Augen vor der Not der Frauen verschließen. »Tag für Tag«, so die Begründung des Gesetzesentwurfes, »macht sich eine Vielzahl von Freiern die Notlage von Zwangsprostituierten im Grenzgebiet zu den ehemaligen Ostblockstaaten zunutze.«

Die Frauen arbeiten in alten Weinkellern, Schuppen und Wohnwagen, in Feldern und Wäldern – und natürlich in den unzähligen Bordellen: bieder wirkenden Einfamilienhäusern mit blickdicht eingezäunten Gärten. In der Pusa-Bar, einem Club mit Perserteppich-Imitaten, Plastikrosen und schwülstigen Polstersesseln, erscheint gerade Kundschaft. Männer mit Anzug und Krawatte erkundigen sich bei Petar, einem Mann in Trainingsanzug und mit Cartier-Panter um den Hals, ob sie das halbnackte Mädchen, das am Tresen eine Cola trinkt, mitnehmen dürfen. Sie wiegt, wie der Barbesitzer Petar preist, »keine 40 Kilo«. Er sagt: »Deutscher Mann steht auf solche Frau.«

Streng genommen dürfte es Bordelle nach tschechischem Recht gar nicht geben, erklärt der Polizeichef von Cheb, Jaroslav Kerbic. Doch weil die Etablissements »Nachtbar« oder »Penzion« heißen, können sie mitsamt ihrer deutschen Klientel ganze Dörfer zerstören. Man muss einmal mit Ludmilla Irmscher durch diese Region fahren, um zu verstehen, dass es hier nicht um Moral, sondern um alltägliche Gewalt geht.


Es ist kurz nach Mitternacht, die Straßenmärkte der Vietnamesen sind weggeräumt, und Irmscher, eine gebürtige Slowakin, steuert ihren silbernen Škoda durch die »rechtsfreie Zone« rund um die deutsch-tschechische Grenzstadt Aš. Sie arbeitet für den sächsischen Sozialverein Karo und kennt viele der Freier, die hier oft stundenlang durch die Straßen schleichen. Ein paarmal pro Woche fahren Irmscher und ihre Kollegen von der Zentrale des Vereins in der sächsischen Stadt Plauen hierher. Auf dem Rücksitz ihres Wagens liegt ein Beutel mit Kondomen, Gleitmitteln, Spritzen und rosa Schwämmen – Spezialtampons für Prostituierte. Die Mitarbeiterinnen von Karo verteilen diese Hygieneartikel an die Mädchen in den Dorfbordellen, in den Roma-Vierteln und auf dem Straßenstrich, wo nicht nur viel zu junge Mädchen, sondern auch völlig verwirrte und ganz offensichtlich misshandelte oder behinderte Frauen auf Kundschaft warten. Die Frauen hier, sagt Irmscher, lebten in ständiger Angst, es sei schwer, an sie heranzukommen, früher oder später würden sie sich »die Welt schön saufen«, oder sie seien »völlig ausradiert« von einer Droge namens Pernik – einem Amphetamin, das hier mit Waschpulver gestreckt und gespritzt wird.

Was diese Szenerie so verrückt macht: Während die Sozialarbeiterinnen ihre durch Spenden finanzierten Tampons verteilen, fahren Freier mit deutschen Autokennzeichen vorbei. Und dann erscheinen die Zuhälter. Sie sitzen mit Ruderleibchen in schwarzen Autos, die ein Vermögen kosten. Wenn sie anhalten, öffnen die Mädchen ihre Bauchtaschen und reichen ihnen das Geld.

Irmscher bremst an einer Holzbaracke, in der drei Mädchen warten. Sie sagen, sie seien 18 Jahre alt, und signalisieren, dass sie jetzt nicht lange sprechen können, weil um die Ecke der Zuhälter parkt. Irmscher reicht ihnen Kondome durchs Fenster. Ein Mädchen diktiert ihr ein Münchner Kennzeichen. Der Fahrer habe sie nackt an einen Baum gebunden, erzählt sie, dann vergewaltigt und auf einem Feld ausgesetzt. »Die Freier hier«, sagt Irmscher, »sind oft schwer gestört. Sie schneiden den Frauen gerne mal die Haare ab oder setzen sie im Wald aus. Sie leben ihre Fantasien aus, für die sie in deutschen Bordellen eins auf die Fresse kriegen würden.« Und auch die Zuhälter seien brutaler: Würden Frauen widersprechen, käme es schon mal vor, dass sie »für einige Zeit in eiskaltes Wasser gesetzt« oder mit dem »Aufhängen an den Beinen« bedroht würden. Über 200 Frauen habe Karo bereits »rausgebracht«: »Manche springen einfach ins Auto und wollen, dass wir mit ihnen nach Deutschland abhauen.«

Die Sozialarbeiterinnen von Karo verfolgen verschiedene Ziele. Zunächst wollen sie die Frauen vor schweren Krankheiten bewahren – die meisten der Prostituierten sind bereits mit Hepatitis, HIV, aber auch zunehmend mit Syphilis infiziert. Darüber hinaus wollen Irmscher und ihre Kollegen einen Einblick in die »Szene« bekommen. Wie brutal sind die Freier? Woher kommen die Frauen? Es ist schwer, das herauszufinden. »Hier werden die Mädchen ja ständig von einem Dorf ins andere verschoben«, sagt Irmscher.

Während die Politik die Freierbestrafung diskutiert, um den Frauen zu helfen, kämpft Karo ums Überleben. In der tschechischen Dependance des Vereins steht gerade einmal ein alter gynäkologischer Stuhl. Kein Arzt findet sich, um die Mädchen zu untersuchen. Das ist kein Zufall. Der selbstzufrieden wirkende Polizeichef der Stadt Cheb, Jaroslav Kerbic, beklagt, die Sozialarbeiter hätten »Schande über die Stadt gebracht«. Es sei doch schon genug Schmach, dass die deutschen Freier kämen. Man brauche nicht auch noch deutsche Frauen, die den Tschechen erklärten, was hier auf den Straßen eigentlich los sei. Auf der anderen Seite der Grenze hat der konservativ regierte Freistaat Sachsen Karo die Fördermittel gestrichen, weil es ja kein deutsches, sondern ein tschechisches Problem sei, um das sich der Verein kümmere. Dazu kommt noch der Skandal, den Cathrin Schauer, mehrfach ausgezeichnete Chefin von Karo, ausgelöst hat. Im Auftrag von Unicef hatte die streitbare Krankenschwester niedergeschrieben, was sie hier selbst gesehen haben will: Kinderprostitution und Pädophilie. Das war kurz vor dem EU-Beitritt des Landes. Die Innenminister Deutschlands und Tschechiens versicherten sich gegenseitig, Karo übertreibe. Seither lebt der Verein von begrenzten EU-Subventionen und Privatspenden, etwa von Alice Schwarzer.

Wie repräsentativ ist das, was Helfer wie Ludmilla Irmscher Tag für Tag erleben? Kürzlich legte die London School of Hygiene & Tropical Medicine eine sozialmedizinische Studie über Zwangsprostituierte in Europa vor. Die Forscher hatten Polizisten, Richter, Sozialarbeiter und Prostituierte interviewt. Alle befragten Frauen, so heißt es in der Studie, »gaben an, zu sexuellen Praktiken gezwungen worden zu sein«. Die meisten hatten zwischen zehn und 25 Männer täglich zu bedienen, manche bis zu 50. Die Mädchen berichteten von Gruppenvergewaltigungen, sie gaben an, mit Messern oder Zigaretten verwundet und vor allem immer wieder für lange Zeit alleine eingesperrt worden zu sein. Sie klagten über Knochenbrüche, Bewusstlosigkeit, Geschlechtskrankheiten, über bleibende Schäden nach Abtreibungen. Die Studie hält fest, dass bei vielen Frauen während ihrer traumatisierenden Zeit in den Bordellen chemische Reaktionen im Gehirn ablaufen, die die Wahrnehmung stören. Sie könnten sich später nur noch lückenhaft an ihre Zeit als Zwangsprostituierte erinnern.

In Plauen, in der Küche von Karo, sitzen jetzt drei ehemalige Zwangsprostituierte. Sie essen Bratwürste, lachen, rauchen, und sie erhalten hier langsam wieder so etwas wie menschliche Würde zurück. »Das Grundvertrauen dieser Mädchen wurde erschüttert«, erzählt Ludmilla Irmscher. Jetzt bereiten sie sich auf einen Deutschkurs vor. Die Lehrerin fragt, »wie ich die Damen ansprechen darf«. Ein Hausmeister schließt die Tür, »damit nicht alle reinglotzen«. Dann lernen sie das deutsche Alphabet.

Eine Frau hat nur noch ein paar Zähne, eine andere erzählt, sie wohne nun widerwillig bei ihrem ehemaligen Stammfreier, einem bayerischen Arbeiter. Das dritte Mädchen, eine Rom, bringt nur Wortfetzen hervor. Ob sie das Sprechen verlernt oder nie erlernt hat, wissen die Sozialarbeiterinnen nicht. Die Frau wurde von einem Touristen im Grenzwald gefunden. Sie sei durch Bordelle in halb Europa gekarrt worden, erzählt Irmscher. In Paris sei sie mit anderen Mädchen in einem Keller gelandet. Sie habe etwas von »Morden« erzählt. Es sei unklar, was sie damit meine.

Wie viele Opfer von Frauenhandel es in Deutschland gibt, kann niemand seriös angeben. Heidemarie Rall, Expertin für Frauenhandel des Bundeskriminalamtes (BKA), sagt: »Jede Schätzung ist unseriös.« Nur eines steht auch für sie fest: Die 642 Opfer (etwa 20 Prozent davon sind Deutsche), die das BKA im vergangenen Jahr erfasst hat, sind nur ein winziger Ausschnitt.

Fachleute weisen auf ein Problem, das durch Freierbestrafung nicht gelöst werden wird: die Betreuung der Frauen. »Wenn wir Freier bestrafen und diesen Sklavenmarkt aufbrechen wollen, dann müssen die Opfer beschützt werden. Die meisten fühlen sich völlig eingeschüchtert«, sagt Ludmilla Irmscher von Karo. Die Konsequenz: Nur fünf Prozent von ihnen sind bereit, vor Gericht auszusagen. Die meisten tauchen ab, werden abgeschoben oder sind so traumatisiert, dass ihre Aussagen nicht zu gebrauchen sind. »Wir haben hier Afrikanerinnen begleitet, die glaubten, verzaubert worden zu sein«, erzählt Julia Grohn, Rechtsanwältin und Koordinatorin der Zentralen Koordinierungs- und Beratungsstelle für Opfer von Menschenhandel in Niedersachsen. Auch die Polizei kennt die Nöte. »Ein Kilo Heroin«, sagt Heidemarie Rall vom BKA, »kann ich in den Schrank legen und bei Bedarf als Beweismittel vorlegen. Ein Opfer von Frauenhandel muss psychologisch stabilisiert werden.«

Doch auch die zuständigen Behörden ziehen längst nicht immer an einem Strang. Während Ausländerbehörden die »Illegalen« gerne schnell abschieben, kämpfen die Ermittler für einen längeren Aufenthalt, weil sie die Opfer in jahrelangen Prozessen als Zeugen brauchen. Opfervereine wiederum beklagen mangelnde Sensibilität der Bürokratie. »Die Frauen fühlen sich manchmal wie Beschuldigte. Viele werden nur so lange gut behandelt, wie sie gebraucht werden«, sagt Ulrike Gatzke vom Hamburger Verein Koofra, der Opfer von Menschenhandel betreut. Vor den Behörden, erklärt Opferanwältin Grohn, »müssen sie dann Dutzende Male jede Kleinigkeit schildern – sogar die Farbe ihrer Unterwäsche, die sie vor Jahren getragen haben«.

Zurück nach Moabit, in den Saal 537 des Landgerichts. Irina Nabreko, die als »Sklavia« dienen musste, hat dem Senat noch einmal jedes Detail ihres Martyriums geschildert. Ihr Zuhälter, sagt Opferanwältin Petersen, werde dennoch nur »einen Witz an Strafe bekommen«. Milde spürte auch der Menschenhändler, der die Brasilianerin Eva Santora misshandelte und die Russin Martina Breslowska verkaufte. Das Gericht verurteilte ihn zwar zu drei Jahren und sechs Monaten Haft, der Täter darf die Strafe aber vermutlich im offenen Vollzug ableisten. Der Vorwurf, er hätte die Frau vergewaltigt, erzählt Petersen, sei nach einem Deal zwischen Anklage und Verteidigung fallen gelassen worden, »ohne dass das Opfer auch nur als Zeugin geladen worden wäre«. Die Frau kämpft nun um Schmerzensgeld. Der Täter aber betreibt noch immer sein Bordell. So, sagt Anwältin Petersen, »sieht der alltägliche Sklavenhandel in Deutschland aus«.

* Die Namen sind von der Redaktion geändert
Benutzeravatar
tergram
 
Beiträge: 9124
Registriert: 12.12.2004, 18:21


Zurück zu Frauenforum



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron